Herr Rottler, die erste Frage muss ich einem Schornsteinfeger einfach stellen: Bringen Sie Glück?

Ja, ich bringe Glück! Die Zünfte haben sich im Mittelalter gegründet und so zogen fortan auch die Schornsteinfeger von Gehöft zu Gehöft und reinigten die Schornsteine, was zuvor die Knechte taten. So gab es weniger Schadensfälle und man sagte: Wir haben Glück, der Schornsteinfeger war da. Bis heute sorgen wir für Sicherheit, denn wir überprüfen alle Feuerstätten rund ums Haus und führen Abgasmessungen durch. Somit bringen wir den Menschen Glück.

Und auch die Digitalisierung macht den Schornsteinfeger nicht überflüssig?

Nein, denn die Feuerstätten werden zwar effizienter, aber das heißt nicht, dass Parameter nicht ausfallen können. Jeder Ofen mit allen technischen Komponenten muss regelmäßig begutachtet werden, damit Gefahren reduziert werden. Wir Schornsteinfeger prüfen Feuerstätten auf Herz und Nieren, daher sind wir weiterhin und auch in Zukunft gefragt. Aber natürlich verändert sich unser Arbeitsbereich, wie in vielen anderen Handwerksberufen auch.

Bild 1: „Ohne Handwerk geht es nicht!“

Warum haben Sie sich als Sohn eines Landwirts für den Beruf Schornsteinfeger entschieden?

Mein älterer Bruder lernte schon Schornsteinfeger und ich fand Gefallen an seinen Erzählungen. Ich hatte aber ohnehin Interesse am Handwerk und schätze den hohen Anteil an Dienstleistung in unserem Beruf, den Kontakt mit den vielen Menschen. Mein Vater hat zwar versucht, mir andere Branchen schmackhaft zu machen, vom Werkzeugmacher in der Industrie über das Elektrohandwerk bis zu Heizung/Sanitär/Klima. Ich habe auch überall hineingeschnuppert, aber letztendlich kam der Kontakt zu meinem Ausbilder über den Musikverein im Ort. Meine Eltern hatten einen befreundeten Musiker, der Schornsteinfeger war und auch meinen älteren Bruder ausbildete. So konnte ich meine Eltern überzeugen, dass ich gerne auch Schornsteinfeger werden möchte. Ich habe die Wahl nie bereut, denn mein Beruf ist abwechslungsreich und wird durch ständig neue Technologien an der gesamten Gebäudehülle mit einhergehenden Fragen zur Energieversorgung, der Lüftung und Hygiene nie langweilig.

Bild 2: „Ohne Handwerk geht es nicht!“

Was sind die Vorteile der Selbstständigkeit? Und was sagen Sie jungen Menschen, die davor vielleicht Angst haben?

Angst muss niemand haben. Für mich ist der klare Vorteil, dass man sich im eigenen Betrieb eigenständig organisieren und entfalten kann. Aber natürlich muss man immer die Zukunft im Blick haben und sich überlegen, wie man vorsorgen kann für Zeiten, in denen es nicht so glatt läuft. In der Pandemie zum Beispiel haben viele Handwerksbetriebe Dinge in der Werkstatt oder in der Verwaltung aufgearbeitet, die liegen geblieben waren. So lassen sich die To-do-Listen reduzieren.

Warum sollten sich junge Menschen fürs Handwerk begeistern?

Ich finde das Hineinhören in die jungen Menschen ganz wichtig. Es gibt so viele Berufe und jeder muss für sich entscheiden, wo die Fähigkeiten und Interessen liegen. Ich empfehle, über Praktika in Betriebe hineinzuschnuppern und offen zu sein für verschiedene Wege. Meiner Meinung nach hat die Gesellschaft hier einen entscheidenden Fehler begangen, indem über Jahrzehnte immer propagiert wurde, junge Menschen müssten nach der Schule in eine Richtung gehen, zum Beispiel studieren. Aber ich kann nur Werbung für die offene Berufsorientierung machen – und zwar an allen Schultypen, auch am Gymnasium. Jeder sollte selbst entscheiden, wo er sich am wohlsten fühlt. Da landen nicht alle automatisch im Handwerk, aber eben auch nicht alle an der Universität, wie es die Gesellschaft für gut befindet. Diese oft einseitige Beratung halte ich für absolut falsch. Im Handwerk haben wir so viele Möglichkeiten, eine Führungsposition zu übernehmen oder auch als klassischer Mitarbeiter glücklich zu werden.

Bild 3: „Ohne Handwerk geht es nicht!“

Es gibt ja auch Mischformen. Mit einem Meisterbrief lässt sich immer noch ein Studium anhängen, wenn gewünscht.

