Mein
28.05.2014  |  von  |  0 Kommentare

Sport Alexander Weiss weiß mehr

Deutsche Nationalelf spielt am Samstag gegen Kamerun. Ein Jestetter Fußball-Experte ist Chefscout der von Volker Finke trainierten Afrikaner

Kameruns Fans hoffen in Brasilien auf ein Fußball-Märchen. Noch nie hat eine Mannschaft aus Afrika eine WM-Endrunde gewonnen.  Bild: imago

Alexander Weiss ist Chefscout der Nationalmannschaft von Kamerun.  Bild: Brütsch

Alexander Weiss und Kamerun? Dazu gibt es keine Einträge im Internet. Aus gutem Grund, denn der Jestetter wollte die vergangenen Monate unerkannt arbeiten.

Autor

Redakteur Sport

Pfeil Autor kontaktieren


Alexander Weiss ist ein Phantom, ein Unbekannter ohne nennenswerte Datenspur im Internet, in Kombination mit „Kamerun“ sogar gänzlich unbekannt. „In meinem Job sucht man nicht die Öffentlichkeit“, erklärt der gebürtige Jestetter, dessen anonyme Tätigkeit erst diese Woche vor dem Test gegen Deutschland durch unvermeidbare PR-Termine aufflog. Die aus Afrika ins Trainingslager nach Kufstein angereisten Journalisten lernten so den Mann kennen, der mit zwei Kollegen seit vergangenem Sommer im Auftrag von Trainer Volker Finke die Stärken und Schwächen der Gegner Kameruns analysiert.

Weiss, Alexander. Geboren und aufgewachsen in Jestetten, sein Alter verrät er nicht. Verheiratet ist er, seine Frau stammt aus Burkina Faso, eine Tochter hat das Paar. Beruf: Fußball-Lehrer, Scout. Bisherige Arbeitgeber: unter anderem Bayern München, Bayer Leverkusen, Borussia Mönchengladbach, Grasshopper Zürich, FC Basel.

Es ist kurz nach 12 Uhr an diesem Tag, eine 15-stellige Zahlenkolonne sorgt per Telefon für die Verbindung zu Alexander Weiss. In Bad Tatzmannsdorf, einem Ort in Österreich, bereitet sich Kroatien auf die WM vor, weshalb eben auch Weiss hier ist, hier sein muss. Schließlich trifft Kamerun in der Vorrundengruppe A am 19. Juni auf die Mannschaft vom Balkan. Welche Aspekte ihn besonders interessieren? „Das verrate ich nicht“, sagt Weiss, lacht und erzählt lieber davon, mit welchem Aufwand die Gegnerbeobachtung betrieben wird.

Dem Intermezzo in Bad Tatzmannsdorf folgt am Samstag ein Flug von München nach Zagreb, dann geht es weiter mit dem Auto ins kroatische Osijek, wo am Abend das Team von Trainer Niko Kovac gegen Mali testet. Nach dem Abpfiff zurück nach Zagreb, am nächsten Tag dann nach Köln, weiter zum Test des deutschen Nationalteams gegen Kamerun in Mönchengladbach. Drei, vier Stunden Schlaf, dann aufstehen, Fahrt nach Düsseldorf zum Flughafen, und ab nach Brasilien, wo die Beobachtungstour weitergeht. Weiss ist selten länger als einen Tag vor Ort, meist steht der nächste Termin an, das nächste Spiel. Vor allem jetzt, in der heißen WM-Vorbereitungsphase. Wer Scout ist, muss reisen. Bis zu 200 Partien sieht Weiss pro Jahr in Stadien auf der ganzen Welt, dazu ungezählte Video-Mitschnitte. Es geht darum, die Taktik des Gegners zu entschlüsseln, die Stärken und Schwächen der einzelnen Spieler zu bewerten, ihren körperlichen, gesundheitlichen und psychischen Zustand. Im modernen Fußball machen Kleinigkeiten den Unterschied. Kleinigkeiten, die nur wenige erkennen. Wie aber wird man zum Fußball-Scout?

