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Regionalsport Hochrhein „Eine extrem tragische Geschichte“

Mountainbike-Olympiasiegerin Sabine Spitz über die Gefahren ihres Sports und den tödlichen Sturz der Niederländerin Annefleur Kalvenhaar beim Weltcup-Rennen am Wochenende 

Frau Spitz, am Wochenende starb die 20-jährige Annefleur Kalvenhaar nach einem Sturz im französischen Méribel. Wie tief sitz der Schock?

Das ist eine extrem tragische Geschichte, die nicht so leicht zu verarbeiten ist. Es führt einem auf brutale Weise vor Augen, auf welch schmalem Grat wir uns bewegen und dass man immer dankbar sein muss, wenn man gesund bleibt.

Sport ist immer mit Risiko behaftet. Werden Sie da als eine der erfahrenen Bikerinnen nachdenklicher?

Sicher, das Risiko fährt immer mit. Aber wenn nicht solch schlimme Ereignisse einem zum Nachdenken bringen, was sonst? Ich hatte schon im vergangenen Jahr vor allem nach meinem Sturz bei der WM darauf gedrängt, dass es keinen Wettlauf um die spektakulärsten Strecken geben darf, der zu Lasten der Sicherheit der Fahrer geht. Dieser Unfall muss Anlass dafür sein, die Diskussion weiter zu führen oder sogar zu intensivieren.

Wurde die Unfallstelle auf dem Kurs in Méribel danach für das Cross-Country-Rennen entschärft?

Eigentlich war die Unfallstelle weder besonders gefährlich noch schlecht abgesichert. In diesem Fall kann niemandem ein Vorwurf gemacht werden. Aber auf den Cross-Country-Strecken hatten wir auch dieses Jahr Stellen zu meistern, die sehr fragwürdig waren, was die Sicherheit der Sportler angeht. In der Qualifikation des Sprint-Eliminators war es so, dass man die Stelle – eine Holzbrücke – direkt mit hohem Tempo anfahren konnte. Danach hat man dann eine Schikane eingebaut, so dass die maximale Geschwindigkeit deutlich reduziert wurde.

Es ist der erste Todesfall bei Cross Country-Rennen. Werden die Strecken immer gefährlicher?

In den vergangenen Jahren war diese Tendenz schon da, was letztlich in der sehr gefährlichen WM-Strecke in Südafrika, aber auch einigen anderen Weltcup-Strecken gipfelte. Oft ist es auch einfach eine schlechte Absicherung. Wenn bei einem Sprung, der als solches okay ist, im Sturzraum Felsen liegen – wie dieses Jahr beim ersten Weltcup – ist das in meinen Augen fahrlässig.

Ist den Veranstaltern und Streckenbauern das Spektakel wichtiger als die Sicherheit der Sportler? Spielt die mediale Präsenz des Sports vielleicht auch eine Rolle, die Strecken risikoreicher und spektakulärer zu bauen?

Spektakuläre Bilder sind natürlich wichtig und brauchen wir auch. Auf das richtige Maß kommt es an und wie es um die Sicherheit der Fahrer bestimmt ist. Einige Streckenbauer haben da meines Erachtens das Maß etwas verloren und wohl vergessen, dass wir mit ultraleichten Cross-Country-Bikes und ohne Protektoren auf Renn-Kursen dieser Welt unterwegs sind. Noch mehr sehe ich da aber den Verband in der Verantwortung. Er muss dafür sorgen, dass wir akzeptable Streckenverhältnisse vorfinden. Dieser Verantwortung wird er meiner Meinung nach nicht ausreichend gerecht, auch wenn die UCI den Organisatoren Ende vergangenen Jahres schon mal das entsprechende Signal gegeben hat, dass etwa Sprünge nicht zu hoch sein dürfen.

Sie sind in dieser Saison Siebte in der Weltcup-Gesamtwertung geworden? Sind Sie zufrieden?

Mit meiner Saisonleistung im Weltcup kann ich sehr zufrieden sein, mit dem letzten Rennen allerdings nicht. Ich bin ansonsten konstant in den Top Ten vertreten gewesen, obwohl ich einige Male vom Defekt-Pech verfolgt wurde, wie zum Beispiel in Cairns, als ich an zweiter Stelle liegend einen platten Hinterradreifen hatte. Das war Pech und schmälert die Leistung ja nicht. Leider verlief das Finale in Méribel nicht nach Wunsch. Ich habe nach einem etwas unglücklichen Start nie ins Rennen gefunden und konnte mich auch nicht richtig belasten. Vielleicht war das Training der Tage zuvor mit Blick auf die WM doch etwas zu viel, aber so ganz kann ich mir im Moment keinen Reim darauf machen.

Nächstes Jahr werden Sie zu Saisonbeginn Ihren 100. Weltcup fahren. Ist da Ihre Motivation besonders groß?

Mal sehen, was in der nächsten Saison ist. Ich habe noch nicht definitiv entschieden, ob ich meine Karriere fortsetzen werde. Sicher wäre es schön, den 100. Weltcup zu bestreiten, aber darauf allein kann ich meine Entscheidung nicht bauen. Neben der persönlichen Motivation brauche ich auch die Partner, um weiter als Profi aktiv sein zu können.

Bei der Marathon-WM gewannen Sie in diesem Jahr Silber. Die Cross-Country-WM in Norwegen kommende Woche ist der Saisonhöhepunkt für Sie. Was haben Sie sich vorgenommen?

Nach der missglückten Generalprobe am Sonntag ist das natürlich etwas schwierig, da ich nicht so richtig weiß, wo ich stehe. Der 14. Rang hat sicher nicht mein aktuelles Leistungsvermögen widergespiegelt. Ob die Form allerdings für eine Medaille ausreicht, kann ich auch nicht sagen. Aber auch bei meiner 20. Cross-Country-WM ist es natürlich das Ziel, um eine Medaille mitzufahren. Wenn ich nicht an meine Chance glauben würde, würde ich wohl auch zu Hause bleiben.

Kennen Sie die Strecke in Hafjell?

Ja und nein. Ja – als Fußgänger und Zuschauer, aber ich bin noch nie darauf gefahren. Ich hatte 2013 mein Haibike-Team zum Weltcup-Finale in Hafjell begleitet. Damals war ich aber noch gehandicapt durch die Schulterverletzung. Wichtig ist aber, dass ich schon mal eine Vorstellung davon habe, was mich erwartet.

Helen Grobert aus Weilheim-Remetschwiel ist auch eine Bikerin vom Hochrhein. Sie hat in Méribel ihren zweiten Weltcup in der U 23 gewonnen, gilt als eines der größten deutschen Talente. Könnte sie einmal Ihre Nachfolgerin werden?

Sie hat in dieser Saison einen wichtigen Schritt nach vorne gemacht, der zeigt, dass sie zukünftig international ganz vorne mitmischen kann. Wie weit sie das bringt, wird man sehen.

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Die größte Olympionikin am Hochrhein: Sabine Spitz aus Murg-Niederhof: Was sie mit ihrem Mountainbike bereits alles erreicht hat ist außergewöhnlich. Bei Olympia konnte sie bereits Gold, Silber und Bronze gewinnen. Lesen Sie alles über die erfolgreiche Sportlerin in unserem Themenpaket.
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