Die Kirchen und Corona – wie reagieren die beiden großen Konfessionen auf das Versammlungsverbot, das auch für Gottesdienste gilt? Die Kirchen hätten vorschnell aufgegeben, hieß es in dem Text „Die Kirchen sind auf Tauchstation„ (Dienstag, 24. März) vom selben Autor, der auch diese Zeilen schreibt.

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Stattdessen hätten die Kirchengemeinden länger auf einem analogen Angebot bestehen sollen – also Kirche in der Kirche. Das Echo von Pfarrern und Kirchenältesten, Organistinnen, Mesnern, Gläubigen und Dekanen war gewaltig.

Die Mehrheit von ihnen empfand den Artikel als unangemessen, überheblich, realitätsfremd – je nach Schattierung. In große Verteiler eingespeist, kursierte der kirchenkritische Text in Gemeinden in ganz Deutschland, wie die Flut an Mails deutlich zeigte.

„Schweren Herzens abgesagt“

„Wir mussten schweren Herzens die angekündigten Andachten und Gottesdienste absagen“, schreibt stellvertretend für viele der Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Waldshut, Wieland Bopp-Hartwig. Wie die Mehrheit seiner Kollegen verweist er auf das staatliche Verbot. Man habe nicht etwa zum Gesetzesbrecher werden wollen oder zivilen Widerstand leisten wollen – wie das beim Kirchenasyl durchaus der Fall sein kann.

Einige Einwände sind berechtigt, sind fundiert: Kirche findet ja nicht nur am Sonntag statt, wenn die Glocken zum Gottesdienst rufen. Sondern auch unter der Woche. Noch immer versuchen Seelsorger, in die Krankenhäuser zu kommen.

Sie geben Sonderpfarrbriefe heraus, nehmen Dutzende an besorgten Anrufe entgegen und sorgen für ein pastorales Angebot im Internet. Sie gründen Hilfsplattformen für Einkaufshilfen. Am Bildschirm seien auch ältere Menschen munter unterwegs, schreibt eine Dekanin. Die im Kommentar geäußerte Vermutung, dass Senioren sich im Internet schwertun, sei falsch.

Aktiv unter anderen Vorzeichen

Kirche auf „Tauchstation“, auch das sei falsch. Darin sind sich etwa drei Viertel der Rückmeldungen einig. Vielmehr sei man präsent, aber nicht mehr unbedingt analog. Eine äußerst aktive und gut aufgestellte katholische wie evangelische Kirche – davon spricht die Mehrheit der Stimmen.

Noch etwas flackert in einigen Reaktionen auf: Ein Misstrauen den Medien und speziell dem SÜDKURIER gegenüber. Dabei ist das Medienhaus ein Arbeitgeber, der wie andere Betriebe auch versucht, so gut wie möglich durch schwierige Zeiten zu kommen.

Ein Betrieb mit etwa 800 Mitarbeitern und zahlreichen Freiberuflern. Er ist ein Medienhaus, das versucht, die Zeitung früh am Morgen in jeden Haushalt zu tragen – und zwar unter verschärften Bedingungen. Nicht zuletzt ist der SÜDKURIER im Internet präsent und bietet zahlreiche Corona-betreffende Inhalte kostenlos an. Medienschelte unter diesen Vorzeichen? Die feine Art ist es nicht. Man kann den Autor hauen und stechen, aber das Ganze stehenlassen.

Schreiben am Küchentisch?

Viele Kritiker sind erbost, wie jemand gewissermaßen vom Küchentisch aus einen derartigen Kommentar verfassen kann. Warum denn nicht? Wenn ein Journalist im Homeoffice bleibt, leistet er genauso den staatlichen Empfehlungen Folge wie ein Pfarrer, der keine Versammlungen mehr abhält. Wobei viele Reporter nach wie vor und im Rahmen des Vertretbaren hinausgehen und sich der Wirklichkeit aussetzen. Die Journalisten in den Lokalteilen dieser Zeitung wird man vor allem draußen anfinden.

Nicht zu vergessen: Es gibt auch manche Zustimmung. „Ihr Artikel hat mir aus der Seele gesprochen. Unser Institut bereitet eine Klage gegen das Gottesdienstverbot vor“, schreibt der katholische Propst Gerald Goesche aus Berlin. Und die Wochenzeitung „Die Zeit“ verfasste eine ganze Seite zu diesem Thema unter der Überschrift „Darf die Kirche die Türen schließen?“

Meinungsfreiheit gilt auch in Krisenzeiten

Ein Leitartikel ist Meinung pur. Er beruft sich auf das Recht der Meinungsfreiheit und schöpft diese aus, wenn er das Format wirklich mit Leben füllen will. Meinungsfreiheit gilt auch in Krisenzeiten, selbst wenn andere Grundrechte derzeit und aus gutem Grund beschnitten werden. Man kann Menschen verbieten, sich zu versammeln, aber keinem Menschen, seine Gedanken zu sammeln und zu Papier zu bringen.

Der Text „Die Kirchen sind auf Tauchstation„ kommt zu einem Ergebnis, das vielen kirchlich Verantwortlichen und engagierten Christen missfällt. Es ist aber das Recht eines Kommentars, dass er einen Punkt aufgreift, den andere anders sehen. Ein Leitartikel ist eine Momentaufnahme – aus dem Moment heraus in den Tag hineingeschrieben. Er kann und darf irren. In diesem Fall und ohne Umschweife: Der Autor würde den Text heute anders schreiben.

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