Natürlich, die Wege sind offen! Es ist nicht unüblich, dass junge Leute erst einmal Erfahrung in einer handwerklichen Ausbildung zum Beispiel als Schreiner sammeln, bevor sie Architektur oder Ähnliches studieren. Und später übernehmen sie selbst eine Führungsposition oder gründen einen Betrieb, sodass sie dem Handwerk wieder zur Verfügung stehen. Die Vielfalt ist sehr groß.

Finanziell kann das Handwerk ja auch attraktiv sein. Trifft das Sprichwort „Handwerk hat goldenen Boden“ in der Pandemie noch zu – oder gerade dann?

Der goldene Boden war fürs Handwerk nie weg, wir haben die Krise im Allgemeinen gut gemeistert und die Verdienstmöglichkeiten sind ebenfalls gut. Wenn man die Verdienstspanne betrachtet, ist das Einkommen von Handwerkern vergleichbar mit dem von Akademikern. Denn Handwerker stehen früher im Beruf. Deshalb ist für mich wirklich der Wohlfühlfaktor entscheidend. Jeder sollte sich in seinem Beruf am richtigen Platz sehen.

Bild 4: „Ohne Handwerk geht es nicht!“

Sie sind ja nicht nur Schornsteinfeger, sondern im Ehrenamt auch Präsident der Handwerkskammer Konstanz. Wie sieht ein typischer Tag für Sie aus?

Sehr vielseitig (lacht). Neben der Arbeit in meinem eigenen Betrieb bin ich Repräsentant der Handwerksbetriebe im Kammerbereich Konstanz, also in den Landkreisen Konstanz, Rottweil, Tuttlingen, Waldshut und dem Schwarzwald-Baar-Kreis. Ich höre rein, wo die Interessen der einzelnen Branchen liegen, wo man Prozesse verbessern kann, wo ich politisch begleiten kann. Außerdem gehört das Repräsentieren in der Öffentlichkeit zu meinen Aufgaben. Themen sind unter anderem die Selbstverwaltung des Handwerks, das Prüfungswesen, die Rahmenbedingungen für die Weiterbildung. Meine Tür steht auch immer offen, wenn irgendwo der Schuh drückt, dann versuche ich zu vermitteln. Die übergeordnete Aufgabe des Präsidenten ist, nach außen zu vertreten: Ohne Handwerk geht es nicht!

Bild 5: „Ohne Handwerk geht es nicht!“

Wie viel Zeit setzen Sie ungefähr für das Ehrenamt ein und warum machen Sie das gern?

Man könnte es fast mit einem Vollzeit-Job vergleichen. Aber egal, wo man ehrenamtlich tätig ist: Man muss bereit sein, die eigene Zeit dafür einzusetzen, und es so gut wie möglich mit der Arbeit verknüpfen. Ich habe früher sehr gern Trompete, Flügel- und Tenorhorn im Musikverein gespielt und dort auch schon meine Ideen eingebracht. Da kommt man automatisch in die Situation, dass andere zum Beispiel sagen: Du könntest ja noch Schriftführer werden. Das Ehrenamt stärkt unser kulturelles Leben, deshalb setze ich sehr gern meine Lebenszeit für die Gemeinschaft ein.

Bild 6: „Ohne Handwerk geht es nicht!“

Wenn einen Tag lang jemand für Sie aufs Dach steigen würde: Mit wem würden Sie gern mal tauschen?

Ich bin bereit für alle Berufe. Reinschnuppern kann ich durch mein Amt zum Glück ohnehin in viele Branchen, ob es beim Sattler ist oder beim Heizungsbauer oder Schneider. Aber auf Dauer tauschen möchte ich nicht, dazu liebe ich zu sehr meinen Beruf als Schornsteinfeger.

Zur Person

Werner Rottler, 58 Jahre, stammt aus Obereschach (heute Ortsteil von Villingen-Schwenningen) und ist Handwerker aus Überzeugung. Er absolvierte eine Ausbildung zum Schornsteinfeger, legte 1986 die Meisterprüfung ab und machte sich 1995 selbstständig. Seitdem ist Rottler Bezirksschornsteinfegermeister im Schwarzwald-Baar-Kreis. Zudem engagierte er sich früh ehrenamtlich: zunächst als Geselle im Zentralverband Deutscher Schornsteinfeger, dessen Bundesvorsitzender er von 1990 bis 1994 war, sowie in der Schornsteinfegerinnung für den Regierungsbezirk Freiburg. Deren 200 Mitglieder vertrat er von 2009 bis 2019 als Obermeister und Geschäftsführer. Seit Dezember 2019 ist Werner Rottler Präsident der Handwerkskammer Konstanz. Er ist verheiratet und nutzt den Schwarzwald gerne für Wander-, Ski- und Fahrradtouren. Sein früher größtes Hobby, die Musik, gab er zugunsten des Ehrenamts auf. (kis)

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