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05.02.2013  |  von  |  0 Kommentare

Fernsehen Guido Knopp: Ich mache weiter

ZDF-Chefhistoriker Guido Knopp war am Sonntag zum letzten Mal auf Sendung. Doch wer seine Produktionen schätzt, kann gelassen bleiben: Knopp macht als freier Mitarbeiter weiter – und hinterlässt seine Erben beim Mainzer Sender.

Guido Knopp hat im ZDF immer wieder die NS-Zeit thematisiert.  Bild: ZDF/Bänsch



Deutschlands TV-Chef-

historiker Guido Knopp ist zwar offiziell im Ruhestand. Doch wäre Knopp nicht Knopp, hörte er einfach auf

Herr Knopp, was ist das Besondere an Geschichte überhaupt?

Geschichte kann so spannend sein wie ein Krimi. Sogar noch spannender, wenn man sie richtig darzustellen weiß!

Sie mussten sich Vorwürfe wie „Stakkato-TV“ und „Pauschalreisen in die Vergangenheit“ anhören . . .

Auch das nehme ich mit einer Prise Salz. Ich denke, es lohnt sich nicht, sich damit zu beschäftigen. Für meine Kollegen und mich ist wichtig, dass wir wirklich versucht haben, bei jedem Film das Bestmögliche herauszuholen.

Haben wir Deutschen ein Problem damit, Historie und Wissenschaft ernst zu nehmen, wenn sie populär dargeboten wird?

Die Deutschen mit Sicherheit nicht. Es gibt natürlich ein paar Historiker und Einzelkämpfer, die in der Wissenschaft und in einigen Feuilletons hinhaltenden Widerstand leisten. Das ist aber meist die Furcht vor dem Verlust von Deutungshohheit. Ich sage immer, Geschichte ist zu wichtig, um sie denen zu überlassen, die schon alles wissen oder zu wissen glauben. Und was das Fernsehen angeht: Mein alter Chefredakteur Nikolaus Brender hat mal gesagt, das ZDF wird durch Geschichte jung. Denn interessanterweise sitzt bei Geschichtssendungen oft ein jüngeres Publikum vor dem Fernseher, als bei normalen Beiträgen oder den Nachrichten. Das halte ich für ein gutes Zeichen.

Uns fehlt also nicht der Sinn für die eigenen Wurzeln?

Nein. Ich habe immer wieder versucht zu vermitteln, dass wir uns um die zwölf schrecklichen Jahre kümmern müssen. Jeder sollte wissen, wie es dazu gekommen ist. Und als Fazit: Dass so etwas nie wieder geschehen darf! Aber eben auch, dass sich die deutsche Historie nicht nur in dieser Zeit erschöpft, sondern dass es davor zehn Jahrhunderte an kulturell reicher Geschichte gab. Und nicht zuletzt, dass wir es nach 1945, dem absoluten Tiefpunkt deutscher Geschichte, geschafft haben, trotz Spaltung und Teilung am Ende des Jahrhunderts mit der Deutschen Einheit eine Art Happy End hinzukriegen. Dieses Damoklesschwert des Atomkriegs auf deutschem Boden, eine solche Auseinandersetzung der Supermächte, hätte unser Land vernichtet. Dass wir heute keine Gegner an unseren Grenzen haben sondern Freunde und Verbündete, ist eine Gnade der Geschichte.

Man könnte salopp sagen, der Nationalsozialismus hat Ihr Leben bestimmt: all diese Beiträge über Hitlers Helfer, Manager, Frauen und Kinder. Gibt es für Sie auch ein Leben ohne ihn?

(Lacht) Natürlich. Das ist ein gern gehegtes Vorurteil. Jemand hat mal kürzlich eine Statistik aufgestellt, in der er nachgewiesen hat, dass von den 2000 Sendungen, die ich insgesamt verantwortet habe, sich bloß fünf Prozent direkt mit Hitler und seinen Helfern beschäftigten. Dieser Eindruck ist wahrscheinlich entstanden, weil diese Sendungen auch die größten Publikumserfolge waren. Aber auch Serien wie „Die Deutschen“ waren Quotenerfolge. Das Ganze hat obendrein eine Vorgeschichte: 1989 war der Geburtstag dieses Herrn aus Braunau. Alle anderen machten dazu etwas, nur wir im ZDF nicht. Da wurde ich ganz vorwurfsvoll gefragt, warum. Ich erinnere mich an einen Satz, den ich sinngemäß im „Heute-Journal“ sagte: Ein Film zum 100. Geburtstag eines Mörders wäre eine Beleidigung der Opfer. Um sich mit Hitler zu beschäftigen, braucht es keinen Jahrestag. Also haben wir 1995 begonnen, das Ganze pyramidenartig abzuarbeiten: Hitlers Helfer, Generäle, die Phänomene der Diktatur, der Holocaust etcetera.

Kritiker werfen Ihnen vor, dass Ihre Mischung aus historischen Aufnahmen, Kommentaren und musikalischer Untermalung nicht seriös genug sei . . .

Wenn man Geschichte nach Mitternacht präsentieren wollte, kann man diese Ingredienzen, die einen spannenden Film ausmachen, ruhig weglassen. Aber wenn man den Auftrag hat und das auch selber will, Geschichte zur besten Sendezeit einem möglichst großen Kreis zu präsentieren, dann gehören Mittel und Methoden dazu, die modernes Fernsehen ausmachen: das Objektive und das Subjektive. Ich vergleiche das immer mit Ying und Yang. Beides ergibt einen spannenden Film.

Wie geht es für Sie weiter?

Ich werde jetzt mit meiner Frau nach Dubai fliegen und von dort an Bord der „MS Deutschland“ durch den Persischen Golf schippern. Nur so viel: Ich werde dem Fernsehen, den Medien und der Geschichte erhalten bleiben. Auf anderer Ebene, frei.

Künftige Generationen müssen also nicht ohne Geschichtsbewusstsein verdummen?

Sicher nicht. Ich habe eine tolle Redaktion, die ich fast komplett selbst einstellen durfte. Die werden das wunderbar fortsetzen. Das Format „History“ geht weiter, auch wenn mein Nachfolger noch nicht offiziell bestimmt wurde.

Es gibt immer mehr Menschen mit Migrationshintergrund: Wie will man die in Zukunft für unsere Geschichte und Kultur begeistern?

Man muss den Geschichts-Diskurs eröffnen. Von den Menschen, die unsere Staatsbürgerschaft annehmen, kann man zwar nicht erwarten, dass sie kollektiv etwa ein Schuldbewusstsein für die Nazizeit empfinden. Aber man kann von ihnen als Bürger der Bundesrepublik Deutschland schon verlangen, dass sie ein kollektives Verantwortungsbewusstsein entwickeln für den Satz: Nie wieder bei uns!

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