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08.03.2013  |  von  |  0 Kommentare

Umwelt Gefährliches Fischfutter: Medikamente im Trinkwasser

Moderne Medikamente sind ein Segen und haben schon vielen Menschen das Leben gerettet. Gar nichts zu suchen haben sie aber im Klo. Wer Arzneien in der Toilette entsorgt, schädigt damit Tiere und Umwelt – und letztlich wieder den Menschen.
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Redakteurin Leben und Wissen

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Die Antibabypille ist ein Segen. Aspirin gegen Brummschädel, Schmerzmittel wie Diclofenac gegen starke Schmerzen, nicht zu reden von Antibiotika oder Krebsmedikamenten: Die moderne Medizin hat uns viel Lebensqualität gebracht und Menschen gerettet, die früher gestorben wären. Aber viele dieser Stoffe hinterlassen Spuren im Abwasser, manchmal sogar im Trinkwasser.

Denn: In unserem Körper wirkt nur ein kleiner Teil der Substanzen. Der größte Teil wird – teils verstoffwechselt, teils nicht – wieder ausgeschieden. Über den Urin landen diese Stoffe in der Toilette und letztlich im Abwasser und in den Kläranlagen. „Arzneimittelrückstände sind überall – auch im Bodensee“, sagt Maria Quignon von der Bodensee-Wasserversorgung in Sipplingen, die Millionen Menschen im Land mit Trinkwasser versorgt. Sie stellt aber auch klar: „Wir sprechen von Mengen im Nanogramm-Bereich.“ Ein Nanogramm ist ein Milliardstel Gramm.

Viele Arzneispuren im Wasser entstehen, weil Medikamente falsch entsorgt werden. Viele Menschen werfen alte Medikamente in die Toilette anstatt in den Hausmüll, der in Deutschland inzwischen überall verbrannt wird. Beim Bodensee ist man in der günstigen Lage, dass durch die Alpenzuflüsse viel unbelastetes Wasser nachfließt. Dadurch werden Rückstände verdünnt.

Anderswo kann das Problem drängender sein. In der Schussen etwa, einem Zufluss des Bodensees am Nordufer, findet sich neben Schwermetallen auch Bisphenol A (Weichmacher) Rostverhinderer, Flammschutzmittel, künstliche Süßstoffe, aber auch Medikamente wie Diclofenac, Carbamazepin (ein Epilepsie-Medikament) und Abbauprodukte von Metamizol. So weit der Abschlussbericht „SchussenAktiv“ der Tübinger Forscherin Rita Triebskorn vom Dezember 2012.

Manche Stoffe reichern sich in den Tieren an, andere haben hormonähnliche Wirkungen. Aus den USA ist bekannt, dass in Gegenden mit hoher Konzentration dieser Stoffe im Wasser weniger männliche Fische heranwachsen oder häufiger Missbildungen auftreten. Und es gibt zumindest die Hypothese, dass die nachlassende Spermienqualität bei vielen Männern auch durch die Hormonbelastung in der Umwelt mitverursacht sein könnte.

Das Problem: Arzneistoffe lassen sich aus dem Abwasser so gut wie nicht entfernen. Moderne Kläranlagen sind darauf ausgelegt, sauerstoffzehrende Substanzen sowie Phosphor und Stickstoff zu entfernen. Komplexe Medikamente schaffen die Anlagen nicht. Bei der BWV wird das Wasser mit Ozon (O ) behandelt. Der dreiwertige Sauerstoff dient als Oxidationshilfe und baut einige Substanzen um oder ab – aber nicht alle. Besonders problematisch sind Röntgenkontrastmittel und eben Diclofenac. Von diesem Stoff weiß man inzwischen, dass er bei Regenbogenforellen zu Zellveränderungen in Leber, Nieren und Kiemen führen kann, erklärt der Umweltschutzverband Deutsche Umwelthilfe (DUH).

Seine Häufigkeit wird im Abwasser künftig noch zunehmen. Denn künftig wird es in Deutschland mehr ältere Menschen geben. Sie haben naturgemäß häufiger mit starken Schmerzen zu kämpfen, bei denen nur Diclofenac hilft.

Bislang ist eine Untersuchung auf Medikamentenrückstände im Wasser keine Pflicht. In der EU wird aber darüber diskutiert, zumindest Diclofenac und das Antibabypillen-Überbleibsel Estradiol zu den Stoffen zu stellen, die überprüft werden müssen.

Die Kläranlagenbetreiber bereiten sich auf die neuen Herausforderungen vor. So gab es schon recht erfolgreiche Versuche mit Aktivkohleanlagen. Sie filtern einige, aber nicht alle Stoffe aus. Bei einer Ozonbehandlung entstehen Spaltprodukte, die ebenfalls gefährlich sein können. In der Schweiz werden dagegen erfolgreich Sandfilter eingesetzt.

Was also tun? Auf die Segnungen der modernen Chemie und Medizin verzichten? Wohl kaum. Ein Insider aus der Szene sagt: „Wir leben in einer modernen Welt. Wenn wir auf alle diese Stoffe verzichten würden, müssten wir 90 Prozent unserer Lebensqualität aufgeben.“ Zudem kostet Wasseraufbereitung Geld. Keine Kommune macht sich mit höheren Abwassergebühren beliebt – das wissen alle Bürgermeister.

Am besten ist es, Medikamente im Prinzip der Vorsorge gar nicht erst ins Wasser gelangen zu lassen, betont Franziska Müller von der Deutschen Umwelthilfe. Die Organisation fordert, in Deutschland wieder ein Rücknahmesystem für Arzneimittel aufzubauen, wie es bis 2009 bestand. Maria Quignon rät, Medikamente nur in kleinen Mengen zu kaufen und Reste auf keinen Fall in die Toilette zu werfen. Sie formuliert es so: „Alles, was wir wegwerfen, hinterlässt Spuren.“

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