So ein Tag: Im Rahmen der SÜDKURIER-Serie spricht Henry Rinklin über den Sieg bei der Bahnrad-Junioren-Weltmeisterschaft 1975.
Diesen einen Julitag im Jahr 1975 wird Henry Rinklin sein Leben lang nicht vergessen. Der damals 17-jährige Hegauer durfte mit der Rad-Nationalmannschaft nach Lausanne fahren, zur Weltmeisterschaft der Junioren. Es war die Premiere dieser Veranstaltung – und der Nachwuchsfahrer, der für die RSG Heilbronn am Start war, gewann die erste Goldmedaille. „Das war ein tolles Erlebnis“, schwärmt Rinklin noch heute, fast 37 Jahre später, von diesem einmaligen Tag. „Vor allem, wenn man die komplette Saison mit diesem ganzen Auf und Ab betrachtet“, sagt Rinklin.
Doch der Reihe nach. Das Jahr 1975 begann für den gebürtigen Teninger und heutigen Konstanzer Rinklin mit einer Reise ins Unbekannte. „Im Frühling waren wir mit dem Junioren-Nationalteam bei der Israel-Rundfahrt im Rahmen der Hapoel Games am Start, wo wir unsere Grundlagenausdauer trainieren wollten“, erinnert sich der 54-Jährige. „Sechs harte Etappen, eine davon durch die Wüste Sinai, führten uns quer durch das Land, in dem damals der Krieg tobte. Schon am Flughafen wurden wir mit unglaublichen Sicherheitskontrollen erwartet. Heute weiß ich, dass das Leute vom Auslandsgeheimdienst Mossad waren, die uns ganz streng erklärt hatten, was wir machen durften und was nicht. Bei Trainingsfahrten oder Ausflügen in die Stadt bekamen wir Militär-Eskorten, vor den Hotels an der Küste patrouillierten Schiffe, auf dem Dach standen Wachen. Das war richtig heftig.“
Sportlich jedoch lief es rund für den jungen Mann aus Süddeutschland – auch wenn es anfangs die eine oder andere Kommunikationshürde zu überwinden gab. „Verband und Trainer dachten zuerst, es sei eine Junioren-Rundfahrt, aber als wir ankamen, merkten wir, dass außer uns nur reine Amateur-Nationalmannschaften am Start waren“, sagt Rinklin. „Nach der ersten Etappe war ich froh, mit meiner Junioren-Übersetzung überhaupt ins Ziel gekommen zu sein und habe mir vom Schweizer Mechaniker Fritz Brühlmann, der heute noch aktiv ist, eine richtige Übersetzung geben lassen.“ Die nachbarschaftliche Unterstützung brachte den Erfolg: Im Zeitfahren anschließend wurde Rinklin Dritter, dann gewann er eine Etappe, „und beim Aufstieg nach Nazareth machte ich schließlich den Gesamtsieg klar“, blickt der 54-Jährige zurück.
Nur zwei Wochen nach der Rundfahrt kam es zur Weltmeisterschafts-Qualifikation mit der Bahn-Mannschaft. Nach der schlauchenden Veranstaltung in Israel fiel der damals 17-Jährige in ein für Nachwuchsfahrer typisches Loch, die Spritzigkeit war weg. „Unser Trainer Karl Link hat mich daraufhin aus dem Aufgebot gestrichen“, sagt Rinklin, „wir konnten einfach nicht miteinander, hatten unterschiedliche Auffassungen. Später in der Saison habe ich mich wieder gefangen und mit derart starken Leistungen auf der Straße überzeugt, dass er mich doch für die WM in Lausanne nominieren musste.“
Rinklin durfte also im Straßenrennen starten. Dank eines starken Auftritts schaffte er den Sprung in den Straßenvierer, wo ihm versprochen worden sei, auch im Punkterennen fahren zu dürfen, wenn er alles geben würde. Und das tat er. „Anschließend fuhren die anderen mit dem Auto ins Hotel, ich radelte zurück, um die Beine locker zu kriegen“, blickt Rinklin zurück, der sich am Nachmittag gleich schlafen legte, bevor er massiert wurde – und noch am gleichen Tag die Einzel-Vorläufe überstand. Für das Punktefinale, seinen großen Auftritt, war Henry Rinklin, der fast überhaupt nicht nominiert geworden wäre, „richtig motiviert. Ich bin immer am besten gefahren, wenn ich eine Wut im Bauch hatte und dachte mir: Denen zeige ich es jetzt!“, sagt er. „Zehn Teamkollegen standen um die Bahn rum verteilt und haben mir immer wieder Tipps gegeben und Zwischenzeiten reingerufen“, fährt er fort. Schon zur Hälfte des Rennens hatte der Deutsche sich mit dem Jugoslawen Miog Marinkovic abgesetzt, um Punkte zu sammeln. Rinklin drehte eine Runde, und noch eine, und noch eine. Und am Ende gewann er tatsächlich den Titel vor Marinkovic und dem Belgier Eddy Torfs. „Da war die Welt für mich wieder in Ordnung und nach diesem Hickhack im Vorfeld das Jahr gerettet“, sagt er und strahlt.
So richtig realisieren konnte er den großen Erfolg aber noch nicht. „Ich war total auf das Rennen fokussiert“, sagt er. Auch zuhause hatte niemand mit einem solchen Triumph gerechnet. „Als ich abends angerufen habe, konnte es keiner glauben. Nach diesem Sieg gab es für mich einen Empfang nach dem anderen. Sogar ein gewisser Frank Elstner hat angerufen und mich für Radio Luxemburg interviewt“, sagt Rinklin und schmunzelt.
Später gehörte Rinklin von 1975 bis 1980 der Sportförderkompanie der Bundeswehr an. Bei den Olympischen Spielen 1976 in Montreal war er als Ersatzmann für den Vierer dabei, im selben Jahr gewann er in Venezuela Silber mit dem Vierer bei der Amateur-WM. Nach dem Olympia-Boykott von Moskau 1980 wechselte er ins Profilager und holte 1984 WM-Bronze im Punktefahren in Barcelona. Die Klassiker Paris – Nizza und Paris – Roubaix beendete er unter den ersten 40, bei Mailand – San Remo wurde er Elfter. 1988/89 war Henry Rinklin Trainer und Sportlicher Leiter bei der RSG Böblingen, mit der er Deutscher Meister wurde und 1989 verhinderten nur der Mauerbau und das daraus resultierende Überangebot an Coaches seine Beförderung zum stellvertretenden Bundestrainer.
Henry Rinklin hat viele tolle und außerordentliche Momente in seiner Karriere erlebt. Im Rückblick ist es aber dieser eine Julitag im Jahr 1975, der ganz zu Beginn seiner Laufbahn schon die Krönung sein sollte.