Außen denkmalgeschützte Fassade, innen großzügiges hippes Workspace-Ambiente – Marian Schreier hat sich für seinen Auftakt zum OB-Wahlkampf am Samstag in Stuttgart die passende Adresse gesucht, um die Stadt zu erobern. #stadtneudenken – das ist sein Kampagnenmotto, das unter seinem Namen auf dem mannsgroßen Wahlplakat mit seinem Konterfei steht und zum Eingang lockt. Mitten im Herzen Stuttgarts flanieren am Nachmittag zahllose Passanten vorbei und riskieren einen Blick hinein auf die Bühne und den 29-Jährigen, der sich im November zum Oberbürgermeister der Landeshauptstadt wählen lassen will.

Video: Bäuerlein Ulrike

Schreier, blauer Anzug, offenes weißes Hemd, Sneaker, präsentiert hier seine Wahlkampfkampagne, die er zusammen mit der Züricher Agentur Rod entworfen hat – und stellt sich erstmals den Stuttgarter Bürgern vor. Es ist ein Heimspiel für den 29-Jährigen. Nicht wenige der knapp 200 Gäste, die sich drinnen um die Bühne drängen, stammen aus dem Stuttgarter Umfeld der Familie.

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Etwa Vater Manfred Schreier, Dirigent, Kirchenmusiker und emeritierte Professor der Trossinger Musikhochschule, als ehemaliger Kantor der Stuttgarter Stiftskirche in der Stadt weithin bekannt; Eberhard Grötzinger ist da, der Stuttgarter Pfarrer, der ihn konfirmiert und dann im Jahr 2015 auch getraut hat; aber auch Delia Soder, die einst mit ihm aufs Gymnasium in Stuttgart gegangen ist. Die Botschaft ist deutlich – Marian Schreier ist hier in Stuttgart kein Fremder, er ist ein Kind der Stadt.

Pfarrer Eberhard Grötzinger konfirmierte Marian Schreier einst in Stuttgart und traute ihn im Jahr 2015. Jetzt besuchte er den Wahlkampfauftakt.
Pfarrer Eberhard Grötzinger konfirmierte Marian Schreier einst in Stuttgart und traute ihn im Jahr 2015. Jetzt besuchte er den Wahlkampfauftakt. | Bild: Bäuerlein, Ulrike

Mit Wahlkampfmanager David Schärer geht Schreier zunächst vor die Presse, bevor es nach draußen auf die Bühne geht. Es geht noch kurz um die SPD, der Schreier angehört, deren Stuttgarter Kreisverband aber lieber den Fraktionschef im Gemeinderat, Martin Körner, unterstützt. „Ein offenes und faires Verfahren ist zu keinem Zeitpunkt möglich gewesen“, wiederholt Schreier, „aber ich bin und bleibe Sozialdemokrat.“

Das Thema ist abgehakt, Schreier geht als unabhängiger Kandidat ins Rennen – „nicht gegen die SPD, sondern für Stuttgart", sagt er und wünscht der SPD viel Glück. Aber auf die Unterstützung der Partei, der Helfer und das Expertenwissen der Fraktion kann er nicht bauen.

Marian Schreier mit Kampagnen-Manager David Schärer (links) von der Züricher Agentur Rod.
Marian Schreier mit Kampagnen-Manager David Schärer (links) von der Züricher Agentur Rod. | Bild: Bäuerlein, Ulrike

Schnell wird klar, dass Schreier sich für seinen Wahlkampf nicht irgendwen ins Boot geholt hat – die Züricher Agentur ist spezialisiert auf Kampagnen zu Beteiligungen und Volksbegehren in der Schweiz und bespielt digitale Kanäle und Plattformen so virtuos wie Schreiers Vater die Orgel. „Wir lancieren ein politisches Startup, eine Mitmachkampagne, die digital ‚State of the Art‘ ist“, kündigt Wahlkampfmanager Schärer an.

Ziele mit Bürgern erarbeiten

„Ich will einen Wahlkampf rund um Beteiligung führen“, sagt Schreier, „und so einen Bevölkerungsteil erreichen, der sonst politikfern ist. Im besten Fall werden sie als Multiplikatoren Teil der Kampagne.“ Zur Beteiligung gehört, dass Schreier seine konkreten Politikziele – abgesehen von vier Kernthemen wie einer Stiftung für Wohnraum oder einer zeitgemäßen Stadtverwaltung, die viel schneller handelt – im Wahlkampf mit den Bürgern erarbeiten will. „Klar ist: Wir gehen an den Start, um zu gewinnen. Ich führe einen Außenseiterwahlkampf, und ich bleibe der Underdog“, sagt Schreier. Aber vor allem will er vieles anders machen.

