Sport Ein Sieg für die toten Idole
Konstruktives Durcheinander mit Pokal: Sambias Fußballhelden posieren nach dem Gewinn des Afrika-Cups für den Fotografen. Bild: AFP
Vor ein paar Tagen erst waren die Tränen in ihm hoch gestiegen, als er im Fernsehen gesehen hatte, wie das Nationalteam Sambias jene Stelle besuchte, an der vor knapp 19 Jahren seine Mannschaftskameraden starben. Und an der wohl auch er gestorben wäre, wäre er nicht wenige Monate vor dem Unglück zum tunesischen Erstligisten Esperance Tunis gewechselt.
Er wollte dieses Spiel im Kreis vertrauter Menschen sehen. Menschen, die seine Geschichte kennen. Also schaute der 47-Jährige das Finale gegen die Elfenbeinküste in seinem Wohnzimmer in seinem Haus in Livingstone, ganz in der Nähe der Viktoria-Fälle. Die Verwandten waren da, am Nachmittag hatten sie den 17. Geburtstag der Tochter gefeiert. Sie wolle nur das eine Geschenk, hatte sie gesagt: Einen Sieg der Chipolopolos, der Gewehrkugeln, wie sie Sambias Fußballmannschaft in Sambia nennen. Die Elfenbeinküste mit Superstar Didier Drogba war beim Spiel in Gabuns Hauptstadt Libreville hoch favorisiert, und Sambia hatte den Titel noch nie gewonnen. Am Ende aber siegte der Außenseiter mit 8:7 nach Elfmeterschießen.
Trainer Herve Renard erzählte nach dem Triumph, dass „wir vom ersten Tag an darüber gesprochen haben, als wir mit unserer Vorbereitung begannen“. Er habe seinen Spielern gesagt: „Wenn wir das Finale erreichen, spielen wir in Gabun, wo damals das Flugzeug abgestürzt ist. Unser erstes Spiel ist gegen den Senegal, wo das Team damals hätte spielen müssen. Es steckte von Anfang an eine spezielle Bedeutung für uns in diesem Turnier.“ Seine Spieler seien zwar „nicht die Besten“ gewesen, „aber wir hatten eine Energie, die uns zum afrikanischen Meister gemacht hat“.
Nur ein Mitglied dieser Mannschaft (Emmanuel Mayuka) spielt für einen europäischen Erstliga-Club (Young Boys Bern). Ihr Kapitän heißt Chris Katongo, der sich von 2008 bis 2010 erfolglos bei Arminia Bielefeld versuchte und mittlerweile nach China zu Henan Jianye weitergezogen ist. Dieses Team der Namenlosen besiegte im Halbfinale zunächst Ghana mit Stars wie Sulley Ali Muntari (AC Mailand) und dann auch noch die Ivorer um Didier Drogba (FC Chelsea) und Gervinho (FC Arsenal). Drogba verschoss im Finale schon während der regulären Spielzeit einen Strafstoß, Gervinho machte ihm das dann an der entscheidenden Stelle des Elfmeterschießens nach.
In Livingstone feierte Kenneth Malitoli bis tief in die Nacht. „Mein Glück kann sich keiner vorstellen“, sagte der Trainer des Zweitligisten Livingstone Pirates FC gestern am Telefon. „Das ist das beste Team, das wir je hatten. Sie haben für unsere verstorbenen Helden gespielt, deshalb waren sie unbesiegbar.“ Er fühle Freude. Nichts als Freude.
Die Erinnerung an den Morgen des 28. April 1993 – überdeckt, für einige Momente zumindest. Dabei kann sich Malitoli an jede Minute dieses Tages erinnern. Als einer von fünf sambischen Profis im Ausland sollte er individuell zum Qualifikationsspiel für den Afrika-Cup 1994 in den Senegal reisen. Und nicht mit den 18 Spielern, die im maroden Militärflugzeug schon am Vortag von Sambia aus aufgebrochen waren. Er packte in einem Appartement in Tunis seine Tasche. Das Telefon klingelte. Als er aufgelegt hatte, lag ihm nichts ferner als die Tasche zu benutzen, die fertig gepackt war. Das Flugzeug sei abgestürzt, hatte die Stimme am anderen Ende der Leitung gesagt, die komplette Besatzung – 18 Fußballer, zwei Trainer, fünf Funktionäre und Betreuer sowie fünf Besatzungsmitglieder – gestorben.
Noch war in diesen Stunden nicht klar, was das Flugzeug zum Absturz gebracht hat. Erst im Jahr 2003 legte die Regierung ihren Abschlussbericht vor. Der Pilot sei müde gewesen. Die Reise vom Süden Afrikas nach Dakar an der westlichsten Stelle des Kontinents beanspruchte Tankstopps in Brazzaville (Republik Kongo), Libreville (Gabun) und Abidjan (Elfenbeinküste). Doch schon in Abidjan kam das Flugzeug nicht mehr an. 500 Meter vor der Küste Gabuns fing der linke Motor Feuer. Der Pilot stellte anstelle dieses Triebwerks offenbar den verbleibenden rechten Propeller ab. Es überlebte niemand, der an Bord der Maschine war. „KK 11“, wie das legendäre Team nach den Initialen des ehemaligen Präsidenten Kenneth Kaunda hieß, war ausgelöscht.
Den Schmerz kann Malitoli niemand nehmen. Aber diese Freude, entstanden nur wenige Kilometer von der Absturzstelle entfernt, auch nicht. 1994 war er im neu formierten Team, das schon einmal das Finale des Afrika-Cups erreicht hatte. Damals unterlag Sambia mit 1:2 gegen Nigeria. Malitoli will nun Kalusha Bwalya anrufen, den Verbandspräsidenten, der damals wie er überlebte, weil er im Ausland spielte. „Der Cup muss durch das gesamte Land getragen werden, das werde ich ihm sagen“, sagte Malitoli, „ich will endlich ein Foto von mir mit diesem Pokal.“
