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16.02.2013  |  von  |  0 Kommentare

Wochenende Abends chillen einst und jetzt

Was leben wir doch in einer schnelllebigen Zeit! Diesen Satz hätte ich mir auch sparen können, denn den haben Sie bestimmt schon hunderttausendmal gehört.
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Redakteur Wochenende

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Ich habe ihn aber hier aufgeschrieben, weil ich mir mittlerweile nicht mehr sicher bin, ob frühere Zeiten wesentlich langsamlebiger waren. Der Mensch muss auch früher von Hast getrieben, von Arbeitsüberlastung gepeinigt, von Trubel überfordert und vom Lärm geplagt worden sein. Man kann das sehr schön sehen, wenn im Kino die Schlachten früherer Tage gezeigt werden, die Schwertkämpfe der Rittersleut oder das Treiben in den Gassen der auf Mittelalter gebürsteten Filmkulissen.

Freilich ist diesen Filmen mit Misstrauen zu begegnen. Der cineastische Zwang zur Action taugt nicht als glaubwürdiges Zeugnis früherer Schnelllebigkeit. Im Film muss es mindestens so hektisch zugehen wie in unserem eigenen Leben, damit wir Zeitgenossen von den Geschehnissen auf der Leinwand überhaupt berührt werden.

Allerdings ist es nicht das Kino, das mich an der Gemütlichkeit der guten alten Zeit zweifeln lässt. Vielmehr habe ich vor zwei Wochen in einem feinen Konzert die Originalworte von Zeitzeugen früherer Jahrhunderte vernommen, dargeboten von den vier Sängern des Peñalosa-Ensembles. „Der Tag hat sich geneiget – Lieder zum Abend und zur Nacht aus sechs Jahrhunderten“ war das Konzert überschrieben. „Schweigt der Menschen laute Lust, rauscht die Erde, wie in Träumen“, dichtete beispielsweise Joseph von Eichendorff. So sehr muss ihn die Stille des Abends im Gegensatz zur Umtriebigkeit des Tages erfasst haben, dass ihm sogar „leise Schauer wetterleuchtend durch die Brust“ schweiften. Ein Indiz dafür, dass von Eichendorff ein den Menschen unserer Zeit ähnlich starkes Bedürfnis nach Ruhe hatte.

Auch unsere Rastlosigkeit, unser ständiges Bedürfnis, von einem Ort zum anderen zu eilen, muss von Eichendorff ähnlich erlebt haben. Wenn nämlich „abendlich schon“ der „Wald rauscht“, dann geht alles „zu seiner Ruh“, und weiter: „Wald und Welt versausen. Schauernd hört der Wand'rer zu, sehnt sich recht nach Hause, hier in Waldes grüner Klause, Herz, geh endlich auch zur Ruh“. Eine dringende Empfehlung von Eichendorffs, die er niemals hätte aussprechen können, wenn er nicht bei seinen Zeitgenossen jene Hektik und Schnelllebigkeit festgestellt hätte, die wir als Charakteristikum unserer Zeit in Anspruch nehmen.

Anstatt in des Waldes grüner Klause entspannen wir in des Altstadt gemütlicher Kneipe. Das ist in etwa dasselbe in etwas weniger Grün. Eichendorff chillte lediglich etwas poetischer als unsereins. Was uns wiederum schöne Konzertabende beschert.

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