Weiss wächst in Jestetten auf, im nahe gelegenen Schaffhausen spielt er in den höchsten Jugendklassen der Schweiz. Als 19-Jähriger wechselt er nach Gottmadingen, das damals in der 1. Amateurliga Südbaden spielt. Seine sportliche Heimat findet er aber wieder in Jestetten, wo er als Kapitän der Landesliga-Mannschaft die schönste Zeit seiner sportlichen Karriere erlebt. „Die Kameradschaft war unglaublich“, erinnert er sich, während einige Hotels entfernt die Kroaten wahrscheinlich noch am Mittagessen sind. Sportstudium und Trainerausbildung absolvierte er als aktiver Kicker nebenher, dann wechselte er als Assistenz-Trainer zum FC Baden in die Nationalliga B. Weiss macht sich schnell einen Namen in der Szene, arbeitet bald zusammen mit Fußball-Größen wie Kurt Jara, Ottmar Hitzfeld oder Christoph Daum. Vor dem Finale um den Weltpokal 2001 vebringt er vier Wochen in Argentinien, beobachtet die Boca Juniors, die dem FC Bayern schließlich im Endspiel mit 0:1 unterliegen. Auch, weil Weiss die richtigen Tipps für Hitzfeld hatte.

Vergangenen Sommer kam dann das Angebot von Volker Finke, dem langjährigen Trainer des SC Freiburg. „Eine WM? Das hatte ich noch nie, das hat mich gereizt“, erklärt der Familienvater. Er kennt die afrikanische Mentalität, spricht wie Finke Französisch, die Kommunikation ist damit kein Problem. Anderes schon: „Organisation und Umfeld sind in Afrika natürlich nicht mit Europa vergleichbar.“ Manchmal sei das aber sogar ein Vorteil. „Ein Beispiel: Wenn in Europa ein Zug zwei Minuten zu spät kommt, sind die Menschen sauer. Wenn in Afrika der Zug nicht kommt, übernachten die Menschen am Bahnhof, weil er dann eben morgen kommt.“ Die Jungs seien es einfach gewohnt, mit Problemen umzugehen, auch wenn viele Stars der Nationalmannschaft längst in Europas Top-Ligen spielen.

Und was ist drin für Kamerun bei der WM? „Wir wollen die Vorrundengruppe natürlich überstehen, sonst müssten wir ja gar nicht antreten.“ Gut sei die Stimmung im Kader, die hohe Luftfeuchtigkeit und die extremen Temperaturen in Brasilien könnten zudem ein Vorteil sein für die Afrikaner, vor allem beim Spiel gegen Kroatien im Amazonasgebiet von Manaus.

Bevor es aber nach Südamerika geht, steht noch das Duell gegen Deutschland an. Ein Test, natürlich, aber es gilt vorauszudenken. Spanien oder die Niederlande sollten die nächsten Gegner sein, falls sich Kamerun für das Achtelfinale qualifizieren würde. Warum nicht auch ein Duell mit Deutschland im weiteren Turnierverlauf? Weiss wird sich am Sonntag Notizen machen. Unerkannt, versteht sich.


Alexander Weiss und die Fußball-Nationalmannschaft von Kamerun

Alexander Weiss: Aufgewachsen in Jestetten. Nach seiner aktiven Karriere zunächst ab 1986 Assistenz-Trainer beim FC Baden in der Nationalliga B, ein Jahr später dann in gleicher Funktion bei Grasshopper Zürich tätig. Als Trainer der Zürcher U23 wird er Schweizer Meister. Danach Zusammenarbeit mit Ottmar Hitzfeld. 1990 folgt der Wechsel zum FC Basel, für den er insgesamt vier Jahre als Assistenz-Coach und U21-Trainer arbeitet. 1995 folgt eine Auszeit, Weiss unterrichtet ein Jahr lang an der Realschule Jestetten. Christoph Daum verpflichtet den Experten dann für Bayer Leverkusen. 1999 holen die Bayern ihn als Scout nach Empfehlung von Hitzfeld, die Münchner gewinnen 2001 Champions League und Weltpokal. 2003 zieht es den verheirateten Familienvater zu Fenerbace Istanbul, 2006 dann zurück nach Deutschland, diesmal zu Borussia Mönchengladbach. Es folgten Assistenz-Trainerjobs in Aarau und Belinzona, ehe sich Weiss im Sommer erneut als Scout anwerben lässt, diesmal für die von Volker Finke trainierte Nationalmannschaft von Kamerun.

