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Erziehung "Mehrsprachigkeit hat positive Effekte"

Janet Grijzenhout ist Professorin für anglistische Sprachwissenschaft und Leiterin des Babysprachlabors an der Universität Konstanz. Sie erforscht unter anderem den frühkindlichen Spracherwerb und beantwortet die wichtigsten Fragen zur Mehrsprachigkeit bei Kindern.

Janet Grijzenhout ist Professorin für anglistische Sprachwissenschaft und Leiterin des Babysprachlabors an der Universität Konstanz.
Janet Grijzenhout ist Professorin für anglistische Sprachwissenschaft und Leiterin des Babysprachlabors an der Universität Konstanz. | Bild: hfr
Funktioniert mehrsprachige Erziehung bei jedem Kind?
Ob mehrsprachige Erziehung funktioniert, hängt eigentlich nicht so sehr vom Kind ab, sondern von seiner Umgebung. Jedes gesunde Menschenkind ist in der Lage, eine oder mehrere Sprache zu erwerben. Bei Menschen funktioniert das Sprechen-Lernen wie das Laufen-Lernen: Bei der Geburt können Babys keine Sprache und sie können nicht laufen. Zuerst muss das Baby seinen Körper stärken und seine Lungen üben, damit es überhaupt auf den Beinen stehen, seine Stimme besser benutzen kann und seinen Mund und seine Zunge so bewegen kann, dass es einen „p“-Laut oder ein „m“-Laut produzieren kann. Was ein Kind sonst noch braucht, um eine oder mehrere Sprachen zu erwerben, ist eine bestimmte kritische Menge von „Sprache-Input“ und die Notwendigkeit, selbst die Sprache anzuwenden. Mit anderen Worten: Für eine gesunde Spracherwerbsumgebung ist es wichtig, dass das Kind genügend „Angebot“ in der  beziehungsweise den jeweiligen Sprachen bekommt und das gelingt nur, wenn man mit seinem Kind kommuniziert.

Gibt es bei Geschwister-Paaren Unterschiede?
In vielen Familien funktioniert die zweisprachige Erziehung beim ersten Kind am Anfang ganz gut. Beim zweiten und dritten Kind sollte man sich klar machen, dass das Kind Sprache-Input von seiner gesamten Umgebung bekommt, also auch von seinen Geschwistern. Kinder entwickeln auch unter sich eine bevorzugte Sprache. Damit wird das zweite Kind also wesentlich häufiger mit einer der zwei Sprachen konfrontiert. Das führt oft dazu, dass das zweite Kind den  Eindruck bekommt, dass die eine Sprache wichtiger oder gebräuchlicher ist als die andere. Die Motivation, die andere Sprache anzuwenden und zu pflegen, nimmt unter diesen Bedingungen beim zweiten Kind ab. Bei vielen Geschwister-Paaren beobachten wir deshalb, dass das zweite Kind nicht im gleichen Maße zweisprachig aufwächst wie das erste.

Wie viele Sprachen können Kinder lernen?
Zweisprachigkeit ist sicherlich am weitesten verbreitet. Drei-, vier- oder fünfsprachig aufzuwachsen, stellt für die meisten Kinder kein Problem dar, zum Beispiel wenn man in Norwegen aufwächst wo die Mutter Italienisch spricht, der Vater Deutsch, das Kindermädchen Französisch und im Kindergarten Englisch gesprochen wird. Die Sprachenvielfalt ist für das Kind unproblematisch, so lange die Situationen, in denen die jeweiligen Sprachen benutzt werden, konsequent getrennt bleiben. Es ist aber nicht so, dass ein Kind die Sprachen automatisch lebenslang beibehält. Trennen die Eltern sich und sehen die Kinder einen Elternteil weniger oft, dann wird es für das Kind immer schwieriger, in der Sprache  dieses Elternteils zu kommunizieren. Auch wenn die im Beispiel genannte Familie von Norwegen in die Schweiz umzieht, wird Norwegisch wahrscheinlich sehr bald verloren gehen. Nach einem halben Jahr wird es für das Kind schwierig sein, am Telefon Norwegisch zu reden und nach zwei Jahren ist das Norwegisch ganz verloren gegangen. Beim fehlenden „Input“ oder wenn das Kind das Gefühl hat, dass die Sprache nicht notwendig ist, um sich mit den Menschen in seiner täglichen Umgebung auszutauschen, leidet die Sprache sofort darunter.

