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12.12.2009  .

Vergessene Ruinen

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In Orhans Serçins Dorf steht die Zeit still, so will es das Gesetz. Kap1r1k1 heißt der kleine Ort am Ufer des Bafa-Sees, rund 100 Kilometer nördlich von dem Touristenort Bodrum in der Westtürkei. Seit 20 Jahren schon darf hier kein Haus gebaut und keine Straße neu angelegt werden, denn Kap1r1k1 steht mitten auf den Ruinen der Stadt Herakleia aus der griechischen Antike. Noch immer erzählen die massigen Ruinen der einst sechseinhalb Kilometer langen Stadtmauer von der bewegten Geschichte der Stadt, die ihre Blütezeit zwischen 190 und 130 vor Christus hatte, doch niemand hatte bisher das Geld oder das Interesse, die hier schlummernden archäologischen Schätze systematisch zu erfassen oder gar auszugraben. Zu sehr steht das alte Herakleia im Schatten der bekannteren antiken Städte Ephesus, Milet oder Priene, die allesamt nur wenige Fahrstunden entfernt liegen.

Hühner laufen heute zwischen den Säulenresten im Garten von Orhans Nachbarn umher, die majestätisch auf einer Anhöhe über dem See thronenden Reste des Athene-Tempels dienen den Dorfbewohnern als Picknick-Platz. Orhan stört das nicht. Er war lange Bürgermeister des 370-Seelen-Dorfs Kap1r1k1 und es ist wohl nicht zuletzt ihm zu verdanken, dass sich überhaupt ausländische Touristen in den kleinen Ort am Fuße des fast 1400 Meter hohen Latmos-Gebirges verirren. Gemeinsam mit seiner Frau Özgün und seinen beiden Söhnen Mithat und Oktay betreibt Orhan eine kleine Pension mit elf, zum Teil in kleinen Holzhäusern untergebrachten, Zimmern. Jahrelang hat er die verschiedenen Routen durch die Berge erkundet, sie miteinander verbunden und bietet nun eine ganze Auswahl von zum Teil mehrtägigen Trekkingtouren durch die zerklüftete, mit Granit- und Gneisbrocken übersäte und von Olivenhainen gespickte Landschaft an.

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Das türkische Dorf Kapiriki

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Die Grenzen zwischen Dorf und Berg sind fließend. Schon um die Reste der alten Stadtmauer zu erkunden, geht es fast 400 Höhenmeter ins Gebirge hinauf. Wie von einer riesigen Hand drapierte Bauklötze scheint der Latmos sich aus unzähligen gewaltigen und einzeln aufeinander geschichteten Gesteinsbrocken zusammenzusetzen. Von weitem sehen sie aus wie hundertfach vergrößerte Kieselsteine. Besparmak Daglari, zu Deutsch: Fünffingergebirge, nennen die Türken den Latmos. Tatsächlich wirken die Gipfel auf eine seltsame Weise ausgefranst.

Die bis zu drei Meter breiten Reste der alten Befestigungsanlage fügen sich perfekt in die surreale Landschaft, als wären sie schon immer Teil des Berges gewesen. 65 Wachtürme sollten das alte Herakleia einst vor möglichen Feinden schützen, die zum Teil gut erhaltenen Reste dieser Türme ragen an vielen Stellen noch immer aus dem Berg hinaus und erlauben einen Blick über den 15 Kilometer langen und fünf Kilometer breiten Bafa-See.

Der See ist heute ein großes Naturreservat mit über 250 verschiedenen Vogelarten, zu Zeiten Herakleias gab es ihn noch gar nicht. Entstanden ist er erst zu Beginn des Mittelalters, als die massenhafte Rodung der Wälder an den Ufern des Großen Mäander dafür sorgte, dass der Fluss immer mehr Erde und Geröll an den Latmischen Meerbusen schwemmte. Die Bucht, an der Herakleia lag, versandete, bis die einstige Hafenstadt schließlich vollständig vom Meer abgetrennt war. Mit der Versandung verlor die Region, die einst für ihre Marmorsteinbrüche berühmt war, ihre Bedeutung. Übrig blieb der Bafa-See, in dessen immer noch leicht salzigem Wasser heute vor allem Wildkarpfen, Zander, Meeräschen und Aale leben.

