In den Büros der Angewandten Geowissenschaften an der Universität Tübingen herrschte am Morgen nach der Flut in Braunsbach (Kreis Schwäbisch Hall) Umtriebigkeit. Die Geologen aus der Arbeitsgruppe von Christiane Zarfl (36) mobilisierten alle verfügbaren Kräfte für eine kurzfristige Forschungsexkursion ins Katastrophengebiet. Sie wollten so schnell wie möglich in Braunsbach sein, um ihre „forensischen Analysen“ anzustellen - wie Ermittler nach einem Kriminalfall. Ein Jahr später können sie nach ihren Auswertungen Zahlen zur Katastrophe nennen.

Forscherin Ana Lucía war noch nicht lange in der Tübinger Arbeitsgruppe, sie hatte zuvor an der Universität Bozen die Auswirkung von Unwettern in den Alpen untersucht. Für die 34-Jährige war es Glück, dass sie ausgerechnet jetzt in der Nähe von Braunsbach war. Sie konnte das Ausmaß des Unwetters mit den Eindrücken ihrer früheren Exkursionen in den Bergen vergleichen - eine Flut wie in Braunsbach komme vor allem in alpinen Regionen vor, sagt sie. Was sie interessierte: Wie hat das Unwetter die Landschaft verändert?
Auch Ana Lucia von der Universität Tübingen arbeitet in Braunsbach bei einer Forschungsexkursion.
Auch Ana Lucia von der Universität Tübingen arbeitet in Braunsbach bei einer Forschungsexkursion. | Bild: Ana Lucia (Universität Tübingen)

Am Tag zwei nach der Flut stand Lucía mit Kollegen in den Flussläufen bei Braunsbach, sechs Mal waren die Forscher insgesamt dort. Sie haben mit einer Drohne Luftbilder vom Katastrophengebiet aufgenommen, um sie mit früheren Luftaufnahmen zu vergleichen. Sie haben vermessen, auf welche Größe die beiden Flüsse in der Katastrophennacht angeschwollen waren. Der kleine Orlacher Bach, der im Normallfall zwei bis vier Meter breit ist, war während der Flut bis zu sechs Mal so breit, der Grimmbach, der flacher fließt, hat sich an manchen Stellen auf das zehnfache verbreitert.

Bilder von der Exkursion zeigen die Forscher in Zwergengröße neben den wie Mikadostäbe ineinander verschachtelten Baumstämmen. Im Orlacher Bach und dem Grimmbach den beiden Bächen, die von der Höhe her auf die Ortschaft zufließen, haben sich nach Erkenntnis der Forscher durch die Flut bis zu 6650 Kubikmeter Holz angesammelt.

„Wir müssen unbedingt hin“, hat sich auch der Hydrologe Axel Bronstert von der Universität Potsdam gedacht und ist mit seinen Doktoranden aufgebrochen. Bronstert rekonstruierte Niederschläge, Abflüsse, bewegte Sedimente und Geröll und die Schäden an Gebäuden. Seiner Einschätzung zufolge flossen allein im Orlacher Bach bis zu 150 Kubikmeter Wasser pro Sekunde ins Tal. „Das ist etwa so viel, wie wenn der Neckar bei Mittelwasser in dieses Dorf reinfließt“, sagt Bronstert.
Die Geschwindigkeit von drei Metern pro Sekunde, die es seiner Einschätzung nach im Ort gab, entspreche der Fließgeschwindigkeit eines Wildbachs in den Alpen.

48 Erdrutsche habe es im Flutgebiet gegeben. Bis zu 15 000 Kubikmeter Boden wurden mit der Flut fortgeschwemmt - so viel würde ungefähr anfallen, wenn man die Fläche eines Fußballfeldes zwei Meter tief ausgräbt. Mehr als drei mal so viel Geröll, bis zu 50 000 Kubikmeter, wurden ins Tal gespült.


Über die Analyse hinaus haben sich die Forscher auch damit beschäftigt, wie die Auswirkungen solcher Unwetter reduziert werden können. Doch die Möglichkeiten sind nicht üppig und bereits bekannt: etwa beim Brückenbau Platz für Hochwasser, Schwemmholz und Geröll lassen und gedeckelte Flussläufe so weit wie möglich öffnen. „Das war so ein starker Niederschlag, dass es kaum eine Rolle spielt“, sagt Bronstert über Braunsbach. Die Vorhersage und Warnung vor Starkregen und Sturzfluten sei in Deutschland aber zu verbessern, um Flutschäden künftig zu reduzieren. „Man muss jetzt strategisch dranbleiben und das Ereignis nicht nach zwei Jahren vergessen haben“, sagt Bronstert.

Der Grimmbach außerhalb von Braunsbach ist außerhalb des Ortes weiterhin so zu sehen, wie die Flut ihn aufgeweitet hat. „Das ist eine gute Initiative“, sagt Lucía. „Das ist ein Zeugnis dafür, was vor einem Jahr dort passiert ist.“ Die Forscher wollen ihre Ergebnisse im Herbst in Braunsbach vorstellen. Forschungsgruppenleiterin Zarfl sagt: „Wir möchten den Braunsbachern zeigen, was wir vor Ort untersucht haben, und für Fragen zur Verfügung stehen.“

Das Unwetter und die Folgen im Mai 2016: