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08.12.2012  |  von  |  2 Kommentare

Winter Ski-Experte: „Ich warne vor Wettrüsten“

Immer wieder machen dramatische Skiunfälle von sich reden. Andreas König ist Sicherheitsexperte beim Deutschen Skiverband. Er spricht über zu großes Vertrauen in Sicherheitstechnik und darüber, warum Frauen sich häufiger am Knie verletzen

 Bild: Foto: dpa

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Redakteurin Leben und Wissen

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Herr König, die Ski-Unfallzahlen gehen seit einigen Jahren deutlich zurück. Die öffentliche Wahrnehmung ist aber anders. Woran liegt's?
Es passieren weniger Unfälle, aber wenn einer passiert, dann meist einer mit mehreren Verletzungen, also Polytraumen. Das trägt vielleicht zu dieser subjektiven Wahrnehmung bei, dass mehr Unfälle geschehen. Das stimmt aber nicht. Das Material ist sehr viel besser geworden. Vor 30, 40 Jahren hatte man nicht so gute Ski und keine so guten Bindungen.


Welche Rolle spielt dabei der Carving-Ski? Der war ja anfangs etwas in Verruf . . .
Der Carving-Ski macht es dem Skifahrer ein bisschen leichter, weil man schneller zum Lernerfolg kommt. Andererseits kommt auch ein Skifahrer, der technisch nicht so versiert ist, sehr schnell zu hohen Geschwindigkeiten. Dann wird es unter Umständen gefährlich, weil er das System vielleicht nicht so gut kontrollieren kann.

Welche Faktoren gibt es noch?
Die Pisten sind heute besser präpariert, breiter und flacher. Sie sind aber auch voller. Anders als man meinen würde, passieren dann weniger Unfälle, weil die Leute wie im Straßenverkehr aufmerksamer fahren. Die meisten Unfälle passieren eigentlich, wenn nichts los ist und zwei Leute allein ihre Kurven ziehen und dann zusammenkrachen.

Generell sind die Leute sicherheitsbewusster als früher. Denken Sie mal an den Sicherheitsgurt im Auto oder an den Umgang mit Alkohol beim Fahren. Das hat sich total gewandelt. So ist es auch mit dem Helm. 80 Prozent der Skifahrer tragen einen, Kinder fast 99 Prozent. Die Leute sind bereit, für ihre Sicherheit etwas zu tun.

Gibt es typische Verletzungen je nach Skiart?
Beim Snowboard sind meist Rumpf und Schulter betroffen, weil der Boarder mit zwei Füßen auf einem Brett steht. Wenn er stürzt, stellt das ganze System einen Hebel dar. Dann wuchtet es ihn mit dem ganzen Körper in den Schnee. Beim Alpin-Ski haben Sie zwei Bretter. Die können sich gegeneinander verdrehen. Betroffen sind dann meist die Knie, typische Verletzungen sind ein Kreuzband riss, ein Innen- oder Außenbandriss. Davor kann auch eine Bindung nicht hundertprozentig schützen. So etwas passiert meist, wenn die Sturzenergie nicht ausreicht, damit die Bindung auslöst. Die Bindung soll ja zum einen den Fahrer im Ski halten, damit ich mit 50 Stundenkilometern in die Kurve fahren kann, sie muss aber, wenn ich stürze, den Ski freigeben. Ein nicht so guter Skifahrer wird öfter stürzen, deshalb bekommt er eine leichtere Einstellung. Bei einem guten Skifahrer ist die Bindung aber so eingestellt, dass sie spät auslöst. Da kann es bei einem Sturz beim Abschwingen oder beim Aussteigen vom Lift zu einem Unfall kommen.

Was sind die häufigsten Unfallursachen?
90 Prozent der Unfälle geschehen durch Eigenverschulden. Die meisten Unfälle passieren am Nachmittag. Entweder der Skifahrer macht einen Fahrfehler, oder er ist schon müde, die Sichtverhältnisse sind nicht mehr so gut – da kann man die Situation nicht mehr so einschätzen und übersieht einen Buckel. Kollisionen wie im Fall des ehemaligen thüringischen Ministerpräsidenten Dieter Althaus sind selten, sie liegen bei etwa zehn Prozent.

Haben Männer und Frauen unterschiedliche Verletzungsmuster?
Frauen leiden häufiger unter Knieverletzungen. Bei ihnen liegt die Quote bei über 40 Prozent, bei den Männern bei unter 30. Wirklich Erklärungen dafür gibt es nicht. Das Knie ist bei beiden ähnlich aufgebaut, das Männerknie ist vielleicht muskulär etwas stärker umhüllt. Meine Mutmaßung ist, dass Frauen ein anderes Sturzverhalten haben. Wenn ein Mann stürzt, spannt er seine Muskulatur an, und Muskeln und Sehnen übernehmen dann eine Schutzfunktion. Eine Frau gibt sich dem Sturz eher passiv hin, so nach dem Motto „Oh, ich stürze!“. Dabei lässt sie die Spannung ihrer Muskulatur los, und dann kann es zu Verletzungen kommen.

