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„Man muss wissen, was Wunder sind“

Ostern ist ein schwieriges Fest: Der Mensch Jesus steht von den Toten auf. Geht das? Die Vernunft ist überfordert. Ein Gespräch mit dem Psychiater und Theologen Manfred Lütz

Herr Lütz, von Haus aus sind Sie Psychiater und Psychotherapeut – und Sie sind Theologe. Nach Ansicht von skeptischen Menschen hat Religion etwas mit Krankheit und Irrsinn zu tun.

Das stimmt nicht. Religion hat mit Heil zu tun und mit Heilsein. Das ist aber zu unterscheiden von Heilung. Es ist ein Unterschied, ob ich Menschen medizinisch heile oder ob es um das Seelenheil von Menschen geht. Ich habe mich immer schon gegen eine Vermischung beider Dinge gewehrt. Sonst läuft man Gefahr, zum Guru zu werden. Bei Eugen Drewermann konnte man das beobachten. Wer den Eindruck vermittelt, mit psychotherapeutischen Methoden das Heil zu produzieren, überfordert die Psychotherapie und schafft Abhängigkeiten, denn er hat am Ende nicht Patienten, sondern Anhänger. Im Krankenhaus, wo ich Chefarzt bin, bin ich „nur“ als Psychiater unterwegs.

Der Philosoph John Locke war der Ansicht, dass der Glaube in der Vernunft liegt – man muss ihn nur finden.

Das ist die alte Auffassung der katholischen Kirche, die der jetzige Papst immer wieder betont. Christlicher Glaube ist nichts Widervernünftiges. Nur wenn Religionen vernünftig miteinander umgehen, kann der Friede auf Erden gesichert werden.

Nun gibt es aber einiges, das der Vernunft widerspricht. Da ist Ostern. Was geht vor, wenn ein Toter aufersteht und sich erneut zu den Lebenden gesellt?

Die moderne Naturwissenschaft hat keine deterministische Vorstellung mehr von der Natur, wie noch im 19. Jahrhundert und heute bei einigen altertümelnden Atheisten. Das heißt: Es gibt nach heutiger Erkenntnis keine naturgesetzlichen Zwangsläufigkeiten. Wunder sind Zeichen Gottes für uns. Sie künden von einer Wirklichkeit, die über das hinausgeht, was man naturwissenschaftlich beschreiben kann.

Was bedeutet für Sie Auferstehung?

Jeder, der schon mal am Grab eines geliebten Menschen gestanden hat, hatte im tiefsten Innern den Gedanken: „Das kann doch nicht wahr sein, dass dieser Mensch, den ich von Herzen geliebt habe, jetzt bloß noch eine Angelegenheit für Bakterien und Würmer ist, bloß noch dieser verwesende Kadaver da. Da muss doch noch etwas sein.“ Menschen zu allen Zeiten und auf allen Kontinenten haben immer geahnt, dass es da etwas gibt, was über das bloß Materielle hinausgeht und wir Christen glauben, dass diese Sehnsucht nicht ins Nichts geht, sondern in der Auferstehung Jesu ihre reale Erfüllung gefunden hat. Aus der Überzeugung, dass in jedem Menschen ein Funken Ewigkeit ist, resultiert auch unsere abendländische Überzeugung von der einzigartigen Menschenwürde. Sonst wäre der Mensch bloß ein anders geformter Organismus – anders als viele Tiere, aber nicht besser, nicht schlechter, bloß anders.

Haben Sie kein Problem mit der Idee der Auferstehung?

Überhaupt nicht. Man lebt realistischer, wenn man an die Auferstehung glaubt, weil man die tiefsten menschlichen Sehnsüchte nicht als bloße Illusionen unterschätzt.

Mancher Prediger mogelt sich um das Thema Auferstehung. Er schwächt an und sagt, man dürfe sie um Gottes Willen nur nicht wörtlich nehmen. Ostern sei nur ein Symbol.

Wer so redet, macht aus dem Christentum eine doppelte Buchführung, die alle tiefen menschlichen Erlebnisse und Überzeugungen bloß einfach noch mal mit „christlichen“ Worten beschreibt. Das kann man dann aber auch lassen, denn so wird das Christentum bloß zur geschwätzigen überflüssigen Zeitverschwendung.

Sie sagen also: Jesus hat sein Grab am dritten Tage verlassen – als lebendes Wesen?

Ich glaube mit der 2000-jährigen Christentumsgeschichte und mit den über zwei Milliarden Christen heute weltweit, dass Jesus auferstanden ist. Allerdings steht in der Bibel, dass er nach der Auferstehung einen verklärten Leib hatte, sodass die Jünger ihn nicht gleich erkannten. Wie dieser Leib genau aussah und wie wir uns unsere eigene Auferstehung von den Toten exakt vorzustellen haben, das wissen wir nicht, aber die Sache mit dem Auferstehungsleib ist dennoch keineswegs nebensächlich. Sie hat handfeste Konsequenzen fürs tägliche Leben. Die Neuplatoniker glaubten damals, dass der Körper bloß das Gefängnis der Seele sei. Die Christen glaubten dagegen, dass auch der Leib Ewigkeitscharakter habe. So hat sich der Hauptstrom des Christentums immer leibfreundlich gehalten gegen manche leibfeindliche Sekten. Die pralle Sinnlichkeit von Barockkirchen zeugt davon.

Paulus sagt sinngemäß: Mit der Auferstehung steht und fällt der christliche Glaube.

