Friedrichshafen Der Adler kommt!
Als im Großraum Frankfurt heranwachsender Bub mit ausgeprägter Vorliebe zum Fußball kommt die Frage irgendwann unweigerlich: Eintracht Frankfurt oder Kickers Offenbach? In der Regel ist es der familiäre Hintergrund oder der engste Freundeskreis, der diese so kniffelige und lebensbeeinflussende Frage beantwortet. Eines aber ist unbestritten: Es gibt nur ein Entweder-oder, ein Sowohl-als-auch ist undenkbar.
Wer sich für die Eintracht mit dem Adler auf der Brust entscheidet, der entwickelt vom ersten Moment an eine riesige Abneigung den Kickers gegenüber - und umgekehrt. Es vergeht kein Spiel, und sei es das unwichtigste Freundschaftsspiel am Ende einer langen Saison gegen den kleinsten Bezirksligisten, bei dem die Fans nicht irgendein Lied singen, in dem der Kontrahent "verebbelt" wird, wie es in Hessen heißt.
So spinnefeind sich die Fans beider Vereine auch sind, so auffallend sind ihre Parallelen: Sie gehören ganz subjektiv aus Sicht eines im südbadischen Exil lebenden Hessen zu den besten Anhängern bundesweit. Mindestens. Eher europaweit. Oder sogar weltweit. Wer sich ein Bild davon machen möchte, der sollte heute Abend nach Pfullendorf gehen: 3000 Eintracht-Fans werden zum Pokalspiel erwartet. Ordentlich Alarm werden sie machen und für eine Fußballstimmung sorgen, die der beschauliche Linzgau noch nie erlebt hat.
Berühmt sind die Frankfurter für ihre beeindruckenden Choreografien in den Stadien vor den Spielen. Im Kampf gegen Rassismus setzten sie Anfang der 90er Jahren einen farbenfrohen Meilenstein, als sie die Kampagne "United Colors of Bembeltown" ins Leben riefen. Damals kamen mit Jay-Jay Okocha oder Tony Yeboah die Publikumslieblinge aus Afrika. Ein Bembel ist übrigens das hessische Wort für einen Apfelwein-Krug. Wobei man sich davor hüten sollte, bei einem Besuch in einer der zahlreichen urigen Kneipen der Main-Metropole den Begriff "Apfelwein" zu wählen. Damit outet man sich stehenden Fußes als Nicht-Hesse. Und wer möchte das schon? Sagen Sie "Ebbelwoi" oder "Äppler".
Mit der Inbetriebnahme des neuen Stadions, das selbstredend offiziell eine Arena ist, im Jahr 2005 hat sich das Image der Eintracht und ihrer vielen Fans deutlich verbessert. Die Stimmung in der alten Bruchbude Waldstadion war eher traurig. Im G-Block standen damals die Treuesten der Treuen und versuchten angesichts der fürchterlichen Architektur des Stadions vergeblich, bundesligataugliche Stimmung zu verbreiten. Ende der 90er Jahre, Anfang des neuen Jahrtausends mutierte die Eintracht zu einer Fahrstuhlmannschaft ohne großartige Perspektive. Spieler kamen und gingen. Eine klare Linie in der Vereinspolitik war nur schwer zu erkennen. Das änderte sich ebenfalls, als Friedhelm Funkel die sportlichen Geschicke übernahm. Im Jahr 2004 heuerte er beim damaligen Zweitligisten an. Die lokalen Medien gingen damals davon aus, Funkel sei nur eine temporäre Zwischenlösung. Doch der Rheinländer beeindruckte seine Kritiker mit akribischer Arbeit und einem Konzept, das voll aufging.
Nach nur einem Jahr ging's zurück in die Eliteliga. 2006 führte er die Eintracht sogar ins DFB-Pokalfinale, was allerdings mit 0:1 gegen die Bayern verloren ging. Sei's drum: Da die Münchner Meister wurden, spielten die Frankfurter als Pokalfinalist im Uefa-Pokal. Trotz starker Leistungen überstanden sie die Gruppenphase nicht. Und doch waren eben jene starken Leistungen zu dieser Zeit auch dafür verantwortlich, dass die einstige launische Diva vom Main mittlerweile als gut gelaunte Dame wahrgenommen wird. Und auch die aktuelle Mannschaft verspricht einiges - zumindest den sicheren Klassenerhalt, wenn nicht sogar den Sprung in vordere Tabellendrittel. Namen wie Nikos Liberopoulos, Ioannis Amanatidis, Zlatan Bajramovic, Mehdi Mahdavikia, Martin Fenin, Habib Bellaïd oder Junichi Inamoto stehen für internationale Träume. Obwohl Funkel nie über die direkte Qualifikation fürs internationale Geschäft redet, so bezeichnet er doch den Einzug ins DFB-Pokalfinale als ein Saisonziel. Wohlwissend, dass alleine das schon für den Uefa-Pokal reichen kann, wie eben 2006. Die Hessen haben damals Lunte gerochen. Und seien wir ehrlich: Ein Traditionsverein wie Eintracht Frankfurt mit seinen kultigen Fans gehört auf die große Bühne. Der Weg dorthin führt durch den Linzgau.
Eine Frage sollte an dieser Stelle vielleicht noch geklärt werden: Eintracht Frankfurt oder Kickers Offenbach? Ganz ehrlich: Als kleiner Bub schlug mein Herz für die Kickers und die Abneigung gegen die Eintracht war wie oben erwähnt durchaus ausgeprägt. Doch im Laufe der Jahre, auch bedingt durch meinen studienbedingten Umzug an den Bodensee Anfang der 90er Jahre und der damit verbundenen räumlichen Distanz zu meiner geliebten Heimatstadt, wuchs in mir die hessische Erkenntnis, dass ein Sowohl-als-auch durchaus möglich ist. Die Kickers spielten des Öfteren in der Regionalliga in Pfullendorf. Großartig. Heute kommt die Eintracht nach Pfullendorf. Großartig.
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