„Viel Regen, Kälte, Feuchtigkeit. Für die nächsten acht Wochen, mindestens.“ Das ist das Wetter, das sich Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU) und Max Reger, Chef des Landesbetriebs Forst in Baden-Württemberg, wünschen. Es ist Ende März, der Minister und der oberste Förster haben zum Gespräch über die Borkenkäferlage ins Ministerium nach Stuttgart geladen.

Aber der Blick aus dem Fenster nach draußen verheißt nichts Gutes. Strahlend blauer Himmel, Menschen, die im T-Shirt in der Frühlingssonne Eis essen. Bilderbuchwetter. Auch für Borkenkäfer. Um die 16 Grad brauchen die Käfer, deren Larven in den Stämmen oder im Boden überwintert haben. Dann fliegen sie aus. Zu Hunderttausenden.

Schweiz, Cham: Borkenkäfer fressen Löcher in die Rinde und den Bast einer Fichte im Frauentaler Wald. Wegen der anhaltenden Trockenheit und den hohen Temperaturen kam es in diesem Jahr zu einer Borkenkäferplage. Der Borkenkäfer sitzt zwischen Rinde und Holz im Baum und legt dort Eier. Die Larven, die aus den Eiern schlüpfen, fressen die Bastschicht des Baums.
Schweiz, Cham: Borkenkäfer fressen Löcher in die Rinde und den Bast einer Fichte im Frauentaler Wald. Wegen der anhaltenden Trockenheit und den hohen Temperaturen kam es in diesem Jahr zu einer Borkenkäferplage. Der Borkenkäfer sitzt zwischen Rinde und Holz im Baum und legt dort Eier. Die Larven, die aus den Eiern schlüpfen, fressen die Bastschicht des Baums. | Bild: Alexandra Wey (dpa)

Schädling brandgefährlich für Monokulturen 

Hauk und Reger tragen ernste Mienen. Vor Hauk stehen zwei große Schraubgläser aus Glas, beide etwa zur Hälfte gefüllt mit winzigen leblosen schwarzen Käfern. Es sind die für den Wald gefährlichsten beiden Borkenkäferarten. Ips Typographus, gemeinhin Buchdrucker genannt, rund einen halben Zentimeter groß.

Und im anderen Glas Pityogenes Chalcographus, der Kupferstecher, nur etwa halb so groß. Als Hauk ein paar von ihnen zur Demonstration auf seine Handfläche schütten will, rutscht ihm das Schraubglas aus der Hand. Hunderte von toten Kupferstechern ergießen sich über den Tisch. Hauk verzieht keine Miene. „Das passt, genau so ist es“, sagt er, schiebt die Käfer zusammen und zurück ins Glas.

Ein Borkenkäfer ist in einem Gang zu sehen, den das Insekt in den Stamm einer Fichte gefressen hat. Borkenkäfer haben im vergangenen Jahr in vielen deutschen Wäldern enorme Schäden angerichtet. «Die Insekten haben sich aufgrund der trockenen und warmen Witterungsverhältnisse besonders gut vermehrt», teilte das Julius-Kühn-Institut (JKI) auf Anfrage mit.
Ein Borkenkäfer ist in einem Gang zu sehen, den das Insekt in den Stamm einer Fichte gefressen hat. Borkenkäfer haben im vergangenen Jahr in vielen deutschen Wäldern enorme Schäden angerichtet. «Die Insekten haben sich aufgrund der trockenen und warmen Witterungsverhältnisse besonders gut vermehrt», teilte das Julius-Kühn-Institut (JKI) auf Anfrage mit. | Bild: Klaus-Dietmar Gabbert (dpa)

Wenn der Wettergott kein Einsehen hat, wird 2019 ein Fest für den Borkenkäfer. Und ein Horrorjahr für Waldbesitzer, den Forst und vor allem für die Fichte. Während der Borkenkäfer in einem durchmischten Wald willkommen ist und zum Ökosystem gehört wie Vögel und Insekten, ist er in Massen für Fichten-Monokulturen brandgefährlich. Die Käfer fliegen die Wirtsbäume an, bohren Löcher in die Rinde. Auf der Innenseite graben sie Gänge, die zur Eiablage dienen.

Durch die Bohrung wird die Baumabwehr ausgelöst, der Harzfluss. Einzelne Käfer werden getötet. Aber ihre Lockstoffe signalisieren den Artgenossen eine gute Brutstätte. Greifen zu viele Käfer an, kommt der Harzfluss des Baumes zum Erliegen. Die Versorgung des Baumes stockt, der Saftstrom versiegt. Die Nadeln werden rot und braun. Erst stirbt die Krone ab, dann der ganze Baum.

