Trotz strahlender Sonne ist der Kirchenraum vernebelt. In duftenden Schwaden zieht schwerer Weihrauch von Bank zu Bank. Er erreicht auch die letzte Reihe, vermischt sich mit dem Rasierwasser der Männer und den diversen Moschussorten der Frauen. Der Messdiener betätigt mit sportlichem Ehrgeiz das Weihrauchfass, an dem auch kleine Schellen hängen.

Die Glöckchen reißen auch den Schläfrigen vom Hocker und helfen beim Sammeln der Konzentration. Jetzt betritt der Priester Issa den Altarraum. Ein würdiger Mann mit leuchtendem Messgewand, graumeliertem Bart, goldenem Kreuz und einer leuchtenden Samtkappe. Der Gottesdienst der syrisch-orthodoxen Christen beginnt. Nicht in Mossul oder Damaskus, sondern geradewegs in Deutschland. In Baden, und zwar in Allensbach am Bodensee, steigen Weihrauch und Menschenschweiß in diesen Sommerstunden gen Himmel.

So etwas wie das christliche Urvolk 

Sie nennen sich syrische Orthodoxe und gehören zur großen Gruppe der Aramäer. Die sind so etwas wie das christliche Urvolk. Die ersten und frühesten Menschen in der Antike, die sich zum Glauben der Jesus-Leute bekannten, als deren Glaube den meisten Menschen noch als "Ärgernis oder Dummheit" galt, wie Paulus das beschreibt.

Darauf sind sie stolz seit bald 2000 Jahren. Als andere Völker noch Bäume anbeteten (wie die Germanen) oder den Krieg für eine Gottheit hielten (Römer), hielten es die Aramäer mit einem gefolterten Menschen, der am Kreuz starb.

Das könnte Sie auch interessieren

Ihr Zentrum liegt in Pfullendorf 

Dieser feste Glaube hilft auch jenen Aramäern, die in Deutschland leben. Eine der Stützen ist Pfarrer Issa, der seine Schäfchen in Pfullendorf um sich versammelt. Dort liegt ihr Zentrum für Südbaden. Dazu hält er Gottesdienste in Konstanz, Lahr oder in Allensbach am Bodensee, wo er auf Einladung der evangelischen Gemeinde eine Sonntagsmesse hält.

Wenn die Orthodoxen einen Gottesdienst feiern, dann richtig. Unter zwei Stunden verlässt man die Kirche nicht, wenn Vater Issa singt, weiht und schließlich das heilige Brot austeilt, das er jedem Gläubigen auf die Zunge legt.

Pfarrer Issa ("Jesus") Gharib leitet die Gemeinde der Aramäer.
Pfarrer Issa ("Jesus") Gharib leitet die Gemeinde der Aramäer. | Bild: Uli Fricker / dpa

Die wichtigsten Stunden der Woche 

Der verschwenderische Umgang mit der Zeit geschieht aus gutem Grund: Die orthodoxe Liturgie zählt zu den wichtigsten Stunden der Woche. Sie hat hohe Priorität. In diesen zwei bis drei Stunden wird der Sonntag geheiligt. Die aramäische Gemeinde rüstet sich für die kommenden sechs Tage. Das ist die religiöse Funktion. Dazu kommt das soziale Moment: Die Aramäer leben als Christen im deutschen Exil.

Die meisten wanderten aus Syrien, Irak oder dem Libanon aus, weil sie dort bedroht wurden. Die religiöse Entleerung des arabischen Orients ist voll im Gang. Sie begann bereits vor der mörderischen und totalitären Politik des Islamischen Staates (IS) in den 90er Jahren. Mit dem Fundamentalismus der vergangenen 15 Jahre hat sie sich dramatisch verschärft.

Im Gottesdienst schwingen alle diese Momente mit: der Stolz auf das Erbe Jesu, die alte Sprache sowie das Zerbrechliche ihrer Kultur. Am Sonntag schmieden die Aramäer ihre Kommunität jedes Mal aufs Neue. Undenkbar, dass der Sonntags-Brunch oder langes Ausschlafen damit konkurrieren. Die Aramäer sind da, wenn es gilt.

