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Meeresbiologie Keine Ruhe mehr im Meer

Bohrtechnik, Krigsmarine und Bootsmotoren - in den Ozeanen ist es ganz schön laut. Diese Lärmquellen aus Menschenhand irritieren Wale und Delfine. Tauchen die Tiere deswegen zu schnell auf, kann das schlimme Folgen für sie haben kann.
Lesen Sie: Mann, ist das laut!

Ein toter Pilotwal, der in Neuseeland an einem Strand nordwestlich von Auckland gefunden wurde. Mit ihm starben etwa 50 weitere Tiere. Oft stranden ganze Herden – und häufig können Tierschützer den Walen nicht mehr helfen.
Ein toter Pilotwal, der in Neuseeland an einem Strand nordwestlich von Auckland gefunden wurde. Mit ihm starben etwa 50 weitere Tiere. Oft stranden ganze Herden – und häufig können Tierschützer den Walen nicht mehr helfen. | Bild: Bild: AFP

In den Weltmeeren ist viel unterwegs. Nicht nur Erdöl, abgesondert von Schiffsmotoren oder undichten Ölquellen, nicht nur Plastikmüll, der die Mägen der Seevögel verstopft. Es ist auch laut. Sehr laut. So laut, dass man es keinem Menschen zumuten würde. Nicht nur eine weiter wachsende Heerschar von Schiffsmotoren brummen durchs Meerwasser. Erdölfirmen lassen es am Boden ordentlich knallen, um mit Hilfe von Luftdruck-Explosionen neue Öl- und Erdgasfelder zu erkunden. Und schließlich suchen Militärs, allen voran die US-Amerikaner, mit ungeheurem Schalldruck ihrer Unterwasser-Sonare nach feindlichen U-Booten.

Nach Angaben von Meeresschützern werden Wale, Delfine und andere lärmempfindliche Meeresorganismen inzwischen regelrecht zugedröhnt. In den Ozeanen setzen Lärmquellen aus Menschenhand den Ozean-Bewohnern mit einem Schalldruckpegel von bis zu 260 Dezibel (dB) zu. „Der Schalldruck ist – vorsichtig geschätzt – mehr als 10 000 mal so hoch wie der eines Presslufthammers in einem Meter Abstand“, haben der Meeresbiologe Karsten Brensing und seine Kollegen von der Wal- und Delfinschutz-Organisation WDCS-Deutschland ausgerechnet.

Leistungsstarke Niederfrequenz-Sonarsysteme, wie sie zum Beispiel die US-Marine einsetzt, oder die vielfachen Explosionen durch Druckluft-Pulser („Airguns“) bei der Erkundung neuer Rohstofflagerstätten unter den Weltmeeren sind mit Schalldruckpegeln von über 235 beziehungsweise sogar über 260 dB „viel zu laut für Meeresbewohner“ – so das Fazit von WDCS-Deutschland. „Sie fliehen, ändern ihr Verhalten, tauchen zu schnell auf oder stranden und verenden kläglich.“

Neue Rohstofflager im Meer werden mit aggressivem Sonar gesucht.
Neue Rohstofflager im Meer werden mit aggressivem Sonar gesucht. | Bild: Bilder: dpa
Auch Niederfrequenz-Sonare (NFS) haben schlimme Folgen. „Sie werden von Militärschiffen geschleppt, um U-Boote zu orten“, sagt Brensing. Besonders bedrohlich sind diese Sonar-Systeme für die in der Tiefsee jagenden Schnabelwale, so etwa für den Cuvier- oder den Blainville Schnabelwal. Belästigt von den Sonar-Geräuschen, tauchen die Wale aus der Tiefe weiter nach oben – was kein Problem wäre, wenn sie sich Zeit dabei ließen. „Doch wegen des Lärms tauchen sie viel zu schnell auf und bekommen ähnliche Symptome der gefährlichen Taucherkrankheit wie Menschen, die rasch aus größeren Tiefen aufsteigen.“

Da der Wasserdruck mit abnehmender Tauchtiefe deutlich abnimmt, perlt aus dem Blut von zu flink auftauchenden Meeressäugern und Menschen Stickstoff aus – ganz so wie das Kohlendioxid bei einer frisch geöffneten Sprudelflasche. Die Gasbläschen verstopfen die Gefäße und erzeugen eine lebensgefährliche Gas-Embolie. In gestrandeten Walen wurden Gewebe- und Organrisse gefunden, die Fachleute auf zu schnelles Auftauchen aus größerer Tiefe zurückgeführt haben. „Das ist ein schlimmer Tod“, sagt Brensing.

Zwar versuchen Militärschiff-Besatzungen, mit Unterwassermikrophonen und durch Beobachtungen an der Wasseroberfläche Wale aufzuspüren, um falls nötig auf den Einsatz von Niederfrequenz-Sonar zu verzichten. Allerdings sind die Wale nicht immer aktiv und auch nicht immer sichtbar. Deshalb fordern Schutzorganisationen wie der WDCS, zumindest vorübergehend auf den Einsatz von Nieder- und Mittelfrequenzsonare zu verzichten.

Das Sonar von U-Booten bringt Wale und Delfine in Schwierigkeiten.
Das Sonar von U-Booten bringt Wale und Delfine in Schwierigkeiten. |
Nach Worten des Meeresbiologen Sven Koschinski sind die Auswirkungen von Mittelfrequenz-Sonaren besser untersucht als jene der NFS. Aber auch sie führen bei tief tauchenden Arten wie Schnabelwalen zu ausgeprägten Panik-Reaktionen wie schnellem Auftauchen. Eine weitere Folge von lautstarken So narsystemen sei aber auch ein verminderter Fortpflanzungserfolg – zum Beispiel dadurch, dass Wal-Mutter und Kalb einander durch den Lärm verlieren, „was unweigerlich zum Tod der Kälber führt“. Und schließlich könne nahe bei der Schallquelle auch das Gehör der Wale Schaden nehmen. Nach Angaben von WDCS-Deutschland arbeiten die Luftkanonen der Rohstoff-Erkunder mit „60 und mehr aufeinander abgestimmten Explosionen“, was Wale buchstäblich im Kopf nicht aushalten und fliehen. Dem technischen Gedröhne ausgesetzt zu sein, wirkt dabei in etwa so hinderlich wie gleißendes Flutlicht, das frontal ins menschliche Auge scheint, während dieses versucht, in der Ferne den Schimmer einer Kerze wahrzunehmen. Denn Luftkanonen, Schiffsmotoren und Sonarlärm übertönen und maskieren so all jene akustischen Signale, mit denen Wale ihre Umwelt absuchen und von Artgenossen gefunden werden wollen. Wenn sie sich kaum noch hören können, führt das direkt zu weniger Nachwuchs.

Doch was ist zu tun? „Die Marine könnte Gebiete meiden, wo es viele Wale und auch sonst viele Meeresbewohner gibt“, schlägt die US-Meeresbiologin Lindy Weilgart vor. Sven Koschinski fordert deutlich geringere Lärm-Grenzwerte. Auch zur Rohstofferkundung mit Airguns gebe es Alternativen, „auch wenn sie vielleicht teurer sind.“



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