Holz als tickende Zeitbombe

Schon das Jahr 2018 war schwierig für die Forstwirtschaft. „Große Mengen an bruttauglichem Material, die dem Käfer in Verbindung mit Hitze und Trockenheit in die Karten gespielt haben, waren in den Wäldern“, sagt Minister Hauk. Drei Millionen Kubikmeter Wald wurden 2018 in Baden-Württemberg schon außerplanmäßig präventiv geschlagen, um dem Borkenkäfer zu Leibe zu rücken. „Das ist die einzige Chance – befallene Bäume erkennen, schlagen und entfernen“, sagt Hauk.

Aber im März 2019 war die Schadensmenge mit 185 000 Kubikmetern verbuchtem Käferholz bereits schon fünfmal so hoch wie in normalen Jahren – und das allermeiste ist noch in den Wäldern. „Tickende Zeitbomben“ nennt Hauk die Stämme. Denn eigentlich müsste das Käferholz schnellstmöglich raus aus dem Wald. Aber für Rundholztransporte in diesen Mengen fehlen Frachtkapazitäten. Das Schadholz hat den Markt gesättigt, die Preise sind eingebrochen. 100 Millionen Kubikmeter Holz liegen unverkäuflich in den Lagern.

Ein Borkenkäfer sitzt in der Baumrinde, daneben ein Streichholz zum Größenvergleich. Nur Regennässe, Kälte und Chemie können diesem Schädling gefährlich werden.
Ein Borkenkäfer sitzt in der Baumrinde, daneben ein Streichholz zum Größenvergleich. Nur Regennässe, Kälte und Chemie können diesem Schädling gefährlich werden. | Bild: Matthias Hiekel (dpa)

Das Land hat den Frischholzeinschlag in seinen Wäldern bis auf Weiteres gestoppt. Wer Holz hat, bleibt auf dem Schaden sitzen, ob Land, Kommune oder Privatwaldbesitzer. „Wir gleichen keine finanziellen Schäden aus“, sagt Peter Hauk. Alles, was Land und Bund tun, ist Unterstützung bei der Aufarbeitung.

Hauk fordert mehr Geld vom Bund im Kampf gegen die Schäden, auch das Land legt nach: Ab sofort gibt es Prämien für das Hacken von gefährdeten Baumgipfeln und schwachem Stammholz. Zudem will man auch Privatwaldbesitzern Nasslagerplätze anbieten, um das Holz zu konservieren für bessere Zeiten. Mit zehn Millionen Euro Mehrbedarf jährlich rechnet Hauk, und das ist nur die Prävention.

Käfer in drei Generationen

Aber was steht 2019 bevor? „Da braut sich eine prekäre Situation zusammen“, sagt Hauk. Denn während in normalen Jahren nur eine neue Generation Borkenkäfer schlüpft, hat sich in der Trockenheit von 2018 im Herbst die dritte Generation innerhalb eines Jahres ausgebildet. Die sitzen jetzt unter der Rinde an den Stämmen und warten auf warmes Wetter. Es ist eine Exponentialrechnung. In einem Fichtenstamm können rund 10 000 Käfer sitzen.

Die Hälfte davon sind Weibchen, von denen jedes durchschnittlich 60 Eier legt. Bei optimalen Bedingungen kann sich die Zahl der Käfer schon innerhalb einer Generation verdreißigfachen. „Ein befallener Stamm im Frühjahr heißt 400 bis 500 kranke Bäume im Herbst“ rechnet Hauk vor. Ob das größte Schadensjahr bevorsteht? „Das kann man noch nicht sagen“, sagt Hauk, selbst gelernter Forstwirt. Aber ersten Berechnungen nach könnten sich die Schäden 2019 auf 100 Millionen Euro summieren.

Rechts: Ein Forstrevierleiter steht mit einem Stück Rinde neben abgeholzten Fichtenstämmen. Auf der Rinde kann man das Fraßbild der Buchdrucker-Käferlarven sehen.
Rechts: Ein Forstrevierleiter steht mit einem Stück Rinde neben abgeholzten Fichtenstämmen. Auf der Rinde kann man das Fraßbild der Buchdrucker-Käferlarven sehen. | Bild: Lino Mirgeler (dpa )

2019 gibt es einen weiteren unwägbaren Faktor: das Totholz auf den Flächen des Nationalparks Schwarzwald. Eine ideale Brutstätte für Borkenkäfer, da der Mensch in den Kernzonen nicht eingreift. Die staatliche Forstwirtschaft hatte in den Managementzonen, den Grenzbereichen des Nationalparks, den Borkenkäfer gut im Griff. „Aber das waren Friedenszeiten“, sagt Hauk. „Der Belastungstest steht 2019 und in den nächsten Jahren erst noch bevor.“ Denn klar ist: Einem super Borkenkäferjahr folgen immer noch drei bis vier gute Borkenkäferjahre.