Breite digitale Unterstützerkampagne

Auf der Internetplattform „Nationbuilder“ ist seine Mitmachkampagne angesiedelt. „Wir setzen eine breite digitale Unterstützerkampagne auf, in die sich jeder einbringen kann, mit dem, was er hat. Mit Zeit, mit Talenten, mit Geld.“ Rund 250000 Euro, haben Schreier und sein Team ausgerechnet, brauchen sie, um wettbewerbsfähig zu sein im Stuttgarter OB-Wahlkampf. Einen „signifikanten Teil“ will Schreier aus eigener Tasche bezahlen, dann gibt es Spender – und eine Crowdfundingkampagne, bei der Unterstützer „kleine und Kleinstbeträge“ spenden können, wie Schreier sagt.

Irmgard Beck aus Stuttgart erhofft sich frischen Wind in der Kommunalpolitik.
Irmgard Beck aus Stuttgart erhofft sich frischen Wind in der Kommunalpolitik. | Bild: Bäuerlein, Ulrike

Irmgard Beck ist 76 Jahre alt, kommt im Internet zurecht und weiß ungefähr, was Crowdfunding ist. Die Stuttgarterin ist eine von vielen älteren Besuchern der Auftaktveranstaltung. Online beteiligen will sie sich nicht. „Das ist nicht mein Metier“, sagt sie. Aber dennoch ist sie höchst angetan von Schreiers Auftritt. „Der hat das richtige Alter und kennt sich aus damit, was die nächste Generation braucht“, sagt die Stuttgarterin, „der hat neue Ideen, das finde ich ganz toll.“

Rundum positiv bewerten Schreiers Auftritt auch zwei SPD-Weggefährten aus dem Hegau, die extra zur Präsentation angereist sind nach Stuttgart. Reinhard Veit und Arno Reiser aus Volkertshausen wünschen sich jedenfalls, dass der Tengener Bürgermeister, auf den sie große Stücke halten, auf den Stuttgarter OB-Sessel wechselt.

Reinhard Veit (links) und Arno Reiser sind aus der Hegau-Gemeinde Volkertshausen (Kreis Konstanz) nach Stuttgart gekommen, um den Wahlkampfauftakt von Marian Schreier mitzuerleben.
Reinhard Veit (links) und Arno Reiser sind aus der Hegau-Gemeinde Volkertshausen (Kreis Konstanz) nach Stuttgart gekommen, um den Wahlkampfauftakt von Marian Schreier mitzuerleben. | Bild: Bäuerlein, Ulrike

Sein Alter sehen sie nicht als Hindernis, im Gegenteil. „Seiner Generation gehört die Zukunft, und wer Veränderung will, muss junges Blut ran lassen. Von der Kompetenz her und seinen Fähigkeiten ist er den Aufgaben mit Sicherheit gewachsen“, glaubt Veit.

Und der Stuttgarter Thomas Zika, dessen Mutter aus Oberuhldingen am Bodensee stammt, hält Schreiers Alter gar für einen großen Vorteil. „Das ist mir recht“, sagt der 60-Jährige.

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Schreiers Hauptzielgruppe bewegt sich vor allem im Netz. Ob er damit ältere Bürger ausschließt? „Sicher nicht, die Nutzung digitaler Kanäle ist keine Altersfrage mehr“, zeigt er sich überzeugt. 75000 Stimmen, hat Schreiers Team ausgerechnet, reichen im ersten Wahlgang, um Chancen im zweiten Wahlgang zu haben – „und dann brauchen wir etwa 125000 Stimmen, um zu gewinnen“, sagt Schreier. Er weiß: Rund 120000 Wahlberechtigte in Stuttgart sind zwischen 16 und 35 Jahren alt. Und viele fühlen sich von der Kommunalpolitik, wie sie ihnen in der Stadt vorgelebt wird, nicht gemeint und gehört. Denen will Schreier ein Angebot machen.

Es scheint zu wirken. Delia Soder, die in Stuttgart aufs gleiche Gymnasium ging wie Schreier, hat ihre Freundin Katharina Fuchs mitgebracht.

Katharina Fuchs (links) und Delia Soder aus Stuttgart sind angetan von der Veranstaltung und dem jungen Kandidaten.
Katharina Fuchs (links) und Delia Soder aus Stuttgart sind angetan von der Veranstaltung und dem jungen Kandidaten. | Bild: Bäuerlein, Ulrike

„Ich finde ihn inspirierend, er hat gute Ideen und bringt Schwung in das verkrustete System der Kommunalpolitik hier“, sagt Studentin Fuchs.

Als Stuttgarter weiß Schreier auf jeden Fall, was sich hier gehört. Nach Rede und Kampagnenstart gibt es Maultäschle mit geschmälzten Zwiebeln und Kartoffelsalat – und Schreier ist ein begehrter Gesprächspartner. Am Ende ist er sichtlich begeistert von den Rückmeldungen.

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