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19.07.2007  |  0 Kommentare

Konstanz Wie im Märchen

Ein magischer Wald? Wenn wir so etwas sehen, kommt unsere Fantasie in Gang.  Bild: Photocase / Saldemer



Ein magischer Wald? Wenn wir so etwas sehen, kommt unsere Fantasie in Gang.
Unsere Welt ist keine schlechte. Zumindest nicht komplett vom Erdkern bis zu den Spitzen der höchsten Wolkenkratzer. Aber ein übertechnisierter und (vergleichsweise) langweiliger Planet, auf dem jeder an sich selbst zuerst denkt, ist sie bisweilen schon. Deshalb würden wir uns von Zeit zu Zeit am liebsten in eine andere Welt wünschen - in eine Welt wie im Märchen.

Aber warum faszinieren uns diese fantastischen Geschichten so sehr?

Weil sie uns die Welt in Bildern erklären, sagt Professor Heinz Rölleke, Germanist und Volkskundler an der Bergischen Universität Wuppertal und einer der bekanntesten deutschen Märchenforscher. Alle wichtigen Fragen - Leben, Lieben, Sterben - werden abgehandelt und lassen unendliche Deutungen zu. "Märchen wirken", so Rölleke, "vor allem im Unterbewusstsein." Wir verinnerlichen ihre Weisheiten also, ohne sie rational nachvollziehen zu können.

"Wann, wo, wie und warum Märchen entstanden sind", das weiß allerdings nicht mal Rölleke. Sicher ist nur: Bevor die Gebrüder Grimm die mündlich überlieferten Volksmärchen - wie es sie in allen Kulturkreisen gibt - aufzeichneten und auffrischten, sie also zu einer Mischung aus überlieferten Volks- und erfundenen Kunstmärchen machten, hat sich keiner dafür interessiert.

Was genau sind eigentlich Märchen?

Die Online-Enzyklopädie Wikipedia definiert sie als Erzählungen über fabelhafte, wunderbare und frei erfundene Begebenheiten. Im Mittelpunkt des Märchens (vom Mittelhochdeutschen "Maere": Kunde, Bericht) steht der Held oder die Heldin - Aschenputtel oder das tapfere Schneiderlein, Zwerg Nase oder das hässliche Entlein -, der oder die sich mit guten und bösen, natürlichen und übernatürlichen Kräften auseinandersetzt. Die Europäische Märchengesellschaft e.V. (EMG) geht noch etwas weiter. Märchen, heißt es da, "erzählen davon, wie Menschen die ihnen vertraute Welt verlassen, wie sie dabei in Gefahren geraten oder in die Anderswelt, Proben bestehen und Aufgaben lösen müssenWie in einem Spiegel zeigen uns die Märchen, was uns bewegt - und manchmal zeigen sie uns mehr als das, zeigen neue Möglichkeiten und Erfahrungen." Für die EMG sind Märchen Spiegelbilder der Seele - auch für Elmar Schenkel, Professor für englische Literatur an der Universität Leipzig: "Das Märchen bringt uns die deutlichsten Bilder unseres Innenlebens vor Augen."

Kinder sind die Zielgruppe Nummer eins für Märchen. "Es sind die ersten Geschichten, die wir hören", sagt Elmar Schenkel, unsere erste Begegnung mit der Literatur. Und auch ein bisschen Pädagogik. Denn Märchen vermitteln, wenn auch heute weniger als früher, "wie die Welt zu sehen ist, was als gut, was als böse gilt und welche Werte wichtig sind", so Gertraud Koch, Professorin für Kommunikationswissenschaft und Wissensanthropologie an der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen.

Warum lesen auch viele Erwachsene gern Märchen?

"Sie behandeln menschliche Grundfragen und Grundsituationen in allgemeinverständlicher Art und Weise", sagt Thomas Honegger, Professor für Mediävistik an der Universität Jena. Die "narrative Strukturierung" der chaotischen Realität hilft uns, dem Leben einen Sinn zu geben. Gertraud Koch erklärt das Phänomen ähnlich: "Märchen beschäftigen sich mit Themen, die alle Generationen interessieren." Und ein bisschen Nostalgie sei auch dabei, wenn jemand mit 30 noch die Geschichten liest, die er mit drei Jahren schon kannte. Der optimistische Grundton von Märchen kommt übrigens nicht nur in schweren Zeiten an. "Märchen sind zu allen Zeiten wichtig", weiß Heinz Rölleke.

Märchen und fantasievolle Geschichten werden gern als "kleine" Literatur abgetan - nichts Nobelpreis-Verdächtiges eben. Manch einer fühlt sich zu erwachsen für Ausflüge in andere Welten. Weil dort Gut und Böse sauber getrennt, die Welt in Schwarz und Weiß geteilt ist. Thomas Honegger bewundert das, denn die klare Einteilung schärfe "unser moralisches Empfinden". Das Überzeichnen verhelfe uns zu einer klaren Sicht. Ebenso die einfache Struktur. Denn, so Honegger: Märchen sind oft aufs Essenzielle reduziert. "Vieles erscheint einfacher als in unserer Welt", ist aber nicht weniger komplex, sagt Elmar Schenkel.

