Das Abi in der Tasche, die große Freiheit vor sich: Als Hans Haller Mitte der 1970er-Jahre mit ein paar Freunden an den Bodensee fuhr, packte ihn die Abenteuerlust: Die Freunde fuhren zurück in den Schwarzwald, er rollte seinen Schlafsack zusammen, stellte sich an die Straße und hielt den Daumen nach oben. „Ich hatte kein Ziel und genoss es, einfach allein unterwegs zu sein und überhaupt so eine Reise zu machen“, sagt der heute 56-jährige Lehrer aus Königsfeld. Auf dem Weg durch die Schweiz fiel ihm dann doch ein Anlaufpunkt ein – ein kleines Dorf im französischen Jura, in dem er schon einmal zum Schüleraustausch war.
Es folgten viele Reisen per Autostopp durch ganz Europa. Zum Causse du Larzac in Frankreich, wo sich eine breite Volksbewegung gegen die Ausweitung des dortigen Militärlagers gebildet hatte, in die autonome Kommune Christiania nach Kopenhagen, nach Portugal an die Algarve. „Da ist mir das Geld ausgegangen“, erinnert er sich. „Ich hatte noch 20 Mark in der Tasche und habe sogar die Hälfte davon wieder mit nach Hause gebracht.“ Von Maiskolben vom Feld, Milch vom Bauern und Baguettes hatte er sich damals ernährt, geschlafen wurde unter freiem Himmel. „Auf dieser Reise habe ich nicht viel von den Menschen mitbekommen, es ging mir einfach darum, als junger Mensch ohne viel Geld so weit herumzukommen.“
Schon bald nach den ersten ein, zwei Reisen änderte sich sein Motiv. „Indien etwa übte auf uns damals eine gewisse Faszination aus. Ich wollte sehen, ob es da so ist, wie wir es uns vorgestellt haben.“ Damit erfüllte er genau den Anspruch, den schon vor knapp 300 Jahren Samuel Johnson definierte: „Der Sinn des Reisens“, so der englische Gelehrte, „besteht darin, die Vorstellungen mit der Wirklichkeit auszugleichen, und anstatt zu denken, wie die Dinge sein könnten, sie so zu sehen, wie sie sind.“
In Dänemark und später bei den Reisen nach Peru und Bolivien sowie nach Indien tauchte Hans Haller ein Stück weit in die fremde Welt ein. „Ein anderes Land, andere Menschen, eine andere Kultur – das gibt einem die Möglichkeit, ein Stück von sich selbst kennenzulernen“, sagt er. „Natürlich war ich damals auch nur ein Tourist, aber mir war es wichtig, länger an einem Ort zu sein und die Menschen wenn schon nicht kennenzulernen, so doch vielleicht ein bisschen wahrzunehmen.“
Die Fahrt durch das Andental zur legendären Inka-Stadt Machu Picchu legte auch er nicht im, sondern – gemeinsam mit Einheimischen – auf dem Dach des Bummelzugs zurück, in Indien lernte er von den Sadhus eine gewisse Gelassenheit. „Wir saßen einmal an einem Fluss, an dem auf der einen Uferseite Verstorbene verbrannt wurden und sich am anderen Ufer sterbende von ihren Familien verabschiedeten. Die Kinder spielten daneben und plötzlich fiel eines ins Wasser. Es sah minutenlang so aus, als würde es sterben, bevor es jemand herausziehen konnte und die Kinder lachend weiterliefen. Wir waren entsetzt, aber die Sadhus nahmen die ganze Szene mit einer stoischen Gelassenheit hin.“
Erfahrungen, die einem der Pauschaltourismus eher selten bietet. „Ich kann verstehen, wenn jemand beruflich sehr angespannt ist und sich im Urlaub nicht auch noch um alles kümmern will“, sagt Insa Uhlenkamp, „aber für mich ist es die weniger spannende Art zu reisen.“ Die 20-Jährige aus Rottweil ist die Einzige in ihrem Freundeskreis, die auf Reisen morgens oft nicht weiß, wo sie abends sein wird. Unterwegs begegnet sie jedoch vielen Gleichaltrigen aus aller Welt, die mit dem Rucksack auf eigener Route reisen.