Das Gemeindehaus der Aramäer in Pfullendorf. <em>Bild: </em>
Das Gemeindehaus der Aramäer in Pfullendorf. Bild: | Bild: Fahlbusch

Der Pfarrer heißt Issa wie Jesus

Die Parolen der Islamisten sind schlicht und brutal: Alles raus, was nicht dem Scharia-Islamismus huldigt. Betroffen sind Christen aller Konfessionen, aber auch Jesiden oder Zoroastrier. Auch Muslime anderer Richtungen haben im Weltbild des IS keine Chance. Denn sie gelten als Verräter an der Sache eines behaupteten Ur-Islam, wie ihn eine Handvoll von IS-Theologen zu kennen vorgibt.

Pfarrer Issa (Jesus) Gharib wanderte vor 30 Jahren nach Deutschland ein. Er studierte Theologie und wurde zum Priester geweiht. Nebenher und obendrein gründete er eine Familie mit vier Kindern. In sämtlichen Kirchen der Orthodoxie – ob Russen, Syrer, Serben – dürfen die einfachen Geistlichen heiraten.

Das hat auch praktische Vorteile: Beim Gottesdienst hilft die Familie mit. Die Ehefrau wirbelt in der Küche, die Söhne dienen als Kantoren, Messdiener. Die Orthodoxie fußt auf einer durchwegs konservativen Theologie. Im Altarraum sieht man nur Männer, die Frauen singen im Chor. Eine Genderdiskussion wird man hier nicht anzetteln wollen – das Wort gibt es im Arabischen nicht.

Starkes Symbol: Dieses Brote wird während der Eucharistie gebrochen. So stellt es den Leib Christi dar.
Starkes Symbol: Dieses Brote wird während der Eucharistie gebrochen. So stellt es den Leib Christi dar. | Bild: Uli Fricker / dpa

Das Einleben scheint gelungen 

Wie Familie Gharib werden die meisten dieser Christen in Deutschland bleiben. Sie sind fest integriert und genießen im Raum Pfullendorf einen guten Ruf. Sie gelten als geschäftstüchtig und sprechen Deutsch mit badischem Einschlag. Wenn die Gesichter nicht ein wenig anders gezeichnet wären, könnte man sie kaum von den Alteingesessenen im Dorf unterscheiden.

Das Einleben scheint also gelungen. Dafür gibt es augenfälliges Symbol: In Pfullendorf steht das Gemeindehaus der syrischen Aramäer. Der Schild des eingetragenen Vereins zeigt das Symbol der Aramäer (roter Adler auf gelbem Grund) sowie die deutschen Farben – und nicht die syrische Flagge. Es ist auch ein politisches Bekenntnis: 'Wir sind hier und wollen hier bleiben.' Die wenigsten wollen zurück, die Kinder sind hier geboren.

Einige wenige Christen harren in Syrien aus. In den Ruinen der Marien-Kirche in Deir Ezzor im Osten des Landes hält Patriarch Ignatius Aphrem II. (mit Stab) einen Gottesdienst. Die Stadt wurde soeben von der IS befreit.
Einige wenige Christen harren in Syrien aus. In den Ruinen der Marien-Kirche in Deir Ezzor im Osten des Landes hält Patriarch Ignatius Aphrem II. (mit Stab) einen Gottesdienst. Die Stadt war unlängst zuvor von der IS befreit. | Bild: AYHAM AL-MOHAMMAD

Dabei sind die Kontakte zur Heimat nie ganz abgebrochen. Den Krieg in ihrem Land (seit 2012) verfolgen der Geistliche und seine Gläubigen aufmerksam. Fast alle haben Verwandte dort, die Kontakte laufen hin und her. Dann spricht Gharib ein Paradox aus: Er hofft, dass nicht alle Christen den Platz räumen. Schließlich ist das doch altes Christenland. Die Getauften siedelten im Zweistromland sechs Jahrhunderte vor Mohammeds Reitern.