Von den Resten der alten Stadtmauer geht es immer tiefer hinein in das Gebirge. Der Weg, der anfangs zwar steinig, aber gut gangbar war, wird immer steiler. Umso erstaunlicher ist es, dass immer wieder Esel zwischen den Olivenbäumen grasen. Mit ihnen werden die Oliven, die hier immer noch per Hand geerntet werden, ins Dorf hinunter transportiert.

Auch Orhan besitzt 600 oder 700 Olivenbäume, so genau weiß er es nicht. Fast alles, was er den Gästen in seiner Pension serviert, kommt aus der Gegend unmittelbar um Kap1r1k1, vieles stellt er selbst her, so auch das Olivenöl, das bei keiner Mahlzeit fehlen darf. Auch Besucher dürfen sich an der Ölherstellung versuchen.

Vier bis sechs Kilogramm Oliven braucht es für einen Liter Öl, sie zu ernten ist echte Knochenarbeit. Mit einem Stock werden die Äste der Olivenbäume vorsichtig geschüttelt, bis die reifen Oliven herunterfallen. Anschließend werden sie einzeln per Hand aufgelesen und schließlich in großen Körben auf den Rücken der Esel ins Tal transportiert.

Viel Zeit bei der Olivenernte zuzusehen bleibt nicht. Der deutschen Archäologin Anneliese Peschlow-Bindokat ist es zu verdanken, dass mittlerweile rund 200 Felsbilder aus dem Neolithikum dokumentiert sind, also in etwa aus der Zeit, in der die Menschen von Jägern und Sammlern zu sesshaften Ackerbauern wurden. Damals, zwischen 8000 und 6000 Jahre vor Christus, entstanden auch die Höhlenmalereien, zu denen Orhans Sohn Mithat die Gruppe jetzt führt. Die Höhle selbst ist schwer zu finden, kein Hinweisschild und keine Erklärtafel weist den Weg. Der Eingang ist so flach, dass man sie nur halb sitzend, halb liegend betreten kann. Die mit rostroter Farbe an die Höhlenwand gemalten Figuren ähneln Strichmännchen, auch wenn die Proportionen nicht immer ganz zu stimmen scheinen. Mit ihren weit auseinander stehenden, kurzen Beinen sehen einige der Figuren aus wie stilisierte Cowboys kurz vor einem Duell. Andere stellen offenbar Tiere dar und sehen dabei ein wenig aus wie von einem Kind gemalte Schaukelpferde.

Die Höhlenmalereien sind nicht der einzige Felsschmuck im Latmos-Gebirge. Nachdem der Große Mäander den Zugang zum Meer versandet hatte und die Hafenstadt Herakleia bedeutungslos geworden war, wurde das Gebirge Rückzugsort für Einsiedler. Unter anderem ließen sich byzantinische Mönche hier nieder. Unweit der Höhle mit den Malereien gründeten sie im 7. Jahrhundert nach Christus das Sieben-Brüder-Kloster, Yediler Manast1r1. Unweit der Klosterruinen schmücken auch heute noch aufwendig gestaltete Fresken die runde Decke einer Art Höhle, deren Form an einen ausgehöhlten Stein erinnert. Früher war dies hier eine Taufkirche, heute wachsen wilde Orchideen zwischen den Steinen.

Wieder zurück in Kap1r1k1 gibt es zur Belohnung für den gelungenen Abstieg zum Bafa-See Raki, neben dem allgegenwärtigen Çay-Tee so etwas wie das türkische Nationalgetränk. Mit Wasser verdünnt bekommt der eigentlich klare Schnaps eine weiße, fast milchige Farbe. Die Türken nennen ihn daher liebevoll aslan sütü – Löwenmilch. „Nach dem zweiten Glas fühlt man sich stark wie ein Löwe“, erklärt Orhan die seltsame Namensgebung. Nur vor zu viel Raki müsse man sich hüten, denn dann werde man vom starken Löwen zum kleinen, ungeschickten Kätzchen.

Bildergalerie mit mehr Fotos:

www.suedkurier.de/bilder

Noch echte Beinarbeit: Orhan Serçin demonstriert, wie Olivenöl gepresst wird.

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Autor: Felix Neubüser
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