Ist Skigymnastik noch aktuell – oder ist das von gestern, wo doch die meisten Leute ins Fitnessstudio gehen?
Von gestern ist sie nicht. Skifahren ist aber ein Ganzjahressport. Wer jetzt erst anfängt, sich vorzubereiten, macht sicherlich etwas falsch. Man sollte das ganze Jahr über Sport treiben. Es muss nicht das Fitnessstudio sein, es reichen auch Joggen oder Radfahren. Dadurch bekommt man eine bestimmte Grundkondition, denn Skifahren findet ja meist in der Höhe statt. Da muss ich ein bissel Puste haben und ein stabiles Herz-Kreislauf-System, das das alles mitmacht. Es macht aber schon Sinn, in den Monaten, bevor es auf die Piste geht, an der Kraft zu arbeiten. Skifahren ist sehr viel Beinarbeit, vor allem statisch, also Haltearbeit, weniger dynamisch. Wenn ich da genug Kraft habe, bin ich auf der sicheren Seite. Rücken- und Beinmuskulatur werden am meisten beansprucht, und da ist eine Skigymnastik schon sinnvoll. Dort werden neben der Kondition genau diese Bereiche trainiert.

Früher galt Langlauf als Freizeitbeschäftigung für Omas und Opas. Mit dem Aufkommen des Skatings hat sich da sicher einiges geändert?
Langlaufen erfreut sich eines ganz starken Booms, sicher auch durch die Erfolge unserer Spitzensportler. Man kann diesen Sport mit relativ geringem finanziellen Aufwand betreiben, und in den letzten Jahren lag auch in den Niederungen genügend Schnee dafür. Bei den sportlichen Skatern ist die Gefahr, sich zu verletzen, durchaus gegeben. Da kann ich mir sehr schnell das Knie verdrehen. Aber die Älteren betrachten den Langlauf eher als Winterwandern. Die gleiten gemütlich auf der Loipe dahin, um die Natur zu erleben, da passiert nicht so viel. Das ist wie Spazierengehen. Im Vergleich zum Alpin-Skifahren ist die Zahl der Verletzungen beim Langlauf vernachlässigbar.

Welche Sicherheitstipps haben Sie?
Ich rate jedem zum Helm, vor allem wegen der Schutzfunktion. Die Helme sind ja inzwischen auch salonfähig und wirklich schick. Bei einem gut belüfteten Helm juckt es nicht, man schwitzt nicht, und wenn die Brille passt, dann ist man da besser beraten als mit einer Mütze. Ich möchte aber vor dem „Wettrüsten“ warnen. Da gibt's den Helm, dann gibt's den Protektor – das ist alles richtig und gut. Viel wichtiger ist, dass ich mich entsprechend eigenverantwortlich verhalte. Dazu gehört, dass man niemanden gefährdet, weder durch die Fahrweise noch durch Anhalten an einer unübersichtlichen Stelle. Etwa wenn man irgendwo anhält, um ein Foto zu machen. Die FIS-Verhaltensregeln kennt keiner auswendig. Aber jeder kennt den Inhalt. Da stehen vernünftige Regeln für ein gutes Miteinander auf der Piste, so wie man sie auch in der Stadt oder auf der Straße beachten muss. Wenn es voll ist, muss ich halt mal nach links und rechts schauen.

Welche Rolle spielt der Alkohol?
Alkohol liegt als Unfallursache im Promillebereich – unter einem Prozent. Natürlich gibt es Après-Ski, das gehört auch dazu. Aber die Après-Ski-Hochburgen liegen meist im Tal. Natürlich gibt es auch schwarze Schafe, die „Halligalli-Partys“ machen, und dann noch auf die Piste gehen. Aber die meisten sind vernünftig geworden und nehmen ihr Feierabend-Bier oder ihren Glühwein im Tal zu sich. Da sind die jungen Leute um die 20 heute ja ganz eisern. Wenn die ausgehen, ist einer der Fahrer, und der trinkt wirklich keinen Tropfen.


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2 Kommentare
Helm auf, Hirn aus
Aufgrund der vermeintlich tollen Sicherheitsausrüstung wird frei nach dem Motto "Helm auf, Hirn aus" von vielen, auch und gerade jungen Leute (anders als der Sachverständige behauptet) "Gas gegeben" ohne Rücksicht auf sich und - schlimmer- andere. Helme helfen nicht weiter, sondern vermitteln ein trügerisches Sicherheitsgefühl.
Woher kommen dann die vielen Alkoholunfälle?
"Denken Sie mal an den Sicherheitsgurt im Auto oder an den Umgang mit Alkohol beim Fahren. Das hat sich total gewandelt."

Herr König, wo leben Sie??? Warum pasiert dann jeder zehnte tödliche Unfall unter Alkoholeinfluss? Also so viel gebessert hat sich da wohl nichts...
Und daß das beim Skifahren besser sein soll bezweifle ich auch, wenn ich mit die "Schirmbars" in Söden, Ischgl & Co. so anschaue. Die liegen nicht immer im Tal, mir sind da schon oft genug atrak angetrunkene begegnet, die dann noch ins Tal abfahren mussten!
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