Sind bestimmte Sprachen oder Sprachkombinationen einfacher für Kinder zu lernen als andere?
In Prinzip ist es für ein chinesisches Kind genau so einfach, Chinesisch zu lernen wie für ein deutsches Kind Deutsch. Es gibt also aus Sicht des Babys keine einfache oder schwierige Sprache: Jedes Kind erwirbt in etwa den gleichen  Schritten und dem gleichen Tempo seine Muttersprache. Bei mehrsprachigen Kindern gibt es schon Einflüsse von der einen auf die andere Sprache. Professorin Conxita Lleó und ihre Mitarbeiter an der Universität Hamburg haben zum Beispiel herausgefunden, dass Kinder, die gleichzeitig Deutsch und Spanisch erwerben, im Vergleich zu Kindern, die nur Spanisch lernen, einen Vorteil bei Spanisch hatten. Das Deutsche hat relativ viele geschlossene Silben (wie in „Bett“, „Kind“, Löffel“) und die mehrsprachigen Kinder hatten im Spanischen einen Vorteil dadurch: Im Spanischen haben diese Kinder Wörter mit geschlossenen Silben schneller erworben als gleichaltrige monolinguale Kinder. Es kann aber auch sein, dass es in ganz wenigen Fällen zu einer Verzögerung im Erwerb einer der beiden Sprachen kommt, weil die andere bestimmte Eigenschaften hat, die es für das Kind schwieriger machen, diese Eigenschaft in der anderen Sprache zu unterdrücken.

Stimmt es, dass mehrsprachig aufwachsende Kinder erst später zu sprechen anfangen?
Nein, dafür gibt es keine wissenschaftliche Evidenz. Manche Kinder fangen früher an zu krabbeln oder zu laufen als andere Kinder und so ist es auch mit Sprache: Es gibt Kinder, die sich einfach schneller trauen Wörter zu äußern als andere Kinder. Mehrsprachig aufwachsende Kinder haben hier keinen Vor- oder Nachteil.

Kann es auch passieren, dass ein mehrsprachig aufgewachsenes Kind keine der Sprachen perfekt beherrscht?
Jedes Kind hat das Bedürfnis zu kommunizieren und erwirbt ohne sichtbaren Aufwand automatisch eine Sprache. Ob mehrere Sprachen „perfekt“ erworben werden, hängt wieder vom Angebot und der Notwendigkeit ab, die Sprachen zu benutzen. Wenn das Angebot nicht ausreicht, wird das Kind diese Sprache nie perfekt beherrschen. Mehrsprachig aufwachsende Kinder müssen über längere Zeit genügend Input aus allen Sprachen ihrer Umgebung bekommen und das Gefühl haben, dass es notwendig ist, sich in den Sprachen auszudrücken, um diese Sprachen letztendlich perfekt zu beherrschen.

Trennt das Gehirn die verschiedenen Sprachen?
Das ist nicht ganz klar und darüber streiten sich die Experten noch. Im letzten Jahrhundert ging man davon aus, dass es nur einen Spracherwerbsmechanismus gibt und auch nur eine Sprache im Gehirn. Heutzutage ist der Forschungsstand, dass das Gehirn die verschiedenen Sprachen vom Anfang an trennt. Trotzdem gibt es natürlich schon Interferenzen, zum Beispiel wenn das Kind ein bestimmtes Wort nur in einer Sprache kennt. Das Wechseln von einer Sprache in die andere nennen wir „Code Switching”. Dieses Phänomen tritt aber auch bei Erwachsenen auf, wenn ihnen ein bestimmtes Wort in der Fremdsprache nicht einfällt.

Bringt mehrsprachiges Aufwachsen Vorteile für den Erwerb weiterer Sprachen?
Ja, es fällt mehrsprachigen Kindern allgemein leichter, später weitere Sprachen zu lernen.

Was müssen Eltern bei mehrsprachiger Erziehung beachten?
Die neuesten Forschungsergebnisse zeigen, dass mehrsprachige Erziehung in zweisprachigen Familien erfolgreich sein kann, wenn das Prinzip „eine Sprache pro Elternteil“ von Geburt an konsequent angewendet wird. Meistens ist es aber so, dass ein Elternteil die meiste Zeit mit dem Kind verbringt und deshalb auch viel mehr mit dem Kind spricht, so dass diese Sprache dominant anwesend ist, und die andere Sprache eigentlich etwas zu kurz kommt. Die Sprache, mit der man mit dem Kind am häufigsten kommuniziert, wird schneller erworben als die andere Sprache. Eine andere  Möglichkeit, seinem Kind mehrere Sprachen oder Dialekte beizubringen, ist „eine Sprache pro Situation“: Wenn das Kind morgens frühstückt und sich anzieht, wird die eine Sprache benutzt und wenn Besuch kommt oder wenn eingekauft wird, benutzt man die andere Sprache.