Nach ihrem Abitur im vergangenen Jahr ging sie für ein halbes Jahr nach Argentinien, wo sie als Freiwillige in einem Kinderheim arbeitete. Im Anschluss daran reiste sie für ein paar Monate durch Peru und Bolivien, meistens zu zweit mit einer Freundin, zeitweise auch zu fünft. „Per Anhalter unterwegs zu sein war überhaupt kein Problem“, sagt sie, „In Südamerika sind viele Pick-Ups unterwegs, die einen mitnehmen.“
Eine feste Route hatte sie dabei nicht. Oft hatte sie sich erst einmal auf den Marktplatz gesetzt, die Menschen beobachtet und danach erst einen Blick in den Stadtplan geworfen. Der Reiseführer blieb ebenso zu Hause wie 30 Jahre zuvor bei Hans Haller. „In den Hostels haben wir Reisende aus aller Welt getroffen, die auf dieselbe Art unterwegs waren wie wir“, sagt die Abiturientin, „durch den ständigen Austausch wussten wir so immer, was sich anzusehen lohnt.“ Die Hostels als Begegnungsstätte möchte sie nicht missen. „Da trifft man die buntesten Menschen.“
Auch zu Einheimischen hat sie den Kontakt gesucht, indem sie die Menschen nach allem Möglichen gefragt hat, auch wenn es vielleicht nicht unbedingt nötig gewesen wäre: Nach dem Weg, dem nächsten Café, dem Busbahnhof oder dem Hostel. „Auf diese Weise sind wir mit sehr vielen Menschen ins Gespräch gekommen.“
Einmal jedoch war es umgekehrt: Nicht sie war die Suchende, sondern sie wurde gesucht. „Wir saßen zu dritt vor der Kirche von La Paz und warteten auf den Bruder meiner Freundin, der dort lebt“, erinnert sie sich, „als ein maskierter Schuhputzer auf uns zukam und fragte, wer von uns Insa sei.“ Die Verblüffung war ihr ins Gesicht geschrieben. Randi stehe im Stau, er werde sich verspäten, sagte der Schuhputzer und verschwand wieder in der Menge. „Das werde ich nie vergessen“, ist sich die junge Frau sicher.
Der Bruder einer Freundin, die Cousine, die Schwester, der Onkel – was das Reisen angeht, so ist Insa Uhlenkamp eine Netzwerkerin: „Ich finde es schön, in der Fremde einen Ort als Basis zu haben, an dem sich schon jemand auskennt.“ In Spanien besuchte sie ihre Schwester, als diese in Marbella als Au-pair arbeitete, derzeit ist sie in den USA, um die Familie zu besuchen, bei der sie ein Jahr als Austauschschülerin lebte.
Dort hatte sie sich angewöhnt, einfach weiter zu sprechen, auch wenn sie merkte, dass sie in der fremden Sprache einen Fehler machte. Das hat ihr später in Südamerika sehr geholfen. Ohne Spanisch-Kenntnisse war sie nach Argentinien geflogen, inzwischen kann sie sich mit jedem unterhalten.
Zum Eintauchen in die fremde Welt gehört für sie auch eine nicht zu enge Bindung nach Hause. „Ich habe von meiner Mutter gelernt, dass man nicht ständig Kontakt halten muss, wenn man auf Reisen ist. Es ist besser, in die Welt einzutauchen“, meint sie, „sonst bekommt man nur Heimweh.“ Deshalb ist es ihr wichtig, auch mal nicht erreichbar zu sein.
Vor 30 Jahren war es schon allein technisch nicht möglich, ständig Kontakt nach Hause zu halten. „Wenn man damals aus Nepal nach Deutschland telefonieren wollte, war es eine Tagesaktion, noch dazu mit ungewissem Ausgang“, erinnert sich Hans Haller, „und ein Brief brauchte damals sechs Wochen. Familie und Freunde mussten es also aushalten können, wenn man lange nichts von einander gehört hat.“
Damals wie heute ermöglichen Reisen prägende Erfahrungen. Insa Uhlenkamps wichtigste Lektion war, die Dinge zu nehmen, wie sie sind. „Wenn kein Bus kommt, dann bleiben wir noch eine Nacht, wenn es nichts zu essen gibt, dann warte ich noch zwei Stunden. Ich habe gelernt, flexibel auf die Situationen einzugehen. Auf alle fremden Menschen einzugehen, sie erst einmal zu akzeptieren und dann zu gucken, was dahinter steckt.“