Wer die ab heute sieben Bände umfassende Geschichte von Harry Potter kennt, könnte meinen, der Nachwuchs-Zauberer sei ziemlich eindeutig der Hauptdarsteller eines Märchens - wenn auch eines ziemlich komplexen. Denn es ist eine Geschichte, die zweifellos über die uns bekannte Welt hinausgeht. Und wir benutzen das Wort "Märchen" fast inflationär für alles, was besonders schön, außergewöhnlich, zauberhaft und irgendwie unwirklich ist. Was heißt also schon heute noch märchenhaft?

Harry Potter ist kein Märchen

Sicher ist: Die Geschichte von "Harry Potter" ist kein Märchen - zumindest keins im klassischen Sinne, da sind sich die Experten einig. In ihrer Vorstellung der Welt seien die Romane von einem Märchen "meilenweit entfernt", sagt Heinz Rölleke. Joanne K. Rowling verwende jedoch viele Märchen-Motive, eine Geschichte mit "märchenhaften Elementen" sei "Harry Potter" also durchaus. Und mehr als wenigstens märchenhafte Züge braucht eine gute Geschichte doch nicht, oder? Harrys Erfolg - millionenfach verkaufte Bücher und Kinokarten - sprechen Bände.

Die märchenhaften Elemente der Geschichte hat auch Sabine Schülting entdeckt, Professorin für Kulturstudien und englische Literatur an der Freien Universität Berlin. Der Kampf zwischen Gut und Böse gehört dazu, Figuren wie Zauberer und Hexen, schließlich die Welt, in der die uns bekannten Naturgesetze aufgehoben sind; eine Welt, die völlig anders funktioniert als die, die für uns real ist - und von der wir wissen, dass sie unwirklich ist. Thomas Honegger glaubt, dass viele Leser "aufgrund des ,Verfremdungseffekts' die eigene Realität mit neuen Augen sehen". Auch er sieht die traditionellen Märchen-Motive - präsentiert "in einem neuen Kleid".

Die Flucht in eine fremde Welt, die uns Märchen und märchenhafte Geschichten ermöglichen, hat schon "Der Herr der Ringe"-Schöpfer J.R.R. Tolkien beschrieben - in seinem Aufsatz "On Fairy-Stories" (Über Märchen). Laut Tolkien haben "fairy-stories" drei Funktionen: Flucht - wir gehen beim Lesen über unsere Grenzen, brechen aus dem Alltag aus und entdecken neue Welten -, Wiederherstellung - wir öffnen uns den Wundern der realen Welt -, und Trost - Märchen helfen uns über die graue Realität hinweg, durch die "Eukatastrophe", die plötzliche und überraschende Wende zum Guten. Damit lässt sich auch ihr Erfolg erklären. "Wir leben in einer Gesellschaft mit Gefühlsdefiziten. Deshalb hat Erfolg, wem es gelingt, Gefühle zu verkaufen", sagt Elmar Schenkel.

Märchen müssen nicht einfach gestrickt sein 

Für Thomas Honegger ist "Der Herr der Ringe" ein großes Märchen - Tolkien selbst sah das so. "Der deutsche Märchen-Begriff ist in diesem Zusammenhang irreführend", sagt Honegger. Deshalb könne man "Harry Potter" zwar nicht als Märchen, aber durchaus als "fairy-story" im Tolkienschen Sinne betrachten. Und zwar eine, die zeigt, dass märchenhafte Geschichten keineswegs einfach gestrickt sein müssen. "Harry Potter" zeigt, "dass Märchen nicht simpel, sondern komplex sind, dass sie nicht schwarz-weiß malen müssen, sondern moralische Herausforderungen darstellen können", sagt Elmar Schenkel. Gertraud Koch glaubt, dass die Hauptfigur so populär ist, weil "sie vielfältige Assoziationen weckt und flexible Deutungen und Identifikationen zulässt" - Harry Potter ist ein Held, aber nicht fehlerlos.

Was immer uns an Märchen fasziniert - es bleibt ein bisschen unerklärbar, und vielleicht sind diese Geschichten deshalb "gute Reiseführer in die Welt der kollektiven Psyche", wie Elmar Schenkel meint. Ausflüge in Anderswelten sind - zumindest hin und wieder - richtig und wichtig. Erst recht, wenn die andere Realität eine so spannende ist wie die von Harry Potter. Und wer weiß? Vielleicht sind wir ja Muggel (Menschen ohne magische Kräfte), es gibt tatsächlich eine Parallelwelt, und der merkwürdige Nachbar ist gar nicht merkwürdig, sondern ein Zauberer? Dann würden wir selbst wie im Märchen leben. Und Elmar Schenkel hätte sicher Recht: "Eines Tages wird man im Rückblick unser Zeitalter aus den ,Harry-Potter'-Büchern zu rekonstruieren versuchen. Man wird glauben, wir hätten in einem magischen Zeitalter gelebt."

 


 Harry-Potter-Mania

 Was die Autorin dieser Zeilen am Wochenende mit "Harry Potter and the Deathly Hallows" erlebt, können Sie im Internet-Tagebuch nachlesen: http://wochenende.suedblog.de

Sie bekommen nicht genug vom Zauberlehrling Harry Potter? Hier gibt's mehr: www.suedkurier.de/potter

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