Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) will mehr Werkrealschulen das Überleben sichern und dafür sorgen, dass mehr Kinder nach der Grundschule die passende weiterführende Schule besuchen. Bislang gehen nach ihrer Einschätzung zu viele Kinder auf Schulen, die nicht ihren Leistungen und Fähigkeiten entsprechen.

Wegfall der verbindlichen Grundschulempfehlung unter grün-rot

Die Entscheidung der grün-roten Vorgängerregierung, nach der die sogenannte Grundschulempfehlung nicht mehr verbindlich ist, sei ein Fehler gewesen. Zudem kündigte Eisenmann am Montag bei einer Veranstaltung des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) in Fellbach bei Stuttgart an, für den Erhalt von Werkrealschulen im Land sorgen zu wollen.

Vor etwa 12 Jahren habe es noch rund 1300 Werkrealschulen in Baden-Württemberg gegeben - jetzt seien es noch rund 450, wobei sich rund 200 im sogenannten Hinweisverfahren befänden. Das heißt, dass diese 200 Schulen nach dem Konzept der regionalen Schulentwicklung eigentlich zu klein zum Überleben wären. Es müssten aber Standorte erhalten bleiben. Dafür schaffe die grün-schwarze Regierung jetzt die gesetzliche Grundlage. Unter Umständen sei zu überlegen, ob man auch die eine oder andere Schule zur Werkrealschule umwandeln müsse.

Reine Hauptschulen gibt es im Südwesten kaum noch

Die Werkrealschule ist eine Besonderheit in Baden-Württemberg. Hauptschulen gibt es hier so gut wie nicht mehr. Sie haben sich zu Werkrealschulen gewandelt oder kooperieren für das Angebot eines zehnten Schuljahres mit einer Werkrealschule. Der durchgängige Bildungsgang kann nach fünf Jahren mit dem Hauptschul- und nach sechs Jahren mit dem Werkrealschulabschluss beendet werden. Das Besondere der Schulart ist die Berufsorientierung ab der achten Klasse. Der Werkrealschulabschluss ist als mittlerer Bildungsabschluss dem Realschulabschluss gleichwertig. Er berechtigt zum Besuch eines Berufskollegs oder eines beruflichen Gymnasiums.

Eine weitere «Baustelle» ist für Eisenmann der Übergang von der Grundschule auf eine weiterführende Schule. Viele Eltern ließen sich zwar von den Schulen beraten, setzten sich dann aber oft über den Rat der Pädagogen hinweg. «Ich habe manchmal den Eindruck, viele Eltern glauben: In Klasse fünf, das ist die Entscheidung fürs Leben. Das ist nicht so», sagte Eisenmann. Das Schulsystem in Baden-Württemberg sei durchlässig. Die Grundschulempfehlung ist die Empfehlung der Grundschule dazu, welche weiterführende Schulart für ein Kind nach der vierten Klasse geeignet ist. Grün-Rot hatte entschieden, dass seit dem Schuljahr 2012/2013 diese nicht mehr verbindlich ist.

Eisenmann hatte angekündigt, ein neues Konzept für den Übergang von der Grundschule auf weiterführende Schulen zu erarbeiten. Dabei soll auch die Grundschulempfehlung umgestaltet werden - nach bayerischem Vorbild. In dem Nachbarland müssen Eltern der weiterführenden Schule mehr Unterlagen vorlegen, die über den Werdegang des Schülers Aufschluss geben. Die oppositionelle SPD ist davon aber nicht überzeugt. Ihr Bildungsexperte Daniel Born betonte, vor allem die Grundschulen brauchten Entlastung. «Nur mit mehr Lehrkräften kann eine bessere individuelle Förderung der Kinder umgesetzt werden.»

Gewerkschaft kritisiert Zustände an Grundschulen

Die Bildungsgewerkschaft GEW und mehrere Schulleiter kritisierten unterdessen ebenfalls die Zustände an den Grundschulen. «Man hat manchmal das Gefühl, die Schule beginnt in Baden-Württemberg ab der fünften Klasse und wir sind quasi die Zulieferer der weiterführenden Schulen», sagte der Schulleiter der Fritz-Baur-Grundschule in Salem (Bodenseekreis) am Montag. GEW-Landeschefin Doro Moritz sagte, es brauche mehr Lehrerstellen: Nach den derzeitigen Plänen würden bis 2030 rund 4000 Stellen nicht besetzt werden können. In diesem Jahr seien 400 Stellen an Grundschulen offen geblieben.

Hintergrund der bildungspolitischen Debatten: Baden-Württembergs Schüler waren im Vergleich zu Schülern in anderen Bundesländern in ihren Leistungen abgesackt. Daraufhin hatte Eisenmann, die seit 2016 im Amt ist, eine Qualitätsoffensive aufgerufen. Am Montag kündigte sie auch an, nach einem Rechtschreibrahmen nun einen Grammatikrahmen erarbeiten zu wollen, an dem sich Deutschlehrer der Klassen eins bis zehn orientieren sollen. Er soll bis zum Frühsommer 2020 fertig sein und den Schulen ab dem Schuljahr 2020/21 zur Verfügung stehen. (dpa)