Es war neblig am Bodensee, als sich kurz vor Weihnachten 2018 eine große Gesellschaft aus Politik, Verwaltung und Bauunternehmen zum Spatenstich für das Projekt „B33 Tunnel Waldsiedlung“ traf. Das Festzelt stand auf einer zu dieser Jahreszeit nicht mehr grünen Wiese; wenige Meter entfernt quälte sich der Verkehr über die alte B 33 von und nach Konstanz – damit sollte durch diese Baumaßnahme Schluss gemacht werden.

Spatenstich
Bild: STORZ / Mahrholdt

„Eines der größten und wichtigsten Straßenbauprojekte im Regierungsbezirk“ nannten es übereinstimmend Steffen Bilger, Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, Landesverkehrsminister Winfried Hermann und Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer. Veranschlagte Baukosten für diesen Bauabschnitt E: 60 Mio. Euro.

Dieser Abschnitt misst 1,2 km. Davon hat der Waldsiedlungstunnel eine Länge von 745 m. Er teilt sich auf ein überschüttetes Tunnelbauwerk (474 m) und zwei Trogbauwerke von 203 m bzw. 68 m Länge. Allein der Aushub der Baugrube belief sich auf 170.000 m3 Boden. Das Projekt wurde in einer Arge realisiert: Während Baresel für den Beton-Bau des Tunnels und der Trogbauwerke zuständig war, lag die Verantwortung für Erd- und Straßenbau bei den Unternehmen Storz und Schleith.

Vorarbeiten
Bild: STORZ / Mahrholdt

Die Kunst, nahe am Wasser im Trockenen zu bauen

Kurze Zeit nach diesem Spatenstich begann für Kai Penkwitz seine bis dahin größte berufliche Herausforderung. Der damals 39jährige Storz-Polier war auf dieser Großbaustelle verantwortlich für die praktische Umsetzung des Projektes. Poliere der anderen Arge-Partner waren ihm zugeteilt. „Das war damals meine Feuertaufe“, sagt er rückblickend.

April 2019 – Der Bodensee liegt im Süden nur einen Steinwurf entfernt, von den Hängen des Bodanrück im Norden drückt das Grundwasser – dazwischen soll also der Tunnel Waldsiedlung entstehen. Dieser Teilabschnitt der Neugestaltung der B33 zählt wohl zu den kompliziertesten des gesamten Projektes. Es gilt, ganz nahe am Wasser im Trockenen zu bauen – und zwar nicht im übertragenen Sinne.

Bauen in sensibler
Bild: STORZ / Mahrholdt

„Arbeiten, wo andere Urlaub machen“

Dieser Satz treffe hier besonders zu, meint Penkwitz mit Blick auf die nahe Insel Reichenau und das Wollmatinger Ried. Aber wenn er ergänzt, dass er auf dieser Baustelle schon einmal 14 km pro Tag zu Fuß zurückgelegte, dann wird klar, dass er damit keine Spaziergänge meint.

Insbesondere das Wasser habe Sorgen gemacht. Man habe zunächst eine Grundwasserkommunikation angelegt, längs der kompletten Baugrube eine nord- und südseitige Drainage eingebaut. Das heißt praktisch: Alle 30 m führen Schächte nach unten, in denen von der nördlichen Hangseite drückendes Wasser gesammelt, in 15 m Tiefe durch Kanalrohre nach Süden abgeleitet und jenseits der entstehenden Baugrube wieder hochgepumpt wird, um anschließend durch ein Versickerungssystem in Richtung See abzufließen. In diesen sogenannten Dükern liefen die Pumpen damals 24 Stunden am Tag, erläutert Penkwitz.

Wasser
Bild: STORZ / Mahrholdt

Dann folgte der Vorabtrag. Unzählige LKW fuhren Sand und kiesiges Moränenmaterial ab, auf dem Rückweg brachten sie Schotter. Auf den ersten Blick ein Widerspruch. Doch für den künftigen Tunnel Waldsiedlung und die beiden Einlauf- und Auslaufbauwerke musste man ja die Baugrube ausheben. Das ging jedoch nur etappen- bzw. etagenweise. Denn die nötigen 1.200 Spundwände links und rechts, die über 20 m tief in den Erdboden reichten, ließen sich nicht in einem Rutsch in diesen Untergrund setzen. Vielmehr musste dieser vorbereitet werden. Dies geschah durch rund 1.800 Bohrlöcher, in die lockeres Material eingebracht wurde.

Schnelle Baufortschritte
Bild: STORZ / Mahrholdt

Das dafür nötige Bohrgerät allerdings wog rund 85 to, und wenn man dies nicht auf festen Grund gesetzt hätte, wäre es schlicht eingesunken, so Penkwitz. Deshalb habe man großflächig in der künftigen Baugrube Vlies ausgebracht und mit Schotter belegt, eine Baustraße geschaffen. Sobald die Spundwände auf eine gewisse Tiefe gesetzt seien, habe man wieder Schotter und Vlies entfernt, um weiteren Boden auszukoffern, um anschließend erneut Schotter und Vlies zu verlegen. Das Spiel habe dann von neuem begonnen, aber eben eine Etage tiefer. Penkwitz: „Es ging um die Kunst, nahe am Wasser im Trockenen zu bauen.“ Man schrieb den Sommer 2019.

Mit Riesenschritten in die Tiefe

So ging es mit Riesenschritten in die Tiefe. Das große Problem an dieser Baustelle nach wie vor: das Wasser. Manchmal habe es tagelang geregnet, erzählt Penkwitz: „Ein Tag Regen hat uns zwei Tage zurückgeworfen.“ Trotzdem wurde hier abgetragen, gebaggert, planiert. Ohne Winterpause, in atemberaubender Geschwindigkeit.

