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10.09.2012  |  0 Kommentare

Berlin (dpa) Reden über Suizid: Die Tabus bröckeln - aber nur ein wenig

Die Gründe für Selbsttötungen blieben sehr individuell. Nehmen sich in Krisenzeiten mehr Menschen das Leben? Der Berliner Soziologe Falk Blask zweifelt an dieser These. Er glaubt, dass der Suizid mehr zum Leben dazugehört als allgemein angenommen.
Schlaftabletten

Mit einer Überzahl an Schlaftabletten versucht manch einer, sich das Leben zu nehmen. Andere lassen es eher wie einen Unfall aussehen. Foto: Oliver Berg/Illustration  Bild: Foto: dpa

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Als der Ethnologe Falk Blask an der Berliner Humboldt-Universität ein Seminar zum Thema Suizid anbot, konnte er sich vor dem Ansturm der Studenten kaum retten. Die lange wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema hat ihn selbst verändert.

In Griechenland und Italien ist die Suizid-Rate mit dem Beginn der Euro-Krise spürbar angestiegen. Nehmen sich in wirtschaftlichen Krisenzeiten generell mehr Menschen das Leben?

«Ich bin da gespalten und unsicher, auch wenn ich mit griechischen Freunden darüber spreche. Es gibt keine endgültige Meinung dazu. Das Klischee und die Vermutung, dass Südeuropäer in Krisensituationen eher Suizid begehen als Nordeuropäer, trifft schon einmal nicht zu. Letztendlich spielen bei einem Suizid immer sehr individuelle Faktoren eine Rolle: welches soziale Umfeld hat ein Mensch, ist er gesund, Mann oder Frau, alt oder jung? Spielt Liebeskummer eine Rolle, Alkohol, Drogen oder Einsamkeit? Es hängt längst nicht nur an der wirtschaftlichen Lage. Aber es gibt durchaus Nachahmer-Effekte. Sie sind seit Goethes "Werther" belegt.»

Meinen Sie, dass sich die Deutschen in ihrem Lebensmut von Krisen beeindrucken lassen?

«Wenn ich mir über aktuelle Entwicklungen nicht sicher bin, schaue ich in die Historie. Ich habe viele Berliner Abschiedsbriefe aus den 1920er und 30er Jahren gelesen. Das waren wirtschaftlich extrem schwierige Zeiten. Gerade deshalb war ich perplex über die Vielfalt von Gründen für einen Suizid - völlig fern der ökonomischen Krise. Mich beschäftigt immer noch ein Mann, der einfach wissen wollte wie es auf der anderen Seite aussieht. Suizid hat also vielleicht gar nicht immer etwas mit tragischen Situationen zu tun.»

Sie meinen, Suizid gehört mehr zum Leben als wir glauben?

«Ja. Wahrscheinlich. Ich habe mit extrem vielen Menschen gesprochen, ob sie schon einmal Suizid-Gedanken gehabt haben. Und neun von zehn haben "Ja" gesagt. So etwas schwingt also immer mit, obwohl es dann nur in Extremfällen wirklich dazu kommt. Ärzte sind ja der Meinung, dass sich 99 Prozent der Menschen wegen einer Depression töten. Ich glaube das nicht. Neben Tragik und Verzweiflung gibt es auf jeden Fall Kurzschlussreaktionen. Da sind Menschen in einer Art Rauschzustand. Sie haben den Eindruck, dass sie den Höhepunkt ihres Lebens erreicht haben und es gar nicht mehr besser kommen kann. Ehe es wieder rückwärtsgeht, beenden sie ihr Leben. Das ist wohl eine Mentalitätsfrage. Das macht mir schon ein bisschen Angst.»

Werden manche Suizide als Unfälle getarnt?

«Ein guter Freund von mir hat seiner Frau einen Abschiedsbrief hinterlassen. Und sie darin gebeten, den Brief nach seinem vermeintlichen Autounfall sofort zu vernichten. Wegen der Lebensversicherung. Das ist ein sehr häufiges Motiv. Es ist aber auch ein Schutzreflex gegenüber der Familie. Suizide sind nach wie vor ein Tabu-Thema und eine Art Makel für die Angehörigen. Sie sind aber vor allem eine große seelische Belastung. Bei einem Unfall kann jeder Hinterbliebene sagen: Da kann ich nichts für. Bei einer Selbsttötung fragen sich viele, ob sie das hätten verhindern können.»

Haben sich die Tabus gegenüber Suiziden in den vergangenen Jahren etwas gelockert? Auch durch umfangreiche Medienberichte wie nach dem Freitod des Torwarts Robert Enke?

«Die Berichterstattung verpufft leider schnell. Wir sind so überschüttet mit Nachrichten, dass es oft erst wieder zur Sprache kommt, wenn es neue berühmte Fälle gibt. Oder wir im privaten Umfeld solche Situationen erleben. Das wird eine ewige Sinuskurve bleiben. Aber es gibt auf jeden Fall schon mehr Offenheit als vor fünf Jahren. Ich werte die Todesanzeigen im Berliner "Tagesspiegel" aus. Früher gab es kein einziges Inserat, das auf eine Selbsttötung hindeutete. Heute ist zwischen den Zeilen oder auch ganz direkt zu lesen, dass es ein eigener Entschluss war. Gerade bei jüngeren Menschen.»

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