Herr Probst, schauen Sie eigentlich TV-Serien wie „Bergretter“?

Ich sehe Serien wie „Bergdoktor“, „Bergretter“ oder „Medicopter“ zwiespältig und schaue mir das nicht an, weil ich bei zu vielen fachlichen Abläufen Einwände hätte. Aber der Erfolg zeigt, dass das Thema präsent ist und Bergrettung eine attraktive Tätigkeit ist. Das kommt rüber.

Vor drei Jahren wurden Sie mit einem Bergretter-Team durch die Dokuserie „Die Retter vom Feldberg“ quasi zu TV-Stars und machten die Geldnot der Bergwacht öffentlich. Was hat sich seitdem verändert?

2016 war die Lage dramatisch. Da standen wir kurz vor der Pleite. Im Vergleich dazu stehen wir heute gut da. Verschiedene Säulen unserer Finanzierung stehen auf einer anderen Basis. Die Benutzungsentgelte der Krankenkassen pro Einsatz sind mittlerweile doppelt so hoch. Damit bestreiten wir unsere laufenden Kosten wie Sprit, Wartung und Instandhaltung, Kleidung, Versicherung, Ausbildungskosten und so weiter.

Unsere zweite Säule sind die Investitionsfördermittel des Landes für alles, das teurer ist als 1500 Euro, wie Fahrzeuge, Funktechnik oder Anhänger. Bis 2016 hatten wir pro Jahr 70 000 Euro zur Verfügung, das reichte nicht einmal für ein einziges Fahrzeug. Jetzt sind es 350 000 Euro, dazu kommen noch Sondermittel. Das hilft uns, den Status quo zu bewahren. Der zweite Schritt wäre, sich aktiv nach vorne zu entwickeln.

Adrian Probst, Landeschef der Bergwacht
Adrian Probst, Landeschef der Bergwacht | Bild: Patrick Seeger

Was steht an?

In den nächsten Jahren wollen wir auf der Fläche präsenter werden, wir müssen einzelne weiße Flecken abdecken. Generell ist der mittlere Schwarzwald nicht so versorgt, wie er sein müsste. Etwa im Kinzigtal mit Hausach, Haslach, Gutach, Triberg bis nach Freudenstadt. Die größte Herausforderung aktuell ist die Bauoffensive. Wir planen neue Rettungswachen, sanieren oder erweitern die bestehenden. Zum Teil in Eigenleistung, zum Teil über Fördertöpfe des Landes. So eine Rettungswache kostet gut eine halbe Million Euro, davon fördert das Land die Hälfte. Die Gruppe vor Ort muss sehen, wo sie die andere Hälfte herbekommt. Und in Zukunft müssen wir uns auch inhaltlich anders aufstellen. Die Technik wird komplexer und anspruchsvoller. Ein einfaches Geländefahrzeug mit drei Seilen reicht heute nicht mehr aus.

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Hat sich die TV-Serie ausgezahlt?

Das Thema ist dadurch mehr ins Bewusstsein gerückt, auch bei Einheimischen. Wir brauchen Spenden, Fördermitglieder und Sponsoren, das ist die dritte Säule unserer Finanzierung. Diese Eigenmittel haben sich deutlich verbessert, sie reichen aber bei Weitem noch nicht aus. Wir sind für jede Zuwendung dankbar.

Gibt es einen Trend bei den Einsätzen?

Zum einen werden die Menschen älter und sind im Alter deutlich aktiver als früher. Ich nehme als Extrembeispiel immer den Fall eines 96-jährigen Gleitschirmfliegers, der aus einem Baum zu retten war. Heute ist eben mit 65 Jahren nicht nur Kaffeetrinken beim Nachbarn angesagt. Man geht langlaufen, skifahren, nimmt das E-Bike. Insgesamt lässt sich beobachten, dass etwa im Nordschwarzwald mit der Nationalparkregion, aber auch in anderen Gebieten der Tagestourismus deutlich nach oben geht. Auch Einheimische gehen mehr in die Natur.

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Sinkt die Alarmierungsschwelle?

Ja, das ist die zweite Sache. Man hat das Handy mit und die Gewissheit, dass einem geholfen wird. Deshalb ruft man auch früher den Rettungsdienst. Dem klassischen Schwarzwälder früher musste schon ein Gliedmaß fehlen, bevor der die Rettung alarmiert hat. Die Menschen da draußen werden nicht nur älter, sondern es werden auch insgesamt viel mehr. Im Skibereich verletzt sich relativ konstant einer von tausend. Aber wir registrieren, dass sich bei allem, was mit Schnee zu tun hat, aber nicht auf Skiern stattfindet wie Winterwandern und Schneeschuhwandern, die Zahlen steigen. Früher hatte man den Herzinfarkt zuhause, jetzt bekommt man ihn draußen.

Training im Gelände: Bergwacht-Rettungsübung am Feldberg.
Training im Gelände: Bergwacht-Rettungsübung am Feldberg. | Bild: Patrick Seeger

Im Schwarzwald gibt es bislang kaum Schnee – ist das für die Bergwacht ein guter oder ein schlechter Winter?

Ich würde eher von einer herausfordernden Situation sprechen. Wenn nur auf dem Feldberg Schnee liegt, sammelt sich dort auch das Publikum. Wir hatten dort in den letzten vier Wochen 150 Einsätze. Im letzten Winter waren es im gleichen Zeitraum unter 80. Das macht es planerisch und für die Mitarbeiter am Feldberg schwerer, die das Doppelte an Einsätzen bewältigen müssen. Und man muss Leute und Fahrzeuge umdisponieren.

Bergretter haben einen gewissen Nimbus und gelten als cool. Die Bergrettung Tirol etwa kann sich vor Nachwuchs gar nicht retten und siebt hart aus. Wie ist das im Schwarzwald?

Ganz ähnlich, da sind wir in einer wirklich glücklichen Lage. Wir haben keine Nachwuchssorgen und mancherorts so viele Bewerber, dass wir nicht alle aufnehmen können. Mittlerweile haben wir aber unsere Anforderungen erhöht. Man muss mehr leisten, um aktiver Bergretter werden zu können.

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