Herr Hiltner, die Wegwerfgesellschaft ist inzwischen ein Auslaufmodell, viele achten auf die Langlebigkeit von Produkten. Was glauben Sie, woher kommt der Wandel?

Das liegt unter anderem an der veränderten Einstellung junger Menschen, die die Bedrohung durch den Klimawandel erkannt haben und dies durch reichweitenstarken Protest kundtun, der in der Gesellschaft wirkt. Dazu kommt eine ressourcenschonendere Produktion. Auch hier hat zum Glück ein Wandel eigesetzt, der dafür sorgt, dass sich Menschen immer mehr mit der Frage beschäftigen, ob man ein Produkt kaufen muss und wenn ja, ob es nachhaltig ist.

Auf den ersten Blick lässt sich aber mit Dingen, die schnell kaputt gehen, mehr verdienen.

Viele Branchen zeigen, dass sich mit höherwertigen Erzeugnissen auch gute Umsätze machen lassen und es sogar besser für das Image des Unternehmens ist. Durch den öffentlichen Druck hat auch auf Herstellerseite ein Umdenken stattgefunden.

Nachhaltigkeit hat viele Facetten. Was verstehen Sie darunter?

Ich verstehe darunter sozio-ökonomisch und gesellschaftlich gesehen, dass meine Generation und die nachfolgende sich damit beschäftigen müssen, dass ihr Tun einen Fußabdruck hinterlässt. Nach den neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen haben wir nicht mehr viel Zeit, eine positive Veränderung zu erreichen. Deshalb muss sich jeder Einzelne damit auseinandersetzen, wo er einen Beitrag dazu leisten kann, dass wir als Gesellschaft dieser Erde eine Chance geben. Auch global wird ein Umdenken stattfinden müssen, damit soziale und ökonomische Konflikte nicht weiter eskalieren.

Bild 1: "Das Handwerk spielt eine zentrale Rolle"

Was ist Ihr persönlicher Beitrag?

Bei den Lebensmitteln versuchen wir als Familie, nachhaltig zu agieren. Wir kaufen regionale Erzeugnisse, kochen frisch und produzieren vieles selbst, zum Beispiel Marmelade. Außerdem versuchen wir, uns in der Umwelt so zu verhalten, dass die Artenvielfalt nicht weiter dezimiert wird.

Zu den Aktivitäten junger Menschen zählen die Demonstationen von Fridays for Future (FFF), die auch vor dem Gebäude der Handwerkskammer regelmäßig vorbeiziehen. Schauen Sie aus dem Fenster oder laufen Sie mit?

Bild 2: "Das Handwerk spielt eine zentrale Rolle"

Mitgelaufen bin ich noch nicht, habe das aber verfolgt. Ich gehöre von meiner Generation und vom Studium her auch eher zu den Menschen, die versuchen, mehrere Aspekte zusammenzubringen. Ich frage, wie die Wirtschaft umgebaut werden muss, damit die Klimaziele erreicht werden können. Vielleicht nicht mit der Radikalität wie die Jungen, wobei ich auch verstehen kann, dass man erstmal laut protestieren muss. Man muss die Balance finden zwischen Umweltschutz und notwendigem ökonomischem Wachstum. Das kann gelingen, aber man muss es sehr kontrovers diskutieren und vielschichtiger betrachten. Ich bin bemüht, zu einer Versachlichung beizutragen.

Bild 3: "Das Handwerk spielt eine zentrale Rolle"

Warum passen Nachhaltigkeit und Handwerk gut zusammen?

Weil ich glaube, dass das Handwerk enorme Potenziale hat, die Nachhaltigkeit zu zeigen. Im Bauhandwerk, der größten Branche in Baden-Württemberg, gibt es das größte Potenzial, einen Beitrag zum Umweltschutz zu leisten. Darüber hinaus bestehen quer durch alle Gewerke riesige Chancen, an der Energiewende mitzuwirken und auch die Verhaltensänderung der Bevölkerung positiv zu beeinflussen. Es geht immer um zwei Wege: Zum einen tragen Handwerker dazu bei, bei ihren Kunden mehr Nachhaltigkeit zu erreichen, zum Beispiel durch Dämmung oder Smart Homes. Zum anderen können sie auch ihre eigenen Betriebsabläufe umweltfreundlicher gestalten, sei es durch eine Flotte mit Elektroautos oder die energetische Sanierung des eigenen Betriebs.

