Friedhofstraße – welch' passender Ort: Der Bär tobt nicht gerade im evangelischen Gemeindehaus am Ortsrand der Hegaugemeinde Steißlingen. Er brummt nicht mal leise. Abgesehen vom dezent-monotonen Ticken kleiner Holzuhren herrscht gespenstische Grabesruhe im großen Saal, wo 16 Männer stumm um Punkte kämpfen, die einen leise ihre Siege feiern und die anderen in aller Stille Niederlagen hinnehmen.
„Das ist doch kein Sport“, bekommt Philipp Bruttel, einer dieser 16 Spieler, meist zu hören, wenn er sich als Schachspieler zu erkennen gibt. Und die Szenerie hier beim Landesliga-Spiel des SC Steißlingen gegen den SK Engen bietet wenig, um dieses Vorurteil widerlegen zu können. Das hier hat wenig, hat eigentlich rein gar nichts zu tun mit dem Sport, der die Körpersäfte in Wallung bringt, der Schweiß – und manchmal auch Blut und Tränen – fließen lässt, der aus ruhigen Gemütsmenschen in Sekundenschnelle wilde Berserker machen kann, der Emotionen, die positiven wie negativen, in Energie umwandelt – in Kilojoule etwa oder Dezibel messbar.
Hier in Steißlingen ist Bewegung – vernachlässigt man den Griff zur Schachfigur – nur sporadisch angesagt. Der Engener Spieler, der nervös mit dem Fuß wippt, der ältere Herr mit dem graumelierten Haar, der Brett und Gegner verlässt, kurz die Beine ausschüttelt, bevor er wieder gemächlich zu König, Dame & Co. zurückschlendert: Von sportiver Höchstleistung mit ordentlicher Fettverbrennung kann hier keine Rede sein.
Und doch ist Schach Sport. Steht zumindest auf einem Aufkleber des Deutschen Schachbundes. Und der ist Mitglied im Deutschen Sportbund, was das königliche Spiel in eine Reihe mit Fußball, Handball, Volleyball oder Tennis stellt. Dass eben dieser Sportbund in seinen Statuten Sport mit „Bewegung“ definiert, macht das Ganze dann doch etwas kompliziert.
„Schach ist ein Spiel unter sportlichen Bedingungen“, liefert Klaus Zeiler vom Schachclub Steißlingen einen Kompromiss. Und bringt gleich Argumente für seine Theorie vor. „Alle Spitzenspieler im Schach sind topfit. Bei Lehrgängen im Jugend-Nationalkader ist täglich zwei bis drei Stunden Fitnesstraining angesagt.“ Gesunder Geist in einem gesunden Körper, denn „sonst ist man nach einer Sechs-Stunden-Partie völlig erledigt“. Schachmatt eben.
Klaus Zeiler ist ein sportlicher Typ. Früher war der 43-Jährige Handballer bei der DJK Singen und dem TV Ehingen, heute joggt er regelmäßig und spielt Tennis – und ist Spitzenspieler beim Schachclub in Steißlingen, mit dem er derzeit den Aufstieg in die Verbandsliga anstrebt. „Beim Schach geht es um den Wettkampf, um das Messen seiner Fähigkeiten mit anderen – genau wie beim Handball oder beim Tennis.“
Mit letzterer Sportart hat Schach seiner Meinung nach eine große Gemeinsamkeit. „Es gibt in beiden Fällen den Grundlinienspieler, der eher abwartend spielt. Und dann gibt es den aggressiveren Typus, der die Attacke sucht, der gleich in die Vollen geht.“ Sozusagen Serve and Volley am Schachbrett. Während Zeiler sich selbst eher als den forschen Spielertyp charakterisiert, ist sein Vereinskollege Philipp Bruttel mit einem anderen Naturell gesegnet. Der 14-Jährige lässt sich viel Zeit zwischen den Zügen, schließt auch mal die Augen, den Kopf mit der Hand abgestützt, als wäre er kurzerhand eingenickt, um dann ruhig und bedächtig die Spielfigur zu verschieben. Trotz seiner Jugend gehört Philipp Bruttel, in seinem Jahrgang unter den Top Ten in Baden, zum festen Stamm bei den Steißlingern. Und zu den meistgefoulten Spielern in seinem Team. Nicht mit roher Gewalt, wie etwa beim Fußball oft gesehen. Beim Schach wird subtiler vorgegangen: mit der verbalen Blutgrätsche. „Bei vielen Erwachsenen gibt es die Unart, dass sie die Jüngeren vollquatschen, um sie vom Spiel abzulenken. Oder sie verstoßen gegen Regeln, weil sie denken, dass die jungen Spieler das sowieso nicht merken“, erzählt Klaus Zeiler aus dem Schach-Alltag. Psycho-Spiele, wie sie etwa Fußball-Torhüter pflegen, um einen Elfmeterschützen zu verunsichern, sind auch im Schach üblich. „Kasparov war so einer, der hat sich bei seinem Gegner allein durch seine Präsenz Respekt verschafft“, erzählt Zeiler, „es reicht manchmal schon, wenn man seinem Gegner tief in die Augen blickt und Dominanz ausstrahlt.“
Um Fair Play auch im Schach zu pflegen, gibt es ab der Oberliga feste Schiedsrichter, in den Spielklassen darunter hat der Mannschaftsführer des gastgebenden Teams für die Einhaltung der Regeln zu sorgen.