Der Patriarch sitzt in Damaskus 

Gharib zitiert das Oberhaupt der Syrisch-Orthodoxen, den Patriarchen Ignatius: "Ich kann euch nicht zwingen, zu bleiben. Doch brauchen wir alle irgendwo unsre Wurzeln." Die Wurzeln der arabisch sprechenden Christen stecken eindeutig im Nahen und Mittleren Osten. Der Patriarch gibt sein Gelobtes Land nicht auf. Er sitzt bis heute in Damaskus, unbeirrbar. Nur dort wirkt wer glaubwürdig.

Im Übrigen war diese Gemeinschaft stets mit dem drohenden Märtyrium verbunden. Seit dem späten 19. Jahrhundert war es für sie zunehmend riskant, sich als Christ zu bekennen. Während das Osmanische Reich noch duldsam war, stoppten der Nationalismus und schließlich die Jungtürkische Revolution in den 1910er Jahren das fruchtbare Nebeneinander. Christen wurden plötzlich geschnitten, verdrängt, verfolgt. Ihr wirtschaftlicher Erfolg rief die Neider auf den Plan. Der Genozid an den Armeniern ist der bekannteste ethnisch-religiöse Katastrophe für die Orthodoxen, aber nicht die einzige.

Moran Mor Ignatius Ephräm II. Karim ist seit dem 31. März 2014 der 123. „Patriarch von Antiochien und dem ganzen Orient“ der Syrisch-Orthodoxen Kirche.
Moran Mor Ignatius Ephräm II. Karim ist seit dem 31. März 2014 der 123. „Patriarch von Antiochien und dem ganzen Orient“ der Syrisch-Orthodoxen Kirche. Sein Sitz befindet sich weiterhin in Damaskus. | Bild: Gemeinfrei

Assad, Schützer der Christen?

Aus dieser Sicht und nur aus dieser Sicht wird verständlich, dass die meist syrischen Aramäer vom syrischen Präsidenten Assad voller Hochachtung sprechen. "Wir wollen, dass Assad bleibt", sagt ein Gemeindemitglied nach dem Gottesdienst, der namentlich nicht genannt werden will.

Er ist felsenfest überzeugt: "Ohne ihn wird es noch schlechter". Und die Giftgas-Angriffe Assads? Seine Waffenbrüderschaft mit Russland? "Das stimmt so nicht. Das ist eine Erfindung westlicher Medien". Assad sei besser als sein Bild hierzulande. Da schluckt der (ahnungslose) westliche Zuhörer trocken.

"Ich persönlich mag ihn" 

Starker Tobak. Patriarch Ignatius II. sagt es noch deutlicher: "Ich persönlich mag ihn, er ist ein guter Mensch und ein Mann, der unser Land vor Invasoren von außen beschützt. Unser Land wird von Dschihadisten aus über 86 Ländern angegriffen," zitiert ihn der Deutschlandfunk. Die Stellungnahme des höchsten Geistlichen dieser Konfession entspringt dem schieren Überlebenswillen.

Wobei über eines Konsens besteht: Der syrische Präsident ist säkular orientiert. Er hielt es nie mit den Islamisten, zumal er selbst einer Minderheit angehört (Aleviten). Er schikanierte die Christen in seinem Land nicht. Ähnlich wie Ex-Diktator Saddam Hussein, unter dem die Christen vergleichsweise gut abschnitten, weil sie parierten und ihre Steuer zahlten.

Die Klingeln sind stumm 

Von der Not ist an diesem Sonntagnachmittag nichts zu spüren. Die Kinder in den Bänken zerren allmählich an den Nerven ihrer Eltern. Der Gottesdienst neigt sich dem Ende zu, der Weihrauch ist erloschen, die Klingeln sind stumm. Zum letzten Mal heute stimmt der Frauenchor seine kehligen Melodien an. Issa antworten ihnen mit schroff-kantigen Hymnen, die spontan an den Ruf des Muezzins erinnern.