Muss mehrsprachige Erziehung konsequent ab der Geburt praktiziert werden? Oder bis zu welchem Alter kann man damit beginnen?
Je früher desto besser. Es muss aber nicht von der Geburt an sein. Es gibt viele Beispiele, in denen Kinder von Gastarbeitern, die in Deutschland aufwachsen, bis zum dritten Jahr nur einer Sprache ausgesetzt sind und trotzdem vor der Pubertät perfekt Deutsch beherrschen. Es gibt aber auch Zeitfenster für bestimmte Sprachfähigkeiten. Sprachlaute und Satzmelodie werden beispielsweise relativ früh erworben und wenn man eine andere Sprache erst nach dem zweiten oder dritten Lebensjahr lernt, ist es schwierig den Akzent der ersten Sprache zu unterdrücken. Das kritische Alter für korrekten Wortbau scheint so um das vierte Lebensjahr zu sein. Ein korrekter Satzbau in einer später erworbenen Sprache funktioniert am besten, wenn man vor der Pubertät dieser Sprache ausgesetzt wird. Das heißt aber nicht, dass man eine neue Sprache nicht auch nach der Pubertät erwerben kann, aber der Erwerbsmechanismus funktioniert dann anders. Ein Kind braucht keinen expliziten Unterricht in seiner Muttersprache oder seinen Muttersprachen. Einem dreijährigen Kind kann man nicht beibringen, dass nach der Präposition „mit“ ein Dativ folgt oder dass das Wort „Blume“ weiblich ist und den Artikel „die“ bekommt, während „Baum“ maskulin ist und den Artikel „der“ bekommt. Erwachsene Lerner einer Fremdsprache brauchen solche expliziten Instruktionen schon. Durch guten Unterricht an einer Schule kann man durchaus eine Fremdsprache fast perfekt erwerben – aber ein Muttersprachler wird man dadurch nicht.

Ist mehrsprachige Erziehung nur sinnvoll in binationalen Familien? Oder kann es auch funktionieren, wenn beide Eltern deutsche Muttersprachler sind und einer eine Fremdsprache auf gutem Niveau beherrscht?
Wie schon angedeutet, lernt man eine Fremdsprache in der Pubertät oder als Erwachsender anders wie als Kind. Von daher hat man in einer Fremdsprache einfach nicht die gleichen Fähigkeiten wie als Muttersprachler. Es gibt nur wenige Studien, die der Frage, die Sie stellen, nachgehen. Die ersten Ergebnisse deuten an, dass mehrsprachige Erziehung in binationalen Familien, Familien mit einem ausländischen Au-Pair-Mädchen oder in Familien, in denen eine andere Sprache als die Landessprache gesprochen wird, besser funktioniert als in Familien, wo die Eltern die gleiche Sprache wie im Land sprechen, aber sehr gut eine Fremdsprache beherrschen. Diese vorläufigen Ergebnisse geben einen Hinweis darauf, dass der Input von und Interaktion mit Muttersprachlern essentiell ist. Man kann also versuchen, seinem Kind selber eine Fremdsprache beizubringen, aber erfolgversprechender wäre es, wenn das Kind genügend Input von einem Muttersprachler bekommt und dass es selber die Notwendigkeit empfindet, in dieser Sprache zu kommunizieren: Das Kind weiß ja, dass die Eltern auch Deutsch verstehen und damit wirkt die natürliche Sprachkommunikation in einer anderen Sprache für das Kind befremdend und es wird nicht auf die gleiche Art und Weise die zweite Sprache erwerben wie die erste.

Was halten Sie von fremdsprachlicher Früherziehung im Kindergarten?
Das würde ich durchaus unterstützen. Erstens macht es den Kindern viel Spaß. Zweitens wirkt sich Mehrsprachigkeit positiv auf die Entwicklung eines Kindes aus: Mehrsprachig aufwachsende Kinder nehmen andersartige Personen, Sichtweisen und kulturelle Unterschiede besser wahr. Was ich aber für das Wichtigste halte, ist, dass Mehrsprachigkeit nachweislich einen positiven Effekt auf das Konzentrationsvermögen von Kindern hat und dass mehrsprachige Kinder eine besser entwickelte Fähigkeit zum Multitasking haben. Auch fangen Kinder, die früh mehr als eine Sprache ausgesetzt sind, häufiger früher mit dem Lesen an.

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