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Momo entzaubert den K.o.-König

08.07.2008
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Er hat geschworen, nicht einen Schritt zu weichen. Nicht vor den bekannt knallharten Attacken seines Gegners und nicht vor dessen beängstigendem Ruf als K.o.-Schläger. Mohesen Moradian gleitet durch den Ring, lässt seinen Gegner mal ins Leere laufen und geht im nächsten Augenblick furchtlos in dessen Attacke hinein. Vor allem aber: Er trifft. Haken, Gerade; seine Schienbeine krachen in Ucar Karkalecs Rippen und immer wieder stoppen blitzschnelle Kicks zum Kopf dessen Angriffe schon im Ansatz. Karkalec findet kein Rezept gegen den flinken, hart schlagenden Moradian. In der dritten Runde werden die Aktionen zunehmend unsauber, Moradian muss Kopfstöße und Tiefschläge verschmerzen. Er ist verletzt, er ist wütend, doch er behält die Beherrschung. Diesen Sieg - den spektakulärsten seiner jungen Karriere - lässt er sich nicht mehr nehmen.

Die Nachricht ist: Mohesen Moradian, 17-jähriger Thai-Boxer aus Singen und eigentlich noch zu den Junioren zählend, hat am Samstag in München den zweifachen deutschen Meister in der Senioren-Klasse, Ucar Karkalec, in einem Kampf nach den Profi-Regeln des K-1 (Schutzausrüstung: nur Boxhandschuhe und Tiefschutz) besiegt. Karkalec gilt als K.o.-Spezialist; seinen letzten Titel gewann er, indem er all seine Turniergegner ausknockte. Es war, wie es der Singener Trainer Ralf Hasenohr formuliert, Mohesen Moradians "Durchbruch in die Seniorenklasse". In München habe er auf einen Schlag gezeigt, dass er auch bei den Erwachsenen zu den Top-Kämpfern gehören wird.

Hinter der Nachricht steht: Ein Riesentalent. Eine engagierte Aufbauarbeit. Der Zusammenhalt eines Vereins. Und Training, sehr viel Training.

Ein Blick zurück, Mitte Juni: Die drückende Hitze des Tages und der literweise vergossene Schweiß der Sportler haben in der Singener Tittisbühl-Halle ein eigenes, subtropisches Klima geschaffen. Nun haben die Thai-Boxer genug geschwitzt. Sie rollen die Bandagen von den Händen und gehen unter die Dusche. Zwei allerdings machen weiter. Seit fast vier Stunden trainieren sie. Ralf Hasenohr, der Trainer, trägt einen Brustpanzer und an jedem Arm ein Schlagpolster, und so schweißnass ist er, dass man meinen könnte, er sei gerade der Aach entstiegen. Doch von Nachlassen keine Spur. "Gerade, Haken, Kick", fordert er, oder: "Doppelkick und zweimal den Haken." Mohesen Moradian - den alle Welt schlicht "Momo" nennt - liefert das Geforderte ansatzlos. Es knallt und knallt, denn auch nach Stunden Training sind die Tritte mit dem Schienbein, die die Schlagpolster tief einbeulen, noch so hart, dass sie einem Ungeschützten wohl den Kopf vom Rumpf reißen würden. Kein Fehler geht dem erfahrenen Trainer durch. Als Momo einem fingierten Angriff ausweicht, sind die Füße zu nahe beieinander. Im Ernstfall, im Ring, könnte er für eine Sekunde nur schwer kontern. Eine Sekunde, eine winzige Schludrigkeit, die den Unterschied zwischen Triumph und sehr schmerzhafter Niederlage ausmachen kann.

Trainer und Schützling wissen, dass Ucar Karkalec außergewöhnlich harte Haken serviert. Sie feilen an ihrer Strategie. Schlagen, bevor Karkalec schlagen kann, predigt Hasenohr immer wieder. Und falls das mal nicht klappen sollte, muss Momo zumindest auf jeden Schlag eine Antwort liefern. Er darf nicht nach hinten gehen, nicht einen Schritt. Wenn man einen solchen Angriffskämpfer auf Touren kommen lässt, ist er kaum noch zu stoppen.

Es geht um Sieg oder Niederlage. Es geht bei einem solch harten Sport wie dem Thai-Boxen auch um die Gesundheit. Dennoch sieht man zwischen den beiden Schlagpolstern immer mal wieder den Trainer lächeln. Ein Scherz, kurzes Durchschnaufen. Dann wieder volle Konzentration, Kicks, Haken, Ausweichmanöver.

Nach dem Training gibt sich Mohesen Moradian selbstsicher und vor allem: dankbar. So hart trainiert wie für diesen Kampf habe er noch nie, erzählt er. Er sei entschlossen, den K.o.-König zu besiegen. Dann kommt er auf seinen Trainer zu sprechen: "Alles, was ich bin, habe ich dem Ralf zu verdanken." Der habe sofort erkannt, was in ihm stecke, habe ihn gefördert und ihm immer geholfen - "ein Supertyp!"

Zwölf Jahre jung war Momo, als er zum ersten Mal - übrigens gemeinsam mit seinem Vater Wilson - in Ralf Hasenohrs Trainingsgruppe stand. Vom ersten Tag an habe ihn das Thai-Boxen fasziniert, erzählt Moradian. Er war "angefressen" - und so talentiert, dass der Trainer es wagen konnte, ihn nach einem Jahr schon in den Ring zu schicken. Den ersten Kampf verlor er, den zweiten gewann er durch K.o. und bald war er erstmals deutscher Meister in seiner Altersklasse. Bisheriger Höhepunkt in seiner Karriere: Die Teilnahme an der WM 2007 in Thailand. Er sei mitten im Jetlag gewesen und entsprechend konditionsschwach, erzählt er. Er verlor gegen den Kämpfer aus Russland. Man merkt: Thai-Boxen ist Randsportart. Dass WM-Teilnehmer Wochen zuvor anreisen und sich akklimatisieren können, das ist in den Budgets nicht drin.

Derzeit ist Moradian auf Lehrstellensuche. Lagerist möchte er werden. Natürlich hat er auch schon daran gedacht, sich als Profi-Kämpfer zu versuchen. Von Deutschland aus ist das allerdings schwer. Es gibt kaum jemanden, der hier mit Thai-Boxen oder K-1-Kämpfen seinen Lebensunterhalt verdienen kann. Moradian müsste nach Thailand oder Japan oder nach Holland, in die europäische Hochburg des K-1. Doch er will in Singen bleiben, bei seinen Freunden vom Thai-Box-Club. "Wir sind wie eine Familie", schwärmt er. "Bei uns gab's noch nie Streit."

Was macht Momo, wenn er nicht trainiert? "Schlafen und ans Thai-Boxen denken", grinst er. "Und warten, bis endlich das Training anfängt."

Regionalsport Bodensee West
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