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Fußball Wer holt den Titel? Jürgen Klinsmann zur WM in Brasilien

Seit 2011 trainiert Jürgen Klinsmann das Nationalteam der USA. Im Interview mit SÜDKURIER-Sportredakteur Dirk Salzmann spricht der gebürtige Göppinger über WM-Ziele, Berti Vogts und Hilfe aus Konstanz.

Herr Klinsmann, noch wenige Wochen bis zum WM-Auftakt. Fußball-Fans auf der ganzen Welt diskutieren, wer den Titel holen wird. Welche Teams sind Ihre Favoriten?

Da unterscheidet sich meine Meinung nicht von der Meinung anderer Experten: Brasilien sehe ich mit dem Heimvorteil als Top-Favoriten, gleich dahinter aber die üblichen Verdächtigen wie Spanien, Deutschland und andere Teams.

Ihr Team, die USA, wurde in die deutsche Vorrunde-Gruppe gelost. Freuen Sie sich als ehemaliger Bundestrainer auf dieses Duell? Oder gibt es Gewissenskonflikte, weil Sie mit den USA die deutschen Hoffnungen früh beenden könnten?

Weder noch. Wir wären diesem starken Team in der Gruppenphase gerne aus dem Weg gegangen – aber jetzt ist es halt so. Ich gehe aber ehrlich gesagt davon aus und hoffe auch, dass Deutschland schon qualifiziert ist, wenn wir im letzten Gruppenspiel aufeinander treffen. Ich denke, es gibt einen fairen Wettkampf, bei dem – um auf Frage eins zurückzukommen – Deutschland der Favorit ist.

Brasilien ist fußballverrückt, hat extreme klimatische Bedingungen und lange Anfahrtswege. Sie haben in diesem Jahr bereits ein Trainingslager in Brasilien absolviert. Auf was freuen Sie sich, was muss noch besser werden, was bereitet Ihnen Sorgen?

Ich freue mich auf die Stimmung. Das wird ein farbenfrohes Spektakel in einem der fußballverücktesten Länder der Welt. Was noch besser werden muss? Da will ich den Brasilianern keine Vorschriften machen – die kriegen das hin. Sorgen bereitet mir die klimatische Problematik und die Reiserei unseres Teams. Wir fliegen zu den drei Spielen rund 14.000 Kilometer in unterschiedlichste klimatische Zonen. Da ist auch unser medizinisches Team um unseren Konstanzer Arzt Dr. Kurt Mosetter besonders gefragt.

Fußball konnte sich in den USA in den vergangenen Jahren etablieren, steht aber noch immer im Schatten von Football, Basketball, Baseball oder Eishockey. Wie wichtig ist die WM für die Entwicklung des „Soccers“?

Die WM ist wichtig für das Tempo bei der weiteren Entwicklung des Fußballs – die Entwicklung an sich ist aber nicht mehr aufzuhalten. Ein gutes Abschneiden würde das Tempo der Entwicklung noch ein bisschen beschleunigen, aber es wird bei einer Enttäuschung keinen Stillstand mehr geben. Der Fußball ist inzwischen die vierte Sportart in den USA und nicht mehr zu stoppen. Natürlich werden wir die vorderen drei, American Football, Basketball und Baseball, nicht angreifen können in den nächsten Jahren – aber es bewegt sich was mit tollen Konzepten und Investoren.

Joachim Löw betonte zuletzt immer wieder Ihre Verdienste und Leistungen als Bundestrainer. 2006 wurden Sie gefeiert, als Trainer des FC Bayern hagelte es später Kritik, als die Erfolge ausblieben. Fühlen Sie sich in Deutschland ungerecht behandelt?

Nein, warum? Ich brauche keine Bestätigung. Ich bin so lange in diesem Geschäft und bin mit mir im Reinen. Auch die Zeit bei Bayern München bereitet mir keine Probleme mehr.

Wie präsent sind die verrückten Tage von 2006 noch? Oder sind diese Erfahrungen abgehakt im dicken Buch Ihrer Fußball-Erinnerungen?

Ich bin von Haus aus kein Mensch, der in der Vergangenheit lebt. „Weißt du noch“ – das spielt bei mir selten eine Rolle. Wenn ich manchmal in Stuttgart oder Frankfurt bin und bestimmte Plätze oder Stadien wieder sehe – dann kommt die Erinnerung wieder hoch. Aber ich führe jetzt zuhause der Nachbarschaft keine Videos vor . . .

Ist der Umgang mit Spielern, Funktionären und Medien in den USA einfacher als in Deutschland?

Mit Spielern sicherlich nicht – die spielen ja eh fast alle in Europa. Der große Unterschied ist sicherlich in der öffentlichen Wahrnehmung, die in den USA nicht so groß ist. Das macht es ein bisschen angenehmer – aber klar ist: Am Ende ist entscheidend, was auf dem Platz passiert.

Der VfB Stuttgart, Ihr alter Verein, sucht ja noch nach einem Trainer für die nächste Saison, mit dem sich die Fans identifizieren können. Könnten Sie sich generell eine Rückkehr in die Bundesliga vorstellen?

Ich habe mir abgewöhnt, niemals nie zu sagen im Fußball. Ich hätte mir bis 2004 auch nie vorstellen können, Nationaltrainer zu werden. Aber im Moment ist es nicht abzusehen. Ich habe einen Vertrag mit den USA bis 2018 und mir macht es Spaß, diese Sportart mit einem Team an Leuten voranzutreiben.

Mit Kurt Mosetter haben Sie einen Mannschaftsarzt vom Bodensee in Brasilien mit dabei. Welche Bedeutung hat im modernen Fußball die medizinische Betreuung?

Die könnte größer nicht sein. Wir alle haben doch schon gemerkt: Wir können körperliche Höchstleistung nur bringen, wenn wir uns wohlfühlen und wenn wir gesund sind. Die ganze taktische und technische Vorbereitung nutzt relativ wenig, wenn die Spieler nicht fit sind. Und da spielt die medizinische Betreuung eine wesentliche Rolle. Da habe ich großes Vertrauen in Dr. Mosetter.

Sie haben Berti Vogts als Sonderberater für die US-Nationalmannschaft verpflichtet. Welche Aufgaben soll er übernehmen und warum fiel Ihre Wahl ausgerechnet auf Vogts, mit dem Sie 1996 Europameister wurden?

Berti Vogts ist eine absolute Bereicherung für unser Team und wir sind stolz, dass wir ihn für uns gewinnen konnten. Er wird all seine Erfahrung und sein Wissen einbringen – wir freuen uns auf die Zusammenarbeit. Eine Weltmeisterschaft ist eine riesige Herausforderung – und gerade da braucht man erfahrene Leute. Er wird für uns auf verschiedenen Gebieten tätig sein wie zum Beispiel der Beobachtung der Gegner.

Beenden Sie bitte folgenden Satz: 1990 waren Sie Weltmeister, sollten Sie selbiges im Sommer mit den USA schaffen, dann . . .

. . . wäre dies eine weitaus größere Sensation als damals in Italien.

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