Viele Spieler der HSG Konstanz können sich wohl nicht mehr entsinnen, was sie am Abend des 17. Dezember 1993 gemacht haben. Ein paar von ihnen konnten damals ja noch nicht einmal ohne fremde Hilfe auf den Topf, so jung waren sie. Tobias Eblen aber erinnert sich noch ganz genau. Schließlich war dieser 17. Dezember vor mehr als 18 Jahren nicht nur sein 17. Geburtstag, es war auch der Tag, an dem er sich erstmals das Trikot der ersten Mannschaft der HSG Konstanz überstreifen durfte. Der Beginn einer außergewöhnlichen Beziehung, die nun zu Ende ist. Zur kommenden Saison verlässt der 35-Jährige seine langjährige sportliche Heimat und wechselt zum HSC Kreuzlingen in die Schweiz.
Am Abend des 17. Dezember 1993 also hatte der junge Tobias Eblen Lampenfieber. Doch das Spiel gegen den TV Sandweier lief ganz gut für den Jungspund, der alle Nachwuchsmannschaften des Vereins durchlaufen hatte, längst mit der Ersten trainierte und schon so lange ungeduldig darauf gewartet hatte, endlich auch bei den Männern in der Oberliga mitspielen zu dürfen. „Ich glaube, ich habe sogar ein paar Tore gemacht, was ja sonst nicht so meine Stärke ist“, sagt er heute und lacht. Genau zwei waren es beim 22:16-Erfolg. Nervös ist Tobias Eblen noch immer vor jedem Anpfiff, das wird er auch bei seinem neuen Verein sein. „Das gehört dazu“, sagt er, „ansonsten könnte ich nicht so lange so viel Spaß und Ehrgeiz bei diesem Sport haben.“ Die Freude am Spiel und der Spaß sind unverzichtbar für ihn. „Ich habe so viel gelacht beim Handball und habe viele extrem schöne Erinnerungen. Da gab es so viele Glücksmomente, so dass es unheimlich schwer ist, einen einzelnen Höhepunkt herauszupicken.“
Nie vergessen wird er die Zeit in der alten, längst abgerissenen Rheinguthalle. „Da bin ich quasi aufgewachsen“, sagt Eblen. „Schon als ich in der Jugend spielte, lief meine kleine Schwester Anna das ganze Spiel auf der Tribüne hin und her und schrie: Tobi, Tobi.“ Nach den Partien wurde er im Foyer von der Familie erwartet und in den Arm genommen, egal ob die HSG nun gewonnen oder verloren hatte. „In der 2. Bundesliga standen dort die Stühle direkt am Spielfeld. Stunden vor dem Anpfiff waren die Leute da. Man fühlt sich als junger Bursche schon cool, wenn beim Aufwärmen 1000 Zuschauer in der Halle sind“, sagt er. Darunter war auch immer sein inzwischen verstorbener „Opa Walter“, der später, als die HSG schon in der Schänzlehalle spielte, von Tobias‘ Mutter Christa gestützt werden musste. Wenn er aber erst einmal vorsichtig zu seinem Sitz gebracht war, dann unterstützte er seine Enkel enthusiastisch, indem er den Gehstock mit vollem Einsatz durch die Luft schwang wie ein Säbelfechter.
Unten auf dem Parkett spielten Tobias und in den frühen Tagen sein Bruder Daniel, der heute die Mannschaft trainiert. Vereinspräsident und Vater Otto fieberte mit den Söhnen. Während Daniel seine Karriere viel zu früh verletzungsbedingt beenden musste, wurde der jüngere Eblen, Tobias, als Spieler zur großen Konstante in einem ohnehin sehr beständigen Verein. In all den Jahren spielte er bei der HSG Konstanz nur unter zwei Trainern: Adolf Frombach, der ihn bereits in der Jugend betreut hatte, und seinem Bruder Daniel. Mit Anfang 20 war Tobias bereits Kapitän der Mannschaft, spielte fortan von Linksaußen bis Rechtsaußen am Kreis und auf allen Rückraumpositionen. Er half als Spielmacher mit, den Oberligisten, der damals die Nummer zwei in der Region hinter der HSG Singen-Gottmadingen war, bis in die 2. Bundesliga zu führen und erlebte, wie alles immer professioneller wurde.
Viele seiner Mitspieler haben die HSG als Sprungbrett in die Bundesliga oder sogar die Nationalmannschaft benutzt: Alexander Mierzwa, Sebastian Seitner, Michael Binder, Matthias Rauh. Dass er, der Kopf der Mannschaft, nicht den Schritt gewagt hat, das bereut Tobias Eblen nicht. „Es wäre bestimmt eine tolle Erfahrung gewesen, aber ich habe mich immer wohlgefühlt in Konstanz. Und wenn ich mich irgendwo wohlfühle, dann denke ich auch nicht an andere Optionen“, gibt er zu.
Nach dem Abstieg aus der 2. Bundesliga vor zehn Jahren hatte Tobias Eblen „eine kleine persönliche Krise“, wie er im Rückblick erzählt, und wurde seiner HSG schon einmal – aber nur ganz kurz – untreu. Er war enttäuscht. Wollte etwas Neues probieren. Nicht mehr das Eigengewächs sein, das jeder kennt im Verein. Er wechselte zum TV Ehingen in die Südbadenliga. Dort lief es aber nicht so, wie Eblen es gerne gehabt hätte, und auch seine alte Liebe HSG Konstanz hatte Probleme in der Regionalliga. Also hielt die Handball-Familie an Weihnachten eine Krisensitzung ab – und nach wenigen Monaten war Tobias wieder daheim.
Inzwischen hat der Verein ein neues Zuhause in der 3. Liga gefunden und sich in der Spitzengruppe etabliert. Tobias Eblen hat sein Werk vollendet, die Nachfolger sind mit Yannick Schatz und Gerrit Bartsch gefunden. So kann er ohne schlechtes Gewissen gehen. Wegen des Abschieds habe es ohnehin keinen Stress in der Familie gegeben.
So ganz weg von der HSG Konstanz ist er ja auch beim HSC Kreuzlingen nicht. Trainiert wird das Team von seinen früheren Mitspielern Alexander Mierzwa und Frank Schädler, in der Mannschaft spielen die Ex-Konstanzer Peter Schramm, Marcel Müller und Philipp Bärtschi. „Ich bin super aufgenommen worden“, sagt Eblen, der in Frauenfeld als Physiotherapeut arbeitet und schon länger in Kreuzlingen wohnt, über seine ersten sportlichen Tage in der Schweiz.
Dort wird er in der dritthöchsten Liga wieder in der Rückraum Mitte spielen, seiner angestammten Position. Denn in den letzten Minuten seines letzten Spiels für die HSG Konstanz hatte Tobias Eblen nach 18 Jahren doch nochmals Neuland betreten. Sein Bruder Daniel wechselte ihn in der Partie bei der SG Herrenberg ein – und stellte den kleinen Bruder einfach ins Tor. Genau diese eine Position hatte Tobias noch gefehlt.
Die Handballer der HSG Konstanz spielen erfolgreich in der dritten Bundesliga. Spielberichte, Analysen und Geschichten über die Mannschaft finden Sie in unserem Themenpaket.
