Mittendrin, das ist Hansjörg Blenders liebster Standort. Der Kreishandwerksmeister empfängt die Besucherin in seinem Radolfzeller Autohaus im gläsernen Büro. Hier hat er alles im Blick. Hier ist er ganz nah an der Basis seines Unternehmens. Hier entgeht ihm nichts. Und das lässt sich auch auf sein berufsständisches Ehrenamt übertragen. Während des Gespräches mit der Reporterin bleibt die Tür offen. Man spürt, wie der Meister alle Informationen aufsaugt, um sie gefiltert durch den Blickwinkel des Handwerks neu einzuordnen.

Bild 1: Der kurze Draht zu den Kollegen

2012 ließ Hansjörg Blender sich an die Spitze der Handwerker im Landkreis Konstanz wählen. Doch wozu braucht es überhaupt eine Kreishandwerkerschaft? Sie ist ein Verbund der Innungen im Kammerbezirk und Interessenvertreterin der beteiligten Branchen. Um es neudeutsch auszudrücken: sie ist Lobbyistin für das Handwerk. Während die Mitgliedschaft in der Kammer verpflichtend ist, können sich die Betriebe in der Kreishandwerkerschaft freiwillig beteiligen. 14 Innungen mit rund 700 Betrieben haben sich der Kreishandwerkerschaft Konstanz angeschlossen. Ziel ist der Informationsaustausch über die Gewerke hinweg und die Suche nach Lösungen. Ein gravierendes Problem, das fast alle Branchen betrifft, ist der Nachwuchsmangel.

„Wir werden die Zukunft nicht ohne das Handwerk stemmen können“, ist Hansjörg Blender überzeugt und nennt als Beispiel allein die Herausforderungen im Energiesektor: „Wer baut denn die Solardächer und die modernen Heizungen?“ Der eklatante Mangel an Fachkräften und der Überhang an offenen Lehrstellen machen nicht nur ihm große Sorgen – das Thema Nachwuchs beschäftigt praktisch alle in der Kreishandwerkerschaft vertretenen Branchen. Dabei gilt noch immer: das Handwerk hat goldenen Boden. Allerdings ist diese Botschaft bei vielen jungen Menschen verblasst. Eine Ursache dafür seien die fehlenden oder mangelhaften Hinweise auf die vielfältigen Ausbildungs- und Aufstiegschancen für junge Menschen in den Schulen. Hier gebe es Defizite bei der Lehrerschaft, sagt Blender. Er selbst hat nach der Lehre noch mit 30 Jahren studiert. „Noch nie war das Bildungssystem so durchlässig. Es gibt fast unbegrenzte Karrieremöglichkeiten“, sagt er.

Bild 2: Der kurze Draht zu den Kollegen

Die Schulen als Partner

Der Kreishandwerksmeister spricht von einer höheren Glaubwürdigkeit gegenüber Bauherren, wenn zum Beispiel ein Innenarchitekt vor seinem Studium eine Schreinerlehre absolviert hat. Da könne man davon ausgehen, dass es einen praktischen Bezug zur Planung gebe. Oder er erzählt, dass man mit 28 Jahren schon Meister mit eigenem Betrieb sein könne. Doch diese Möglichkeiten würden oft gar nicht in Betracht gezogen. Das liege zum Teil auch an den Schulen, wo das Handwerk häufig eine marginale Rolle spiele. Das will die Kreishandwerkerschaft durch gezielte Vorstöße ändern. In Stockach hat sie mit dem Schulverbund Nellenburg einen Partner gefunden. Vor drei Jahren wurde dort der Arbeitskreis „Chance Ausbildung“ ins Leben gerufen, der auch Eltern mit ins Boot holt. Die Initiative trage erste Früchte, erzählt Hansjörg Blender.

Bild 3: Der kurze Draht zu den Kollegen

„Hochschulen und Handwerk kämpfen um die jungen Leute“, bedauert Blender. Immer mehr Schulabgänger würden sich für kaufmännische oder akademische Ausbildungswege entscheiden. Grund dafür seien alte Vorurteile. Diese zu bekämpfen sei zum Beispiel ein Ziel der Kreishandwerkerschaft: „Wir müssen den jungen Menschen vermitteln, wie modern und attraktiv unsere Berufe sind.“ Sie müssten erkennen, dass sie mit einer Berufsausbildung als Karrierestart nichts falsch machen.

Karriere mit Lehre, so lautet das Credo des Meisters. Mittlerweile hat er sich so richtig in Fahrt geredet. Man spürt seine Leidenschaft. Er will die junge Generation wachrütteln und für die Berufe begeistern. Genau das sieht er als erste Aufgabe der Kreishandwerkerschaft an. Dafür unterstützt die Vereinigung Ausbildungsmessen, organisiert Fortbildungen, gibt Hilfestellungen für Betriebe bei der Umsetzung neuer Gesetze und versteht sich als Bindeglied zwischen Betrieben, Schulen und der Handwerkskammer. Sie ist aber auch die Verbindung zwischen den Innungen und der Kammer.

Die Kontaktbeschränkungen in der Corona-Pandemie haben es den handwerkenden Betrieben zusätzlich erschwert, an junge Leute zu kommen. Hier wieder mehr Beachtung zu finden, ist eine der größten Aufgaben. Ein akutes Thema sei derzeit die Frage „Wie bringen wir die geflüchteten Menschen in unsere Betriebe?“, sagt Hansjörg Blender. „Zusammen mit der Kammer kümmern wir uns um die rasche Überwindung der Sprachprobleme.“ Die Betriebe der Kreishandwerkerschaft wollen den Geflüchteten zur Einstiegsqualifizierung neben dem Spracherwerb Einblicke in den beruflichen Alltag ermöglichen. „Unser duales System mit Berufsschule und Bildungsakademie funktioniert nicht, wenn die Lehrlinge nichts verstehen“, sagt der Kreishandwerker.