Kaltes Frühjahr und nasser Sommer würden helfen

Die Forstwirtschaft ist in Alarmbereitschaft, die Förster kontrollieren täglich. An die privaten Waldbesitzer können Hauk und sein Forstpräsident nur dringend appellieren, ihren Wald im Auge zu behalten und bei Befallszeichen sofort zu reagieren. Und eine chemische Bekämpfung des Borkenkäfers? „Das ist die Ultima Ratio“, sagt Forstpräsident Max Reger.

Die Hürden sind hoch, es braucht behördliche Sondergenehmigungen für jeweils einzeln definierte Fälle, und es ist ohnehin nur ein einziger Wirkstoff in den zertifizierten baden-württembergischen Wäldern zugelassen. „Kein Förster spritzt gern, das können Sie mir glauben. Niemand macht das ohne Not. Aber letztlich müssen Sie eine Güterabwägung machen und entscheiden: Habe ich weiter Wald – oder geht er komplett verloren?“ sagt Reger.

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Ist die Fichte nun verloren? Das Land lässt neue Waldeignungskarten erstellen, die veränderte Klimabedingungen berücksichtigen. „Viele Fichten gehören eigentlich nicht dahin, wo sie stehen“, sagt Hauk. Auf die Schnelle helfen würde jetzt aber nur noch ein nasses und kaltes Frühjahr und ein feuchter Sommer. Und auf die Dauer? „Das ist der Klimawandel“, sagt Hauk. Er schaut aus dem Fenster. Draußen scheint die Sonne. Das Thermometer zeigt 18 Grad.

Wie wertvoller Nadelholzbestand zerstört wird

  • Bedeutung der Fichte: Mehr als jeder dritte Baum in baden-württembergischen Wäldern ist eine Fichte. Ihr Anteil an der Waldfläche des Landes beträgt 34 Prozent, bundesweit sind es rund 26 Prozent. Die Fichte gilt als Brotbaum der Forstwirtschaft und sorgt für bis zu 90 Prozent des Ertrags der Holzwirtschaft. Sie wächst schnell, ist anspruchslos, und das Holz ist vielseitig verwendbar. Weite Waldflächen im Land, denen der ursprüngliche Mischwald seit Generationen abgeholzt ist, bestehen deshalb aus Fichten-Monokulturen.
  • Zwei Parasiten-Arten: Während sich der Kupferstecher kranke oder geschädigte Bäume sucht, bevorzugt der Buchdrucker ältere Fichten. Optimale Bruterfolge hat er in trockenen Jahren, in denen die Bäume durch Wassermangel geschwächt sind. Denn Fichten sind Flachwurzler, in trockenen Sommern leiden sie mehr als Tannen, deren tiefe Wurzeln mehr Feuchtigkeit ziehen können.
  • Schadenbilanz 2018: Das Sturmtief Eberhard hatte Anfang März für 500 000 Kubikmeter Sturmholz vor allem im nördlichen Baden-Württemberg gesorgt. Nassschneemassen im Frühjahr verursachten zudem viel Bruchholz. In diesen Bäumen sitzt das höchste Risiko für einen Borkenkäferbefall. Dann kam der Hitzesommer 2018. Die Situation war vergleichbar mit der von 2003. Damals, als vier Jahre nach dem Orkan „Lothar“ die Wälder voller Sturmholz lagen, sorgte ein Super-Sommer für die bislang schlimmste Borkenkäferplage.
  • Schleichender Kontrollverlust: Der Borkenkäfer ist auch da auf dem Vormarsch, wo Waldbesitzer untätig sind. Tobias Kühn, Leiter des städtischen Forstamts in Villingen-Schwenningen nennt das Stichwort: "Urbanisierung der Waldbesitzer." Diese lebten, so der Experte, nicht mehr in der Nähe ihres meist ererbten Waldes "und kümmern sich nicht mehr um die Bestände", so Kühn. Sei durch Borkenkäferbefall Gefahr in Verzug, könne der Einschlag angeordnet werden. Um die Kosten zu decken, wird das Holz verkauft, und der Besitzer wird benachrichtigt. "Bleibt vom Erlös etwas übrig, geht der Rest an den Besitzer." (uba/mic)