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Comics Wie man mit Bildern lernen kann

Eine neue Generation von Comics ist auf dem Markt. Die Zielgruppe sind immer noch überwiegend Jugendliche, das Ziel nicht mehr in erster Linie Unterhaltung sondern Lehre. In den Niederlanden wurde ein Comic über den Holocaust für den Geschichtsunterricht entwickelt. Und das Konzept scheint aufzugehen: das Comic sei ein ausgezeichneter Motivationsfaktor.

Die bunten Bildchen handeln von Mord – Massenmord: Die berüchtigte Rampe von Auschwitz, an der Viehwaggons entladen werden. SS-Ärzte selektieren holländische Juden. Wer arbeitsfähig ist, darf leben, Schwache, Frauen und Kinder werden in die Gaskammer getrieben. Wachsoldaten töten die Menschen mit Zyklon B.

Ein Comic über den Holocaust? „Die Suche“, von Eric Heuvel, im Stil des Klassikers „Tim und Struppi“ gezeichnet, ist keine Unterhaltung, wie sie herkömmliche Heftchen bieten. Sein Auftrag ist Aufklärung, seine Zielgruppe: Jugendliche von 13 bis 16 Jahren. Der Band wurde in den Niederlanden für den Geschichtsunterricht an Schulen entwickelt. Das Konzept ging auf. Das Comicalbum wird schon in mehr als der Hälfte aller niederländischen Schulen und zunehmend auch in deutschen Klassenzimmern gelesen. Der Verlag Westermann-Schroedel bietet für „Die Suche“ parallel ein Arbeitsheft für Lehrer an, um diese Art von Geschichtsvermittlung lernpädagogisch zu begleiten.

Nicht nur „Die Suche“, sondern auch Hefte wie der DDR-History-Cartoon „Grenzfall“ von Thomas Henseler und Susanne Buddenberg stehen für eine neue Comic-Generation, die sich von alten Klischees befreit hat. Wurden Bilderstorys in den 1950er Jahren noch mit dem Stigma des Minderwertigen und Trivialen belegt, so sind sie heute als eigenständiges Medium anerkannt, in dem Bild und Text passgenau zusammenfinden. Vorbei die Zeiten, in denen sich mal ein lateinischer „Asterix“ in den Unterricht verirrte. Gezielt werden Comics an den Schulen eingesetzt. Und es werden immer mehr. „Das liegt auch an einer neuen Lehrergeneration, die mit Comics aufgewachsen ist“, sagt René Mounajed, Gymnasiallehrer in Hannover, der seine Doktorarbeit zum Thema Comics in der Schule geschrieben hat.

Doch der Experte weiß auch: „Es gibt kaum Lehrer, die Comics so gut kennen, dass sie sie gezielt für den Unterricht nutzen können.“

Mounajed hat daher eine Handreichung für seine Kollegen verfasst, die Comics vorstellt und didaktische Zugänge eröffnet. Denn es ist nicht damit getan, den Schülern nur Bilderfolgen vorzulegen. „Comics lesen will gelernt sein“, erklärt Mounajed. Daher müssen die Schüler an die Storys Fragen stellen, wie Mounajed erläutert: „Etwa: Wie vergeht die Zeit im Comic? Oder: Welche Bildsprache wird verwendet?“

Täter und Opfer werden fassbar

Der Comic, so zeigen erste Erfahrungen, erleichtert das Sprechen über den Nationalsozialismus. Anhand von Tätern, Mitläufern und Opfern lernen die Schüler, die Zwänge und Handlungsoptionen der Menschen von damals nachzuvollziehen. Es kommt in der Klasse zu Diskussionen, etwa über Helfen oder Wegschauen, Widerstand oder Anpassung. Das Anne-Frank-Haus in Amster dam hat daher einen weiteren Comic gestartet. Der neue Band von Sid Jacobson und Ernie Colón, die bereits den Terroranschlag vom 11. September 2001 als Comic verarbeitet haben, macht das Schicksal der Jüdin Anne Frank anschaulich, die durch ihr Tagebuch weltberühmt wurde.

Comics und Cartoons eignen sich wie Filme gut als Einstieg in ein Thema, können aber auch am Ende einer Unterrichtseinheit stehen. Dort setzt sie der Historiker Mounajed gerne ein: „Wir können sehr gut zeigen, dass Geschichtsschreibung als Konstruktion zu begreifen ist und nicht die Wirklichkeit abbildet“, sagt der Lehrer.

Sicher könnten Comics herkömmliche Lehrmittel nicht ersetzen. Doch seien sie ein ausgezeichneter „Motivationsfaktor“.

Das Problem ist, dass man im großen Angebot an Comics die Perlen finden muss, gibt Edgar Bura vom Singener Hegau-Gymnasium zu bedenken. Er hat im Unterricht die „Superhelden“ des amerikanischen Mythos zum Thema gemacht. Eher eine Ausnahme. Noch ist zu wenig bekannt, dass es viele gut recherchierte und zugleich spannende Geschichtscomics gibt, wie etwa das opulente Antiken-Epos „300“ des Amerikaners Frank Miller, der den Mythos des Spartaners Leonidas – der Held der Thermopyhlen – ausleuchtet.

Comics helfen auch, eine Fremdsprache zu erlernen. Bilder bieten einen spielerischen Zugang zur Sprache. Doch die Umgangssprache in modernen französischen oder amerikanischen Comics erschwert teilweise das Verstehen. Zudem haben Lehrer die Erfahrung gemacht, dass Comics, die ihnen selbst gefallen, nicht den Geschmack der Schüler treffen müssen. „Seit Jahren beherrscht der japanische Manga-Stil die Bildsprache der Kinder“, sagt Norman Plaga, Kunstlehrer am Alexander-von-Humboldt-Gymnasium in Konstanz. Klassiker wie „Asterix“ kennen die meisten Jungen von Eltern und Großeltern oder nur als Film.

Hochwertige Comics – wie Shaun Tans penibel gezeichnete Auswanderergeschichte „Ein neues Land“, die mittlerweile Graphic Novels heißen, gelten als eigene literarische Gattung. „Und Comics lassen sich in fast allen Fächern sinnvoll einsetzen“, ist Dietrich Grünewald, Professor für Kunstdidaktik in Dortmund, überzeugt.

 

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