Interessenvertretung

Die Kreishandwerkerschaft ist ein ehrenamtlich geführtes Organ, in dem sich verschiedene Innungen zusammengetan haben. Die Innungen, die aus den mittelalterlichen Zünften hervorgegangen sind, werden jeweils von Innungsobermeistern geführt. 14 Innungen mit rund 700 Betrieben haben sich der Kreishandwerkerschaft Konstanz angeschlossen. Sie ist Teil der Handwerkskammer Konstanz, mit 12.913 Betrieben in den Landkreisen Konstanz, Rottweil, Schwarzwald-Baar, Tuttlingen und Waldshut. Hier werden laut Handwerkskammer (Stand 31.12.2021) 4280 Lehrlinge ausgebildet. 

 

Gratis-Fitnessstudio

Bauunternehmer Axel Regber aus Singen hat die Firma von seinem Vater übernommen und beschäftigt 14 Facharbeiter, darunter seinen Sohn, der nach dem Abitur die Lehre bei ihm absolvierte und inzwischen Meister ist. Der Firmeninhaber schwärmt: „Von allen Handwerksberufen ist der Maurer mit der abwechslungsreichste. Wir fangen auf der grünen Wiese oder in der Baugrube an und enden oben beim Dachspitz oder Kamin.“ Unten beginnt der Maurer mit dem Verlegen der Rohrleitungen, bevor der Boden betoniert wird. Dann schalt er die Kellerwände außen herum. Die Betondecke wird verlegt und mit der Treppenanlage betoniert. „Ab dem Erdgeschoss haben wir klassisches Mauerwerk. Dadurch ergibt sich ein ständig wechselndes Tätigkeitsfeld.“ Der 57-Jährige betont: „Eine Frau kann heute ohne Weiteres diesen Beruf erlernen. Keiner gräbt mehr von Hand oder trägt was nach oben. Dafür haben wir einen Baukran oder Hebebühnen.“

 

Tobias und Michael Hirling (von links) bringen auf einem Dach ein Wandanschlussblech an.
Tobias und Michael Hirling (von links) bringen auf einem Dach ein Wandanschlussblech an. | Bild: Claudia Ludwig

Im Landkreis Konstanz gibt es 40 Maurerbetriebe, darunter 15 Ein-Mann-Betriebe. Die anderen würden gerne mehr Auszubildende nehmen – aktuell haben sie insgesamt 20. Die Ausbildung dauert in der Regel drei Jahre, Verkürzungen sind möglich. Axel Regber sagt: „Ein Hauptschulabschluss ist nicht zwingend, aber wünschenswert. Mitdenken und handwerkliches Geschick sind wichtiger. Ein Maurer muss aber schon mal was ausrechnen, zum Beispiel die Menge an Beton, die er für ein Bauteil braucht.“ Der Blockunterricht der Berufsschule findet im ersten Lehrjahr in Konstanz statt, die überbetriebliche Ausbildung in Donaueschingen. Zunächst lernen die Maurer gemeinsam mit Fliesenlegern und Gipsern. Im zweiten und dritten Jahr ist der Unterricht in Donaueschingen. Die Zwischenprüfung findet am Ende des zweiten Jahres statt, nach dem dritten Jahr die Gesellenprüfung.

Wenn die Maurer auf dem Bau fertig sind, übernehmen unter anderem die Zimmerer. Ihre Ausbildung ist ähnlich aufgeteilt. Zimmerermeister Markus Hirling aus Radolfzell sagt, anfangs seien die Auszubildenden überwiegend fort, nur etwa ein Fünftel der Zeit arbeiteten sie im Betrieb. Im Laufe der Lehre kehrt sich das Verhältnis um. Ein Zimmerer arbeitet bei Neu- und Ausbau sowie Sanierungen, errichtet Dachstühle, macht Dachdeckungsarbeiten und ist im Innenausbau beschäftigt mit Trockenbau, Isolierungen, Dachfenstern und Holzrahmenbau.

Kreatives Arbeiten

Markus Hirling leitet den Familienbetrieb in fünfter Generation. Zwei Söhne sind im Betrieb, einer hat die Meisterausbildung angefangen. Sie lieben das Arbeiten mit Holz und die Flexibilität des Berufs. Hirling sagt: „Jeder Dachstuhl, jedes Haus ist anders. Bei Architekten ist oft alles vorgegeben, aber bei Privatbauleuten versucht man, Ideen einzubringen. Sie wollen individuelle Lösungen, aber manche Dachkonstruktionen erlauben statisch nicht alles. Da kommen wir ins Spiel.“ Mit einem CAD-System wird ein 3D-Modell erstellt, das man in jede Richtung drehen kann. So wird dem Kunden gezeigt, was möglich ist. Das Berufsbild wird durch vermehrte Digitalisierung und veränderte Arbeitsprozesse immer innovativer. „Heute ziehen wir komplette Wände mit dem Kran hoch“, beschreibt der 47-Jährige eine der Verbesserungen.

Markus Hirling hat zwölf Mitarbeiter – alles Männer. „Frauen können diese Arbeit aber auch. Im ersten Jahr erfolgt ein ordentlicher Muskelaufbau, das Fitnessstudio ist quasi inklusive. Danach ist das Arbeiten bei fast jeder Witterung Gewohnheitssache.“

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