Das sehe ich auch so. Moderne Wissenschaftler sind nicht wissenschaftsgläubig, sie wissen um die Grenzen ihrer Erkenntnis. Sie wissen, dass sie als Wissenschaftler nur eine bestimmte Perspektive auf die Welt haben, und dass das noch nicht mal für sie selbst persönlich die wichtigste Perspektive auf die Welt ist. Denn auch Wissenschaftler lieben ihre Frau, doch das entspringt nicht einer wissenschaftlichen Erkenntnis, sondern ist ein existenzielles Erleben, realer, wichtiger, unmittelbarer als all ihre Berechnungen. Und so gewiss wie echte Liebe ist für Christen der Glaube an die Auferstehung von den Toten.

Denken Sie, dass Wunder heute noch möglich sind?

Klar, aber dazu muss man auch wissen, was Wunder sind. Sie sind schlicht Zeichen Gottes für uns. Das größte Wunder im Alten Testament war der Auszug des Volkes Israel aus Ägypten. Und was war das Wunder? Das Volk stand, vom Pharao bedrängt, vor dem Schilfmeer und flehte zu Gott um Rettung. Und ausgerechnet in diesem Moment höchster Not ließ Jahwe, so steht es in der Bibel, die ganze Nacht über einen Ostwind wehen, der eine Furt freilegte, die für das Volk zur Rettung und für den Pharao zur Katastrophe wurde. Ein völlig natürliches Phänomen wird da erwähnt, das Wunder aber ist, dass dieses Phänomen in diesem Moment eintrat. Noch heute preisen die Juden in aller Welt am Pessachfest Gott für diese machtvolle Rettung. Gott kann, aber er muss nicht seine eigenen Naturgesetze durchbrechen. Jedenfalls ist das nicht das Entscheidende bei einem Wunder.

Von Wunder spricht man erst, wenn es vom Vatikan anerkannt ist.

Die katholische Kirche ist mit Wundern sehr vorsichtig. Katholischsein heißt ja nicht, vor allem wundergläubig zu sein. Im Gegenteil, der Glaube muss vernünftig sein, und Gott begegnet man vor allem im Gebet. Manchen mögen Wunder zum Glauben helfen. Aber außer den Wundern, die im Glaubensbe kenntnis genannt sind, muss man als Katholik an keine Wunder glauben.

Haben Sie schon ein Wunder erlebt?

Ja, und zwar bei der Geburt meiner ältesten Tochter. Ich habe die Kurse zur Geburtsvorbereitung mitgemacht bis hin zu irgendwelchem esoterischen Quatsch. Ich habe Presswehen geübt, ich habe sogar zugenommen – aus Solidarität mit meiner Frau. Und dann kam die Geburt. Ich bin Arzt und habe viele Geburten erlebt und die Geburt meiner Tochter war medizinisch völlig unspektakulär. Aber ich erinnere mich gut, als da plötzlich meine Tochter war, ein neuer Mensch, der vorher nicht da war, und ich sollte tatsächlich der Vater dieses kleinen Wesens sein – da kam mir ganz spontan das Wort Wunder in den Sinn. In meinem Buch „Gott“ habe ich das erwähnt und ich war ganz gerührt, dass mir viele Väter schrieben, auch Atheisten, dass sie das genauso erlebt hätten. Sie hätten sich bloß nicht getraut, das laut zu sagen.

Sie schreiben Bücher, die sehr erfolgreich sind. Sie formulieren spannend, unerwartet, manchmal auch spitz. Fehlt es der Verkündigung in den Kirchen gelegentlich an sprachlicher Frische?

Einer meiner Buchtitel heißt „Der blockierte Riese. Psycho-Analyse der katholischen Kirche“. Dabei geht es mir darum, die Kräfte und Fähigkeiten der Kirche darzustellen. Wir dürfen nicht immer bloß über die Kirche jammern, sondern sollten wenigstens ab und zu mal die frohe Botschaft verkünden. Als ich mein Buch „Gott“ schrieb, warnten mich Buchhändler, Theologensprache sei unverkäuflich. Und da habe ich das Buch vorher sicherheitshalber von unserem Metzger lesen lassen, denn Metzger sind gescheite und geerdete Leute. Das war sicher ganz entscheidend dafür, dass das Buch ein Bestseller wurde.

Wenn man nach dem wichtigsten christlichen Fest fragt, dann nennen viele Weihnachten – nicht Ostern.

Das hat historische Gründe. Denn unsere germanischen Vorfahren waren sich ursprünglich nicht so ganz sicher, ob Jesus auch von Geburt an schon Gottes Sohn gewesen sei. Als sie diesen Glauben annahmen, wurde daher das Weihnachtsfest, die Feier der Menschwerdung Gottes von Anfang an, zu einem besonders wichtigen Fest, dessen sich dann später die Romantik besonders angenommen hat. Doch das Fest unserer Erlösung und der Gewissheit, dass die Liebe wirklich stärker ist als der Tod, das ist für uns Christen Ostern.

Wie begehen Sie Ostern?

Die Großfamilie fährt – zum ersten Mal – nach Israel. Wir werden an den heiligen Stätten selbst die Tage der Karwoche verbringen, danach fahren wir an den See Genezareth. Es wird keine touristische Fahrt, wir werden die Orte besuchen, die an Jesus erinnern, wir werden relaxen und auch beten, gerade auch für unsere jüdischen und muslimischen Brüder und Schwestern, auf dass das Heilige Land endlich auch eine Ahnung vom verheißenen Frieden auf Erden bekommt.

 

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