Seit zwei Jahren verpflichtet ein Gesetz Prostituierte und Betreiber von Rotlichtbetrieben zur Anmeldung. Prostituierte sollen so aus der Illegalität geholt, besser geschützt und beraten werden. Doch was hat sich in der Praxis seitdem verändert? Das baden-württembergische Sozialministerium lud am Donnerstag erstmals dazu Polizei und Behörden, Politik und Beratungsstellen, Prostituierte und Vertreter des Rotlichtgewerbes zum Austausch am Runden Tisch. Anschließend wurde beim öffentlichen Fachtag Prostitution weiterdiskutiert.

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Verbotsfrage wurde gar nicht diskutiert

Die Frage nach Sinn und Unsinn eines Prostitutionsverbots, für das sowieso der Bund zuständig ist, sei bewusst ausgeklammert worden, sagt Sozialminister Manfred Lucha (Grüne). „Darüber können wir uns ohnehin nicht einigen, die Sichtweisen sind zu verschieden. Das Ziel ist es, den Schutz der Personen in der Prostitution zu verbessern.“ Seine Bilanz: „Wir haben Nachholbedarf bei der Umsetzung des Gesetzes und dabei, die Zielgruppe zu erreichen.“

Die anschließende Diskussion ergab zumindest einen Konsens: Es ist Bewegung in das Gewerbe gekommen – allerdings nicht nur zum Guten. Die Richtung des Gesetzes stimmt zwar, es fehlt aber allenthalben an Personal und Mitteln. Und es gibt auch negative Folgen. „Positiv ist, dass wir deutlich mehr in Kontakt mit Prostituierten und Betreibern kommen“, berichtet etwa Evelyn Thumm vom Kreisgesundheitsamt Reutlingen.

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Beratung baut Misstrauen gegen Behörden ab

Das verpflichtende Beratungsgespräch, dem sich die Frauen – und wenigen Männer – stellen müssen, helfe zwar in Einzelfällen, das oft tief sitzende Misstrauen gegen Behörden abzubauen. Durch die Gesundheitsberatung ist etwa im Landkreis Reutlingen die Zahl der Schutzimpfungen für Prostituierte markant hochgeschnellt, auch Informationen zur Gesundheitsprävention werden dankbar angenommen. Vertrauen, das zu einer Ausstiegsperspektive führen könnte, ist damit aber noch lange nicht aufgebaut, weiß Thumm. „Und zu den wirklichen Risikogruppen bekommen wir keinen Zugang. Klar ist: Da wird viel in den Untergrund verdrängt“, sagt Thumm.

Puffbetreibern ist ein Notrufsystem zu teuer

Eine Entwicklung, die auch Albrecht Stadler vom Amt für öffentlichen Ordnung in Stuttgart bestätigt. Seit das Gesetz in Kraft ist, haben in Stuttgart 83 Rotlichtbetriebe neu eine Gewerbeerlaubnis beantragt. Die Stadt hat 30 davon abgelehnt, aber binnen zweier Jahre noch keinen davon genehmigt. Vielen Betreibern sind die baurechtlichen Anforderungen – etwa ein überwachtes Notrufsystem in allen Zimmern – zu hoch: „Da wird das Baurecht zum Prostitutionsverhinderungsgesetz und zum Grund für die Verlagerung in die Illegalität“, sagt Stadler.

Der Freier bekommt einen Anhörungsbogen – nach Hause

Positiv dagegen nennt er den erhöhten Kontrolldruck. Nicht nur Betreiber müssen in Stuttgart saftige Bußgelder bei Verstößen bezahlen. Ein – verbotenes – Anbahnungsgespräch auf der Straße kostet einen Freier 180 Euro, den amtlichen Anhörungsbogen nach Hause gibt es kostenlos obendrauf. „Das wirkt bei manchen Wunder“, sagt Stadler.

Der Preis für eine sexuelle Dienstleistung liegt bei 30 Euro. Allein für ein Zimmer in einem Bordell – hier in Freiburg – müssen Prostituierte im Schnitt 150 Euro Tagesmiete bezahlen.
Der Preis für eine sexuelle Dienstleistung liegt bei 30 Euro. Allein für ein Zimmer in einem Bordell – hier in Freiburg – müssen Prostituierte im Schnitt 150 Euro Tagesmiete bezahlen. | Bild: Patrick Seeger

Er räumt zudem auf mit der Mär von der selbstbestimmten Prostituierten, die ein Zimmer in einem Club mietet und dort „selbstständig“ ihre Dienste anbietet. „Da wird mit Ranzbuden Mietwucher betreiben“, sagt Stadler und nennt eine Tagesmiete von 150 Euro als Standard. „Bei einem Durchschnittsverdienst von 30 Euro pro sexueller Dienstleistung kann man sich ausrechnen, wie viel eine Frau anschaffen muss, damit überhaupt etwas verdient ist“, so Stadler.

Beratungsstellen brauchen mehr Geld

Julia Wege, Leiterin der Mannheimer Beratungsstelle Amalie, gibt dem Land Empfehlungen mit: „Wir brauchen eine qualitative Evaluation auf Landesebene, lokal eine bessere Vernetzung, die finanzielle Absicherung von Beratungsstellen und eine Studie über die Wirksamkeit der Beratungsgespräche aus Sicht der Frauen“, sagt Wege. „Denn wie die Frauen das erleben, wissen wir gar nicht.“ Genug Arbeit jedenfalls für den Runden Tisch, der künftig zweimal jährlich tagen soll.