Wie sieht die Welt von oben aus? Fotos, die aus dem Flugzeug heraus geschossen werden, zählen zu den spannendsten Erinnerungen einer Flugreise.

Erich Meyer hat aus diesem Erlebnis einen Beruf gemacht – einen Traumberuf, wie man sagen kann. Seit bald 50 Jahren fotografiert er aus seiner Cessna heraus die Landschaft zwischen Hochrhein und südlichem Schwarzwald. Meist sucht der Ingenieur aus Hasel (bei Wehr im Kreis Waldshut) seine Motive bewusst aus. Oft fliegen ihm aber auch unerwartete Flugobjekte vor die Linse. Das sind dann wundersame Begegnungen in maximal 3000 Meter Höhe.

Die Krönung: Eine Gruppe von Kranichen hält auf die kleine Cessna zu. Im Hintergrund die südlichen Ausläufer des Schwarzwalds.
Die Krönung: Eine Gruppe von Kranichen hält auf die kleine Cessna zu. Im Hintergrund die südlichen Ausläufer des Schwarzwalds. | Bild: Erich Meyer

Der Blick für das besondere Bild

Erich Meyers Aufnahmen werden immer wieder in dieser Zeitung abgedruckt. Zuletzt war es der ungewöhnliche Baumkreis, den er im Glanz der Oktobersonne erwischte. Dieser und viele andere Schüsse machen deutlich, dass Technik nicht alles ist. Außer einem wendigen Flugzeug und der passenden Systemkamera braucht er den Blick für das besondere Bild. Und den hat er über die Jahre hinweg entwickelt.

Goldener Oktober überall und alle Laubwälder zeigen sich derzeit in prächtigen Herbstfarben. So auch ein ungewöhnliche Waldkreis auf dem Bergrücken des Dinkelbergs bei Maulburg im Kreis Lörrach. Dort haben nicht die Kelten, wie oft vermutet, sondern Überreste aus dem Zweiten Weltkrieg diesen Baumkreis geschaffen. Auf dem Höhenzug des Dinkelberges zwischen Südschwarzwald und der Schweizer Grenze stand in den letzten Kriegsjahren eine riesige Funkpeilanlage, die mit großer, drehbarer Richtantenne feindliche Flugzeuge orten sollte. Nach Ende des Krieges wurde die Anlage demontiert, aber das kreisrunde Fundament nicht vollständig zurück gebaut. Mittlerweile sind aus den Resten des Fundamentes Büsche und mächtige Bäume als kreisrunder Wald gewachsen.
Goldener Oktober überall und alle Laubwälder zeigen sich derzeit in prächtigen Herbstfarben. So auch ein ungewöhnliche Waldkreis auf dem Bergrücken des Dinkelbergs bei Maulburg im Kreis Lörrach. | Bild: Erich Meyer

Einmotorig mit 130 PS in der Luft

Der 67-Jährige ist von Haus aus Ingenieur für Maschinenbau. Den Beruf übte er lange aus, bevor er den Sprung in die Selbstständigkeit wagte. Er machte die Luftaufnahmen zum Broterwerb. Seine Kunden kommen aus den verschiedensten Branchen: Gemeinden wünschen ihr Neubaugebiet aus der Vogelperspektive, Privatleute bestellen den Draufblick auf ihr Anwesen, Firmen wollen Flächen fotografiert haben. Dafür setzt sich Meyer in seine Cessna 150 (früher Cessna 172), die ihn einmotorig und mit 130 PS nach oben bringt.

Seine Frau sitzt neben ihm

Genauer gesagt klettern zwei Leute in die zweisitzige Maschine. Neben Erich Meyer nimmt dann seine Frau Ursula Platz, die ebenfalls den Flugschein besitzt. Sobald das Motiv in Sicht kommt, verlässt er den Pilotensessel und klemmt sich an die Seite des Kleinflugzeugs. Er öffnet das Fenster und schiebt die Kamera mit langem Objektiv ins Freie. Während er fotografiert, beobachtet seine Frau den Luftraum. Das Flugzeug selbst hält den Kurs. "Man ist ja nie alleine unterwegs", berichtet er schmunzelnd.

Rendezvous in luftiger Höhe

Immer wieder gibt es spannende Begegnungen. 2015 traf er auf Augenhöhe auf einen Schwarm mit Kranichen, die vom Winterquartier zurückflogen. Das Auftauchen des Kleinflugzeugs zerschlug ihre Formation, die sie wenig später wieder herstellten. Ein andermal kreuzte sich Meyers Weg mit einer fliegenden Kuriosität: Von Basel aus kam eine Super Constellation mit vier Propeller-Motoren angeflogen. Die Oldtimer-Maschine von Lockheed gilt als eines der schönsten Flugzeuge. Die Begegnung war dieses Mal nicht zufällig, beide Piloten hatten sich zum Rendezvous verabredet.

Eine Schönheit der Lüfte: Mit dieser Super Constellation hatte sich Meyer verabredet. Von Basel aus kam sie mit ihren vier Propeller-Motoren angeflogen. Die Oldtimer-Maschine von Lockheed gilt als eines der schönsten Flugzeuge.
Eine Schönheit der Lüfte: Mit dieser Super Constellation hatte sich Meyer verabredet. Von Basel aus kam sie mit ihren vier Propeller-Motoren angeflogen. Die Oldtimer-Maschine von Lockheed gilt als eines der schönsten Flugzeuge. | Bild: Erich Meyer

Hochdecker lässt Sicht nach unten und zur Seite frei 

Er lobt die Cessna, weil sie ideal für diese Aufgabe ist. Der Zweisitzer wurde als Hochdecker konstruiert, dabei sind die Flügel oben angebracht. Das bedeutet, dass die Sicht nach unten und zur Seite frei ist. Die Fenster lassen sich öffnen, damit kann er unerwünschte Spiegelungen verhindern. So kann der Fotograf ohne Einschränkung arbeiten, während seine Frau nach bekannten oder unbekannten Flugobjekten Ausschau hält.

Alliierte erschwerten Erich Meyer die Arbeit

Vieles hat sich verändert, erzählt der Lichtbildner. Als Kamera greift er inzwischen zur Canon D5 (Teleobjektiv 70-200 mm). Einschneidender war eine rechtliche Neuerung: Als er seine ersten Luftbilder schoss, musste Erich Meyer noch jeden Abzug vom Regierungspräsidium (RP) genehmigen lassen. Schuld waren nicht die Bürokraten, sondern die Alliierten, die diese Regel nach dem Weltkrieg einführten; sie wollten jedes Foto kontrolliert haben und verhindern, dass Flieger verborgene militärische Standorte von Franzosen, Briten oder den USA auskundschaften. 1991 wurde die Zensur durch das RP aufgehoben. Seitdem darf von oben fotografiert werden ohne amtliche Genehmigung.

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