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19.05.2012  |  von  |  0 Kommentare

Wochenende Hier guckt der Grizzly freundlich

Kanada ist immer gut für kuriose Bärengeschichten. Sie sind aber durchaus nicht immer harmlos

Wildwechsel: Wenn eine Bärenfamilie die Straße kreuzt, hat sie Vorrang – und den Reisenden erfreut der Anblick.



Die Geschichte ist kein Witz: Ein Bär tappt in den frühen Morgenstunden in einen Schnellimbiss nahe der westkanadischen Metropole Vancouver. Der vor sich hin dösende Verkäufer schreckt auf, rettet sich in einen hinteren Raum und verschließt die Tür. Derweil schnuppert der Bär an den feilgebotenen Sandwiches, findet aber offenbar keinen Geschmack daran und verlässt den Laden wieder. Das spricht nicht gerade für die Qualität der amerikanischen Imbisskette mit Tausenden von Filialen. Denn eigentlich ist der Bär ein Allesfresser und verschmäht im Allgemeinen so gut wie nichts.

„Manchmal fressen sie auch Touristen“, scherzt Terrance Young, der am Rande des westkanadischen Wells Gray Provincial Park wohnt, in dem viele Bären leben. Der Mechaniker, dessen Werkstatt auch von defekten Urlauberautos lebt, macht natürlich nur Spaß. Denn Menschen gehören nicht zur Beute von Bären. In der Regel sind die mächtigen Tiere scheu und gehen Zweibeinern aus dem Wege. Doch immer mehr Straßen, Siedlungen und Campingplätze zerschneiden das Reich der Bären. Das macht die Suche nach Futter gerade im Frühjahr zu einem Hindernislauf.

Dann erwacht der Petz mit einem Bärenhunger aus seiner mit Moos und Zweigen ausgepolsterten Höhle. Recht abgemagert ist er nach der Fastenzeit vor allem mit Fressen beschäftigt.

Überwiegend ernährt er sich vegetarisch. Gerne vertilgt er junge Triebe, Gras und auch Blumen. Die wachsen vor allem auf den Grünstreifen entlang der Autostraßen. Insbesondere mag er Löwenzahn. „Bären lieben Löwenzahn. Die Blume ist sehr schmackhaft“, weiß Expertin Anick Cadieux, die im beliebten Banff National Park arbeitet.

Im Frühjahr und Frühsommer sind Bären in der Dämmerung an den Straßenrändern recht häufig zu beobachten. Auch entlang viel befahrener Verkehrswege wie dem Trans-Canada Highway oder dem berühmten Icefields Parkway. Diese Straße in der Provinz Alberta führt durch die Rocky Mountains und gilt als eine der schönsten Bergstrecken Nordamerikas.

Tausende von Touristen sind hier täglich ab dem Frühjahr unterwegs. Für viele von ihnen ist es das Größte, einen Bären in der freien Natur zu beobachten, und so geraten manche völlig aus dem Häuschen, wenn sie ein Tier erspähen. Oft kommt es dann zu

Bear jams

, durch Bären verursachte Staus. Nahe dem Touristenort Jasper mampft ein Schwarzbär auf einer Wiese nahe der Straße frisches Gras und Blumen. Sofort stoppen mehrere Autos, und die Insassen gehen fotografierend auf das Tier zu. Immer wieder linst der Bär zu den näher kommenden Menschen hinüber. Dann wird es ihm ungemütlich, und er verschwindet genervt im Unterholz.

Anick Cadieux warnt vor so einem leichtsinnigen Verhalten. Bären mögen es gar nicht, wenn man ihnen zu dicht auf den dicken Pelz rückt. Vor allem wollen sie nicht beim Fressen gestört werden, schon gar nicht wenn sie Junge haben. Bären sind unberechenbar. Aus dem friedlich grasenden Tier kann ein wutschnaubender Angreifer werden.

„Autofahrer sollten einen Abstand von mindestens 100 Metern halten und niemals aussteigen“, mahnt Anick, „am besten gleich weiterfahren, um die Tiere nicht zu beunruhigen. Auch wenn es schwer fällt.“ Wanderer und Radfahrer, doziert sie weiter, sollten nur gekennzeichnete Wege benutzen und sich bemerkbar machen. „Lassen sie den Bären wissen, dass Menschen in der Nähe sind“, sagt Anick. Dann hat das Tier Zeit, sich zurückzuziehen. „Viel Lärm machen und rufen, singen oder in die Hände klatschen“, empfiehlt sie.

Was aber tun, wenn es zu einer Begegnung mit einem Bären kommt? Man braucht starke Nerven, um die Ratschläge der kanadischen Parkverwaltung umzusetzen: „Sprechen Sie ruhig und bestimmt mit dem Bären. Dadurch merkt er, dass Sie ein Mensch sind und kein Beutetier.“ Man sollte keinen Blickkontakt aufnehmen und langsam rückwärts gehen.

Weglaufen ist zumeist zwecklos, da der Bär kurzzeitig schneller rennen kann als ein Pferd. „Angriffe von Bären sind aber selten“, beruhigt Anick Cadieux. Viel häufiger werden Touristen von Hirschen angegriffen und verletzt.

Für den Bären ist der Mensch die weit größere Gefahr als umgekehrt. Auf dem Arm hält Anick das Fell eines Schwarzbären und lässt Touristen den seidenweichen Pelz des Tieres streicheln, das bei einem Autounfall getötet wurde. Das kommt leider immer wieder vor, In der Provinz Alberta wurden Grizzly im Juni 2010 wegen der hohen Sterblichkeit als gefährdete Tierart eingestuft.

Auch auf Eisenbahnschienen kommen Bären ums Leben. Denn dort liegen leckere Getreidekörner, die aus den kilometerlangen Güterzügen fallen. Auf der Suche nach Futter treiben sich Bären auch auf Campingplätzen herum, angelockt vom Essensduft, den sie mit ihrer feinen Nase kilometerweit riechen können. „Vor zwei Tagen trieb sich hier ein Grizzly herum“, erzählt Sylvia Power, Mitarbeiterin des Campingplatzes von Lake Louise.

Um die Camping- und Rastplätze bärenfrei zu halten, finden sich überall in Kanada einzementierte Müllcontainer, die nur von Menschen geöffnet werden können. Dennoch lassen manche Touristen Essensreste herumliegen oder füttern die Bären sogar. Verliert das Tier seine Scheu und sucht seine Nahrung beim Menschen, wird es schnell zum „Problembären“. Wie ein dreijähriger Schwarzbär in der Nähe von Calgary, dem Camper einen Kebab-Spieß hinwarfen. Danach stieg er an Autos empor und forderte immer aggressiver Futter. Die Behörden sahen keinen Ausweg mehr, als ihn zu töten.

Manchmal dringen Bären auch in Wohnhäuser ein, wenn es dort lecker riecht. Wie in der Kleinstadt Lillooet. Der Duft einer deutschen Bäckerei lockte einen Bären. Er verschlang mehrere Vollkornbrote und plünderte die Tiefkühltruhe mit den Rumkugeln. Wohl etwas angesäuselt nahm der schmuddlige Bär danach noch ein Bad im Schwimmbecken. „Das Wasser war danach ganz braun“, erinnert sich Bäckersfrau Elke Sterrmann.

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