Bild 4: "Das Handwerk spielt eine zentrale Rolle"

Wie berücksichtigen Sie das in Ihrer Aus- und Weiterbildung?

Das Handwerk reagiert auf die Herausforderungen, indem Ausbildungsberufe diversifiziert werden und wir einer größeren Zielgruppe die Möglichkeit geben, aktiv an der Energiewende mitzuwirken. Der eine möchte vielleicht eher im Elektrohandwerk mit Steuerungselektronik und digitalen Elementen arbeiten, der andere eher praktisch auf der Baustelle. Das Handwerk hat einen entscheidenden Anteil an der Energiewende, aber wir brauchen noch viel mehr Fachkräfte für die kommenden, massiven Auftragslagen zur Bewältigung der Aufgaben. Wir sind auch im Dialog mit Städten, Gemeinden und Kreistagen und fragen ab, was die Kommunen in Sachen Energiewende konkret tun wollen und wie das Handwerk sich daran beteiligen kann. Auf unserer Seite bieten wir aktiv Weiterbildungen für Handwerker an, damit sie energetische Sanierungen umsetzen können, Photovoltaikanlagen aufs Dach bekommen und die Endkunden beraten können. Unser Schwerpunkt als Handwerkskammer ist dieses Jahr die Nachhaltigkeit.

Bild 5: "Das Handwerk spielt eine zentrale Rolle"

Wird es das Handwerk auch in 50 Jahren noch geben oder schneiden künftig Roboter die Haare?

Alle Branchen werden die Digitalisierung spüren und tun es auch schon, aber gerade die dienstleistungsnahen Berufe spielen sicher weiter eine zentrale Rolle. Trotzdem stellen sich Zukunftsfragen. Zum einen: Wird das Handwerk später nur noch zum Einbauer industriell gefertigter Produkte? Hoffentlich nicht! Zum anderen: Wer hat die Oberhand über die Daten? Zur Kundenbeziehung gehört auch, dass ich Zugriff auf Kundendaten habe. Aber wenn die Wertschöpfungskette sich ändert, kann es dazu führen, dass die Datenhoheit plötzlich beim Hersteller liegt. Dann wird auch der Service über den Hersteller gesteuert und der Handwerker verliert die Beziehung zum Kunden. Deshalb erachte ich es als wichtige Aufgabe, dass die Kundendaten für die Handwerker gesichert werden. Außerdem empfehle ich allen Betrieben, sich auch fit zu halten, was soziale Medien angeht. Die Kernkompetenz ist zwar nach wie vor die handwerkliche Leistung, aber die Digitalisierung und die Kommunikation mit den Kunden werden immer wichtiger. Auch die Bewertungsportale im Internet nehmen einen steigenden Stellenwert ein. Dem müssen sich die Betriebe stellen. Das sind Risiken, aber aus meiner Sicht überwiegen die Chancen deutlich.

Bild 6: "Das Handwerk spielt eine zentrale Rolle"

Junge Menschen könnten sich fragen: Warum soll ich trotz dieser skizzierten Risiken ins Handwerk gehen?

Weil es innerhalb der Karriereplanung ein sehr gutes Fundament darstellt. Man kann sich nach dem Schulabschluss zunächst handwerkliche Kompetenz aneignen und später viele Wege gehen. Die Durchlässigkeit des Bildungssystems ist enorm. Entweder bleibt man im Handwerk und bildet sich weiter, macht den Meister. Oder man erlernt erst ein Handwerk, studiert anschließend und kehrt in führender Position ins Handwerk zurück, übernimmt einen Betrieb. Für die junge Generation bietet das Handwerk ein ziemlich gutes Portfolio.

Fragen: Kirsten Astor

Zur Person

Georg Hiltner, 58 Jahre, stammt aus Pforzheim. Nach dem Geografie-Studium an der TH München arbeitete er als Referent für Städtebau in München und von 2000 bis 2004 als Geschäftsführer des Passau Marketing e.V. sowie als Citymanager für die Stadt Passau.

Georg Hiltner, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Konstanz
Georg Hiltner, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Konstanz

Anschließend war er bis 2007 Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands BAG und arbeitete danach in einem Textilunternehmen in Nürnberg. Seit 2009 ist Georg Hiltner Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Konstanz. Er ist verheiratet und geht gern Motorrad- und Skifahren, ins Theater und Kino. (kis)

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