Und noch ein Thema, das in den etablierten Sportarten leider nicht mehr wegzudenken ist, beschäftigt jetzt auch die Schachspieler: Doping. Seit dem 1. Januar 2009 folgt der Deutsche Schachbund den Bestimmungen der Nationalen Antidoping Agentur (Nada). Der Grund: das liebe Geld. Man will sich nicht von anderen Sportarten abgrenzen und dadurch die Fördermittel vom Bund aufs Spiel setzen. Deshalb sind Schachspieler auf Top-Niveau nun ebenso im Fokus der Doping-Fahnder wie Radsportler oder 100-Meter-Läufer. Auf dem Index sind dabei natürlich weniger Hilfsmittel, die den Körper stählen, sondern welche wie Ephedrin oder Amphetamine, die sich auf die Leistungsfähigkeit des Sportgerätes von Schachspielern auswirken: auf das Gehirn.
„Ich glaube nicht, dass das was bringt“, sagt Klaus Zeiler zum Thema Doping im Schach. Und auch auf den deutschen Großmeister Helmut Pfleger wirkte ein Selbstversuch eher ernüchternd, als er Ende der Siebziger nach der Einnahme von beruhigend wirkenden Betablockern vor einer Partie gegen den Ex-Weltmeister Boris Spasski „ in aller Seelenruhe den größten Käse gespielt hat“.
Auf ein Hilfsmittel nicht verzichten kann indes einer, der in seinem Heimatland Norwegen populärer ist als Fußball-Stars oder Tennis-Cracks: Magnus Carlsen (18), der jüngste Großmeister aller Zeiten, hat neben dem Schachbrett immer eine Flasche harmlose Orangenlimonade stehen. „So einen bräuchten wir in Deutschland“, wünscht sich Zeiler den Boris-Becker-Effekt im Schach, „einen jungen, erfolgreichen Spieler, der Schach auch bei uns richtig populär macht“.
Ein Schach-Idol, um das verstaubte Bild von Mate-Tee trinkenden Pfeifenrauchern aufzulockern, die nach einer gepflegten Partie Schach angeregt über den Weltfrieden und die faszinierende Welt der Quantenphysik diskutieren. „So sind wir nämlich gar nicht“, sagt Klaus Zeiler lächelnd, „Schachspieler sind eigentlich ganz normale Menschen. Nicht unbedingt intelligenter als andere, höchstens mit einer besseren Vorstellungskraft.“
Im Schach misst man also seine Fähigkeiten im sportlichen Wettbewerb, es wird ein bisschen gefoult, vielleicht gedopt, manchmal sogar Serve and Volley gespielt. Doch ist Schach deshalb wirklich mit den etablierten Sportarten zu vergleichen?
Auf jeden Fall. Meint zumindest Bundesliga-Kicker Lukas Podolski: „Fußball ist wie Schach, nur ohne Würfel.“ Manchmal sollte man das Denken halt doch den Schachspielern überlassen…