Nationalteam Kamerun: Die „Unbezähmbaren Löwen“ aus Kamerun bauen bei der WM in Brasilien auf deutsches Know-how. Der ehemalige Freiburger Trainer Volker Finke holte die beiden Bundesligaspieler Joel Matip und Eric Maxim Choupo-Moting sowie Zweitliga-Profi Mohamadou Idrissou in seinen vorläufigen WM-Kader. Der unumstrittene „König der Löwen“ ist aber Samuel Eto'o vom FC Chelsea. „Eto'o ist eine lebende Legende in Kamerun, wie Roger Milla.

Finke, der in drei Sprachen – Englisch, Französisch und Deutsch – mit seiner Multikulti-Truppe kommuniziert, ist fest entschlossen, in Brasilien für Furore zu sorgen. Bei der letzten WM mussten die Afrikaner allerdings bereits nach der Vorrunde wieder die Heimreise antreten. „Wir wollen natürlich besser abschneiden als in Südafrika und das Achtelfinale erreichen.“ Jedem ist klar, dass dies in der Gruppe mit Gastgeber Brasilien, Kroatien und Mexiko extrem schwierig wird. „Vor allem die ersten beiden Spiele gegen Mexiko und Kroatien sind unglaublich wichtig“, betont Finke. (sal/dpa)

„Der Mensch bleibt unberechenbar“

Alexander Weiss aus Jestetten über seinen Beruf als Fußballscout und die Chance, von einem Top-Club entdeckt zu werden
Alexander Weiss aus Jestetten über seinen Beruf als Fußballscout und die Chance, von einem Top-Club entdeckt zu werden

Herr Weiss, Fußballspiele beobachten und um die Welt reisen – das klingt nach einem Traumjob, oder?

Ja, aber ganz so einfach ist es dann doch nicht. Der Zeitaufwand ist enorm, es gehören ja nicht nur die 90 Minuten Spielzeit, sondern auch Vor- und Nachbereitung dazu. Der Schlaf kommt oft zu kurz. Meine Tochter fragt schon, wann der Papa mal wieder nach Hause kommt. Der Job ist anstrengend, glauben Sie mir.

Kommt es bei dem hohen Aufwand trotzdem vor, dass man sich irrt? Dass Spieler nicht halten, was man sich von ihnen verspricht?

Der Faktor „Mensch“ bleibt immer unberechenbar. Was helfen die besten Tipps, wenn es die Spieler dann nicht umsetzen können? Ich habe schon Spieler über Wochen hinweg beobachtet und für gut befunden. Vor dem Transfer wollten sich die jeweiligen Club-Bosse aber natürlich auch noch selbst ein Bild von dem Spieler machen. Dann erwischte der einen rabenschwarzen Tag. Da fragt beispielsweise ein Uli Hoeneß oder ein Rudi Völler schon, was man denn da für einen ausgesucht hat. Aber so ist das nun einmal.

Früher hieß es, dass man in Brasilien gute Spieler mit dem Lasso einfangen könne. Heute sind solche Geschichten, dass ein völlig Unbekannter im Profifußball einschlägt, aber die absolute Ausnahme, oder?

Diese Storys vom Kicker, den man am Strand von Rio de Janeiro gefunden hat, sind etwas naiv gedacht und überspitzt dargestellt. Ab der D-Jugend wird heutzutage gescoutet, da gibt es nur noch wenige Überraschungen. Normalerweise beobachtet man Jugendnationalspieler. Und wenn es mal ein Bezirksligakicker in einen Profikader schafft, dann ist das einer von 100 000.

Korrektur-Hinweis Korrektur-Hinweis melden Korrektur-Hinweis
Kommentare
zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden
Schreiben Sie Ihre Meinung
Überschrift
Text


noch 1000 Zeichen


Informiert bleiben:
 Bei jedem neuen Kommentar in dieser Diskussion erhalten Sie automatisch eine Benachrichtigung
Unsere Community-Regeln

Jetzt Newsletter anfordern:
© SÜDKURIER GmbH 2014