Dass Muslime und Christen in derselben geografischen Kinderstube groß wurden, hört man. Beide sprechen Arabisch – wobei bei den Orthodoxen noch das Aramäische als Sprache der Liturgie hinzukommt. Wenn man die Augen schließt, beginnt die Zeitreise: Zurück in die Zeit vor 2000 Jahren, als Jesus durch das Weizenfeld zog.

Wie klingt das Vaterunser auf Aramäisch – der Sprache Jesu? Zwei Aramäerinnen sprechen es:

Video: Fricker, Ulrich

 

"Einige Alte werden die letzten Kirchen hüten"

Raid Gharib, 35, ist einer von vier Söhnen von Pfarrer Issa Gharib. Er ist ehrenamtlicher Diakon in seiner Kirche und im Hauptberuf bei der Dekra angestellt.
Raid Gharib, 35, ist einer von vier Söhnen von Pfarrer Issa Gharib. Er ist ehrenamtlicher Diakon in seiner Kirche und im Hauptberuf bei der Dekra angestellt. | Bild: privat

Herr Gharib, werden in 30 Jahren noch Christen im Irak oder in Syrien leben?

Es wird sie in einer Generation wohl noch geben, aber wenn der Exodus weiter anhält, dann nur als Museums-Christen. Einige alte Familien werden die letzten Kirchen hüten, weil ihnen nichts anderes übrig bleibt. Oder weil sie am Land hängen. Aber es wird kein vitales Christentum mehr sein.

Der Bürgerkrieg in Syrien wird irgendwann zu Ende sein. Dann könnten christliche Familien wieder zurückgehen.

Im Prinzip ja. Nur würden diese Christen dann ins Ungewisse zurückwandern. Ihre Sicherheit ist nicht gewährleistet, warum sollten sie also zurück? Auch die politischen Vorzeichen sind schwer zu deuten. Bricht der Krieg von Neuem aus? Und welche Rolle spielt der Islam, der Islamismus? Welche Rechte werden Sie haben? Von der Wirtschaft ganz zu schweigen, sie liegt am Boden. Ein potenzieller Rückwanderer fragt sich doch: Welches Leben werde ich dort führen?

Welche Rolle spielt der Islamische Staat (IS) in Syrien ?

Er hat viele unserer Kirchen zerstört. Wo der IS eroberte und herrschte, zertrümmerten seine Leute gezielt sakrale Bauten. Die Christen in der Ninive-Ebene im Irak wurden vom IS angegriffen und vertrieben. Die Rückkehr dorthin gestaltet sich schwierig.

Als der IS auf dem Zenit stand, also vor drei bis vier Jahren, sammelten orientalische Christen in Deutschland Geld, um damit Waffen für die Christen in Syrien zu kaufen. Haben Sie auch gesammelt?

Das war zur Zeit des größten Chaos in Syrien. Die deutsche Diaspora unterstützte den Waffenkauf. Damit sollten nicht etwa Milizen ausgerüstet werden, sondern Polizeikräfte vor Ort. Uns ging es um die labile Ordnung, um Schulen und Straßen, nicht um Kriegführung.

Wie können Sie das verantworten?

Es war aber immer klar, dass das eine Ausnahme ist. Sie war gerechtfertigt, weil es den Staat faktisch nicht mehr gab und jede Ordnung untergraben war. Uns ist klar, dass sich Christen nicht selbst bewaffnen sollten. Sie haben sich nie als Kriegspartei gesehen.

Wie ist das Verhältnis zu den Jesiden?

Das war über die Jahrzehnte hinweg gut. Sie haben Gemeinsamkeiten mit den Aramäern. Beide Religionen vertreten Minderheiten und wurden immer wieder verfolgt. Sie teilen ein ähnliches Schicksal. So etwas verbindet.

Fragen: Uli Fricker