In Konstanz tobt mal wieder eine Revolution. Vordergründig geht es um die Rettung eines beliebten, aber finanziell angeschlagenen Kinos mitten in der Stadt. Tatsächlich geht es aber um viel mehr. Worum es wirklich geht, kann nur verstehen, wer mal einen Samstag in Konstanz erlebt hat.

Die Innenstadt ist überlaufen, in den engen Gassen drängen sich die Menschen ebenso wie die Autos auf den Straßen auf dem Weg in die Stadt. Die Parkhäuser sind voll. Sehr voll. Was für andere Städte ein Grund zum Jubeln wäre, hat sich in Konstanz längst ins Gegenteil verkehrt. Es gibt nicht wenige Konstanzer, die ihre Stadt am Wochenende meiden.

Zu viele Menschen, zu viel Konsum, zu viel Kommerz – es hat sich über Jahre ein subtiles Gefühl bei vielen Einheimischen festgemacht, dass das nicht mehr ihre Stadt ist, dass sie sich nicht mehr wohlfühlen in einer Stadt, die so sehr dem Konsum anheim gefallen ist.

Man muss diesen Hintergrund kennen, um zu verstehen, weshalb der Konflikt um die Rettung eines Kinos so groß werden konnte. Selbst überregionale Medien haben das Thema aufgegriffen.

Pachtvertrag aufgelöst

Die Faktenlage in der Sache ist ziemlich übersichtlich: Das Gebäude, in dem das Kino seit rund 80 Jahren untergebracht ist, gehört einer privaten Erbengemeinschaft. Weil der Kinobetreiber nicht mehr Pacht zahlen wollte als in der Vergangenheit – 5,60 Euro pro Quadratmeter – einigte man sich schließlich auf die Auflösung des ursprünglich noch bis 2018 geltenden Pachtvertrags. Das war im Juni 2015.

Der neue Generalpächter des Gebäudes, ein Investor aus Freiburg, und der Kinobetreiber gingen mit dieser Meldung damals gemeinsam an die Öffentlichkeit. Danach passierte, abgesehen von allgemeinem Bedauern über das Kino-Aus, erstmal nichts.

Das änderte sich schlagartig im Dezember 2015. Da wurde bekannt, dass der Drogeriekonzern dm eine weitere Filiale, es wird die fünfte in Konstanz, in den Räumen des ehemaligen Kinos errichten werde. Plötzlich regte sich Protest, eine Bürgerinitiative sammelte sich allmählich um den Slogan „Rettet das Scala!“ und es zeigte sich, dass dm in Konstanz ein ganz anderes Image hat als im Rest der Republik.

dm steht in Konstanz für den ungeliebten Einkaufstourismus

Viele Konstanzer denken bei der Drogeriekette nicht an Nachhaltigkeit, sondern an die an Samstagen leer gekauften Regale der verschiedenen Filialen. Mit anderen Worten – die Drogeriekette ist in Konstanz das Sinnbild für den von vielen negativ betrachteten Einkaufstourismus.

Es gibt nicht wenige Menschen in der Konzilstadt, die viel Geld darauf wetten würden, dass der Konflikt nie so groß geworden wäre, wenn ein anderer Mieter als dm eingezogen wäre.

Seit Januar wächst der Protest stetig, der Ton in der Auseinandersetzung wird rauer. „Wir haben 7000 Unterschriften für den Erhalt des Kinos gesammelt. Trotzdem hatten wir lange das Gefühl, von der Rathausspitze nicht ernst genommen zu werden“, erklärt Lutz Rauschnick, Sprecher der Bürgerinitiative. Sie hätten erwartet, dass sich die Stadt stärker einsetzt für den Erhalt des Kinos. Die Stadtverwaltung selbst fühlt sich zu Unrecht attackiert.
Man habe alles sorgfältig geprüft und abgewogen, es gebe keine andere Lösung als die Schließung des Kinos, heißt es aus dem Rathaus.

Inzwischen gibt es auch zwei Gutachten zu dem Thema. Eines von der Bürgerinitiative, eines von der Stadtverwaltung. Während das eine, die Chancen eines bauplanerischen Eingriffs durch die Stadt betont, sieht das andere vor allem das Risiko einer teuren Schadensersatzklage der Gebäudeeigentümer.

Die Entscheidung liegt jetzt beim Gemeinderat – am 21. April wird das Thema dort diskutiert. Wohl auch deshalb geht der neue Generalpächter des Gebäudes jetzt in die Offensive: Sollte sich die Stadt gegen seine Pläne stellen, werde er klagen.

Wie sich das Kino wandelt. Das Scala vor der Digitalisierung und danach: www.suedkurier.de/plus