Ist es Einbildung oder Tatsache? Die Fasnacht steckt mitten im Umbruch. Starke Indizien sprechen dafür: Bekannte Gesichter verschwinden von der Bühne und aus den Umzügen, neue Gruppen tauchen auf, die nicht ins althergebrachte Bild passen. Und dann die Aufnahme der Fasnacht ins nationale Kulturerbe. Als ob das nicht genug wäre, werden die Auflagen für Umzüge und Narrentreffen immer höher geschraubt. Wo früher ein paar Absperrungen und ein Festzelt reichten, werden die Vorschriften strenger.

Für Thomas Warndorf steht die Antwort fest: Fasnacht ist immer im Wandel, also auch die Edition Jahrgang 2018. Der ehemalige Stockacher Kulturamtsleiter ist aufmerksamer Begleiter und Akteur der verrückten Tage und hat schon manche Veränderung erlebt. Dazu gehört, dass man alte Zöpfe abschneidet – vor allem dann, wenn diese nicht mehr gepflegt und gebraucht werden. Frische Figuren und Masken kommen hoch, ungerufen, aber sie sind da. Ein Beispiel liefert die Guggenmusik. Als sie erstmals wie aus dem Nichts aufspielte, wurden diese bunten Haufen als laut und ungezügelt beklagt. Heute gehören die Tröten und Trommeln zur Akustik dazu – immerhin Livemusik und keine Konserve.

 

Der Ankläger geht

 

Warndorf verkörpert selbst den Wechsel. Er amtiert seit 18 Jahren als Kläger im Stockacher Narrengericht. Das ist eine gestaltende Aufgabe, von der auch das Gelingen des „Prozesses“ abhängt – er soll ja zum allseitigen Vergnügen beitragen. Thomas Warndorf wird in diesem Jahr zum letzten Mal das große Wort führen und dann aufhören. Für ihn ist das ein normaler Vorgang. Wandel, sagt er, schadet der Fasnacht nicht. Er ist vielmehr Schwungrad für Weiterentwicklung.

Stockacher Narrengericht Anno 2010: Der närrische Kläger Thomas Warndorf rechnet mit der Angeklagten Renate Künast (Grüne) ab. Warndorf amtiert dieses Jahr zum letzten Mal.
Stockacher Narrengericht Anno 2010: Der närrische Kläger Thomas Warndorf rechnet mit der Angeklagten Renate Künast (Grüne) ab. Warndorf amtiert dieses Jahr zum letzten Mal. | Bild: Archiv SK

Deshalb ist der 72-Jährige von der Musealisierung der Fasnacht nicht begeistert. Ein Etikett wie das Weltkulturerbe hält er eher für schädlich. Es trage dazu bei, jedes Jahr die Platte vom Vorjahr aufzulegen. „Diese Auszeichnung ist wie eine Käseglocke, die man über die Fasnacht stülpt,“ sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung. Und noch etwas: Wenn Zünfte vor allem auf die Einhaltung von Vorschriften achten und die Frage, wer und wann weiße Handschuhe trägt und wer nicht, dann käme irgendwann der Spaß zu kurz. „Manches Mal hat man den Eindruck, Fasnacht ist etwas sehr Ernstes,“ sagt der Stockacher Narren-Jurist zur Konservierung des idealen Brauchtums.

Der Umbruch kann auch schmerzhaft sein. Für diesen Schmerz steht der Name von Alfred Heizmann, der im Oktober 2017 überraschend starb. Der Büttenredner und Dichter verkörperte wie wenige andere einen menschenfreundlichen Humor. „Jedem zur Freud, niemand zum Leid“, so seine Devise. Mit seinem Tod entfällt nicht nur ein wertvoller Programmpunkt in der Konstanzer Fasnacht. Auch dem SWR-Fernsehen mit der Übertragung aus dem Konzilgebäude wird in diesem Jahr die Stammwürze aus dem gut sortierten Heizmannschen Textkischtle fehlen. Wandel hinterlässt hier eine große Lücke, die absehbar keiner füllt. Ein Original geht, eine Kopie wird nicht einmal probiert. Anders gesagt: Ein Besserer kommt selten nach, Umbruch bedeutet im konkreten Fall auch Abbruch.

Original ohne Kopie: Der verstorbene Büttenredner Alfred Heizmann hinterlässt eine Lücke.
Original ohne Kopie: Der verstorbene Büttenredner Alfred Heizmann hinterlässt eine Lücke. | Bild: Aurelia Scherrer

 

Fasnachtstermine auf einen Blick

Die Zeit vor dem Schmutzigen Donnerstag ist kurz. Die Narren laufen sich bereits in Umzügen und närrischen Abenden warm. Diese großen Veranstaltungen könnten Sie interessieren:

  • In Tengen finden an diesem Wochenende die Narrentage zum 125. Jubiläum des Narrenvereins Kamelia statt. Mit einem Nachtumzug, Brauchtumsabend und Jubiläumsumzug. Erwartet werden 7000 Hästräger.
  • Am 27. und 28. Januar, finden die Narrentage der Narrenzunft Eichelklauber in Gailingen statt. Am sonntäglichen Umzug werden 4500 Hästräger erwartet.
  • In Friedrichshafen laden die Narren am Samstag, 10. 2. zum Narrensprung, in Immenstaad am 3. 2. zum Umzug.
  • Der Überlinger Hänselejuck findet am Fastnachtssamstag um 19 Uhr statt.
  • In Ostrach veranstaltet die Vereinigung Freier Oberschwäbischer Narrenzünfte (VFON) am Sonntag in Ostrach (Kreis Sigmaringen) einen Fasnachtsumzug (Beginn 13.45 Uhr). Erwartet werden 5500 Hästräger.
  • In Markdorf findet am Sonntag, 28. Januar, ab 13.40 Uhr ein Freundschafts­treffen des Alemannischen Narrenrings statt. Veranstalter ist die Narrenzunft Hugeloh Leimbach, die ihr 40-Jähriges feiert.
  • In Schramberg bejubelt das Publikum am 12. Februar von 13 Uhr an die Bach-Na-Fahrt. Recht bekannt und sehr amüsant, wenn die einzelnen Fahrer in ihren Motto-Zubern und -Floßen den Bach hinunterfahren.
  • Rottweil veranstaltet den Narrensprung am Montag, 12. Februar, um 8 Uhr, und am Dienstag, 13. Februar, 8 Uhr und 14 Uhr.
  • Aus Konstanz überträgt der SWR die Fernsehfasnacht live aus dem Konzil (ab 20.15 Uhr).
  • Das Stockacher Narrengericht klagt am Schmutzigen Donnerstag Innenminister Thomas Strobl (CDU) an.
  • In Villingen-Schwenningen laufen die Narren bei den großen Umzügen am Fasnachtsmontag und -dienstag zur Hochform auf.