Frau Mann, das Weltkloster wurde 1999 gegründet. Wegweisend war hierfür die Arbeit des Tübinger Theologen Hans Küng, dessen Buch „Weltethos“ den Dialog zwischen den Religionen anregt. Was ist aus der Idee geworden?

Der Gedanke des interreligiösen Dialogs ist nach wie vor Kern unseres Projekts Weltkloster. Allerdings hat sich der Ansatz etwas verschoben. Damals haben sich sehr viele Menschen in Radolfzell für die Idee engagiert, auf den Dialog der Weltreligionen zu setzen, und das ist ein wichtiger Teil von Friedensarbeit. Aus der Bodenseeregion sind schon immer neue religiöse Impulse hervorgegangen, dafür hatten die Unterstützer dieses Projekts ein Gespür. Wir glauben heute, dass ein Dialog zwischen Religionen nur funktionieren kann, wenn man auf die Ebene der inneren Erfahrung geht. Dabei orientieren wir uns auch an der in Rom beheimateten internationalen Kommission von Benediktiner- und Zisterziensermönchen (Dimmid), die den monastischen innerreligiösen Dialog fördern.

Sitz des Weltklosters ist das ehemalige Kapuzinerkloster in Radolfzell. Wie muss man sich das vorstellen: Kommen dort Menschen zusammen, die verschiedensten Religionen angehören?

Es sind vornehmlich Ordensleute und Geistliche, weil sie die Experten für den spirituellen Alltag sind und damit für das, was im Weltkloster praktiziert wird. Es zeigt sich, dass es trotz aller Unterschiede sehr viele Parallelen gibt.

Da trifft also ein katholischer auf einen buddhistischen Mönch?

Genau. Die ersten Dialogpartner waren ein Benediktinerpater aus der Erzabtei St. Ottilien, der in einen Austausch über mehrere Tage mit einem buddhistischen Mönch ging. Beide hatten schon lange Dialogerfahrung.

Was kommt am Ende bei einem Dialog heraus – kann ich mir das so vorstellen: Da leben zwei Geistliche ein paar Tage zusammen, diskutieren miteinander und gehen dann wieder auseinander?

So ungefähr. Die Mönche kommen nicht nur einmal zu uns. Wir sehen sie auch als Weltklostergemeinschaft. Sie haben einen streng strukturierten monastischen Tagesablauf – aufstehen, gemeinsames Beten, meditieren, gemeinsame Mahlzeiten und zweimal am Tag je 90 Minuten ein Dialoggespräch. Das wird in der Regel aufgenommen. Wir möchten das Ergebnis als Teil einer Schriftenreihe veröffentlichen. Für die Öffentlichkeit bieten wir außerdem einen Dialogabend an.

Nehmen wir an, die beiden sprechen über Gott. Sagt dann jeder, wie Gott aus Sicht seiner Religion funktioniert?

Ja, was man sich unter dem Gottes-Begriff vorstellt. Ein Dialog entwickelt sich an der Begeisterung, am Interesse des Gesprächspartners.

Sind auch Moslems unter den Gästen?

Jede religiöse Richtung ist vertreten, das Judentum ebenso wie der Hinduismus und der Islam. Wir arbeiten mit Sufis zusammen. Der Sufismus ist eine der Strömungen im Islam, die asketische Tendenzen und eine spirituelle Orientierung aufweisen. Wir hatten zudem eine Veranstaltung zwischen einem muslimischen Sozialarbeiter aus Mannheim und einem Quäker, dem Vertreter einer Abspaltung des Christentums. Daraus ging hervor, wie zentral Sozialarbeit für den Islam ist.

Ihre Arbeit gründet also auf Toleranz?

Ja, das ist Voraussetzung für uns. Wir sind ein pluralistisches Projekt und hatten auch fünf Jahre lang zwei christliche Schwestern, die hier gelebt haben: Schwester Canisia von Hegne, die mit 88 wieder in ihr Kloster nach Hegne zurückgekehrt ist. Und Sr. Anandi aus Südindien, die ebenfalls dem Orden der Heilig Kreuz Schwestern angehört und wieder in ihre Heimat zurückkehren musste. Es war spannend, die unterschiedlichen Formen von Spiritualität zu erleben. Momentan lebt die buddhistische Nonne Jinpa Konchok Chodron bei uns.

Angesichts einer wachsenden religiösen Intoleranz dürfte Ihre Arbeit nicht überall auf Gegenliebe stoßen.

Wir sind dazu eine Art Gegenprogramm. Wobei jeder willkommen ist, der gerne streitet und daran interessiert ist, dass man eine gemeinsame Basis von ethischem und mitfühlendem Handeln herausarbeitet.

Was machen denn die beiden Mönche mit ihren Erfahrungen, die sie beim Dialog gewonnen haben?

Man muss sich das Weltkloster wie ein Netz vorstellen. Ein Beispiel: Ich stehe in engem Kontakt zu dem Jesuiten Sebastian Painadath, der für das katholische Hilfswerk Missio arbeitet. Wir haben wiederum mit Krishna Premarupa, dem Leiter des Krishna Tempels Zürich kooperiert, unter anderem im Benediktinerkloster Münsterschwarzach. So wächst das Netzwerk.

Wie finanzieren Sie sich?

Durch Beiträge und Spenden. Die meisten arbeiten ehrenamtlich. Im letzten Jahr hat uns eine größere Spende sehr viel weitergeholfen. Damit können wir noch einen Arbeitsplatz bis nächstes Jahr zahlen.

Was ist das Ziel des Weltklosters – wird es irgendwann ein Kloster geben?

Wir sind ja schon im Ansatz ein Kloster. Auch dank der Stadt Radolfzell, die uns miet- und nebenkostenfrei in diesen Räumen untergebracht hat. Darüber hinaus möchte das Weltkloster diese Form des Dialogs bekannter machen. Daran ist auch die Großspende geknüpft. Und wir arbeiten auch interdisziplinär. Es geht darum, Friedensarbeit im weitesten Sinne voranzutreiben.