Mein
02.02.2013  |  von  |  0 Kommentare

Wochenende Lustverlust im Sechsersessel

Sechsersessel, Achter-Kabinen oder auch Großgondel – wer in einem Skigebiet nach oben will, dem bieten sich immer häufiger nur noch diese Möglichkeiten. Diese Aufstiegshilfen baggern die Wintersportler schnell den Berg hinauf, Wartezeiten, wie man sie noch im vergangenen Jahrtausend erlebt hat, sind wirklich selten geworden.Ich frage mich allerdings, wie sich das auf die Gesprächskultur am Berg auswirkt.
Autor

Redakteur Wochenende

Pfeil Autor kontaktieren


Ein ellenlanger Schlepplift oder ein gemütlich den Hang hinaufschwebender Zweiersessel boten Gelegenheit, die grundlegenden Probleme dieser Welt im Allgemeinen und der eigenen Welt im Besonderen zu erörtern. Bundestagswahl, Beziehungsentwicklungen, Kindererziehung, gruppendynamische Beobachtungen aus der Skifahrerclique wurden bei der Gipfelfahrt erörtert. So interessant waren diese sich so zwanglos ergebenden Gespräche, dass man sich schon auf die nächste Liftfahrt freuen durfte.

Oder nehmen wir einmal an, die zehnte Klasse einer Schule macht einen Skiausflug. Wie stellt Jakob das denn an, um ein zwangloses Gespräch mit der so netten Lätitia führen zu können? Und umgekehrt, wie schafft es Laura, dem etwas aufdringlichen Philipp klar zu machen, dass er ihr ziemlich lästig ist, wenn nicht durch ein offensichtliches Ausweichen vor einer Liftfahrt zu zweit?

Diese Beziehungsanbandelungsfragen stellen sich nicht im Sechsersessel. In der Achtergondel sind Anbaggerausweichmanöver leider nicht zu schaffen. Was wir dort beobachten, sind eher die üblichen Muskelspiele von Jungs, die sich aufblähen und gegenseitig zu übertrumpfen versuchen, von Mädchen, die übertrieben gigsen, dass einem als unbeteiligter gesetzterer Mitfahrer – ich gebe zu, das ist jetzt autobiografisch – schier das Trommelfell platzt.

Dagegen die zufällig sich ergebende, aber gerne nicht gemiedene gemischt-geschlechtliche Zweiersesselfahrt der Pubertierenden, die sich gerne näher kommen würden: Schweigen, mindestens zwei Liftstützen lang, vorsichtiges Lächeln, ein harmloses Gespräch, nur ja nichts verderben bei der ersten Liftfahrt. Einfach nur die Gewissheit bekommen, er hat offensichtlich wenig gegen und viel für sie. Und sie? Sie fühlt sich weder brüskiert noch verstoßen.

Zu gerne würde ich wissen, wie viele Paare sich nach Liftfahrten gebildet haben. Ich würde gerne wissen, wie sich dies im Alpenraum rein quantitativ entwickelt hat beim Übergang von Zweier- zu Vierersesseln. Wo ist der Soziologe, der mir die Doktorarbeit schreibt: „Lustverlust im Sechsersessel – warum die Paarung am Berg immer seltener wird“? Das wäre eine exzellente Initiative gegen den demografischen Wandel. Na ja, vielleicht.

Korrektur-Hinweis Korrektur-Hinweis melden Korrektur-Hinweis
zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden
Schreiben Sie Ihre Meinung
Überschrift
Text


noch 1000 Zeichen


Informiert bleiben:
 Bei jedem neuen Kommentar in dieser Diskussion erhalten Sie automatisch eine Benachrichtigung
Unsere Community-Regeln

Jetzt Newsletter anfordern:
© SÜDKURIER GmbH 2014