Im Winter 2020 bereits wurde an der westlichen Seite die Tunnelpforte fertig. Der Tunnel Waldsiedlung entstand blockweise. Jede Woche folgte eines von rund 10 m langen Elementen – insgesamt 46 an der Zahl. Zunächst wurde jeweils die Mittelwand errichtet, als „Rückgrat“ für den Schalwagen, der sich dann nach vorne arbeitete. Anschließend kamen die Wände und die Deckensegmente an die Reihe. Die Federführung für die Betonarbeiten hatte der Arge-Partner Baresel.

In einzelnen Bloecken
Bild: STORZ / Mahrholdt

Parallel dazu wurden die vor- und nachbereitenden Erdarbeiten erledigt. So galt es, in Richtung Osten die Sauberkeitsschicht herzustellen und dann darauf die Tunnelsohle zu betonieren.

Eine saubere Sache

Juli 2020 – Diese Großbaustelle ist international. Hier sprich man neben Deutsch auch Türkisch, Kroatisch, Polnisch oder Ungarisch. Einer der Bauleute ist Michael Schätzle. Er fährt mindestens vier Stunden am Tag eine große rote Kehrmaschine. „STORZ – wir reinigen für Sie“ prangt selbstironisch der Schriftzug am Tankaufbau. Im Sommer beginnt er bereits um 3 oder 4 Uhr, auf der Bundesstraße Bodenreste und Reifenspuren der LKW wegzukehren. Eine Visitenkarte für alle beteiligten Bauleute gegenüber der Öffentlichkeit. Schätzle erinnert sich, dass immer wieder Polizisten vorbeigeschaut hätten und die Sauberkeit der Straßen um die Baustelle herum lobten. Schätzle: „Hat Spaß gemacht, hier zu arbeiten!“

STORZ - Wir reinigen
Bild: STORZ / Mahrholdt

Die fertiggestellten Tunnelröhren sind zu diesem Zeitpunkt bereits begehbar, in ihnen ist es angenehm kühl. Sie führen zum aktuellen Zentrum der Baustelle. Hier setzen Eisenflechter die Bewehrungen für die letzten drei Sohlplatten zusammen und verbinden sie. Diese Blöcke 32 bis 34 haben den Storzianern und den Tunnelbauern vom Arge-Partner Baresel lange Zeit Sorgen gemacht wegen des drückenden Wassers. Aber jetzt scheinen die Dinge den richtigen Weg zu gehen.

Im Tunnelinneren
Bild: STORZ / Mahrholdt

Am Tunnelbauwerk selbst zieht ein großer Autokran eine Spunddiele nach der anderen aus dem Untergrund. 15 m lange Profile baumeln an seinem Ausleger. Sobald die Spundwände entfernt sind, kann man mit dem Hinterfüllen beginnen.

Dezember 2020 – Wo im Westen des Bauabschnitts E vor kurzer Zeit noch Brachflächen lagen, zeigt jetzt ein Erdplanum den konkreten Verlauf der künftigen B33 an. Im Osten sind nur noch wenige Tunnelelemente zu betonieren, dann ist das Bauwerk fertig. Man bereitet die Endphase des Baus vor; so werden Notgehwege betoniert und Schlitzrinnen gesetzt. Die Seitenwände des Tunnelbauwerks werden weiterhin mit Boden hinterfüttert. Auf Halde liegen noch rund 95.000 m3 Boden, die eingebaut werden sollen. Dazu gehört dann schließlich auch die Überdeckung des Bauwerks.

Das Tunnelbauwerk 2
Bild: STORZ / Mahrholdt

Bau mit nachhaltiger Note

Wasser und Nässe machen am Tunnel Waldsiedlung nach wie vor Sorgen, wenngleich auch die größten Hindernisse inzwischen haben umschifft werden können. Penkwitz: „Wir haben vom Tunnel Waldsiedlung und der hiesigen Geologie alle gelernt. Und diese Erfahrungen werden uns und die Tunnelbau-Kollegen später noch begleiten, wenn zwei weitere, noch größere Bauwerke im Westen errichtet werden.“

Juni 2021 – „So langsam wird‘s!“ Storz-Polier Kai Penkwitz sieht man die Zufriedenheit deutlich an: Inzwischen wurden die Asphalt-Schichten im Inneren des Tunnels Waldsiedlung sowie an den Zufahrten eingebaut. Jetzt nimmt der Bau in diesem Teil des Multi-Millionenprojektes endgültige Formen an. Das Besondere: Im Inneren des Bauwerks wurde die Frostschutzschicht mit Recyclingmaterial ausgeführt. Straßenbau mit nachhaltiger Note also.

Der Tunnel Waldsiedlung
Bild: STORZ / Mahrholdt

Zehn Arbeitstage hat der Einbau gedauert. 12.000 t Asphalt wurden auf einer Fläche von 17.000 m2 verbaut. Man hat Niedertemperatur-Asphalt verwendet, und im Tunnel die Fahrbahndecke mit Aufhellungsgestein versehen, um die Lichtverhältnisse für die Autofahrer zu verbessern.

Penkwitz und seine Kollegen freuen sich, dass sie trotz mancher Probleme beim Bau im Zeitplan bleiben konnten: „Wir hatten insgesamt eine sehr gute Zusammenarbeit aller – sonst wäre das alles nicht gegangen“, resümiert der Polier.

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