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Jahresezeiten Die lange Reise ins Winterquartier

15.10.2011
Der Klimawandel beeinflusst nicht nur das Wetter, sondern auch viele Tiere. Die ersten Zugvögel haben ihre Routen bereits geändert. Eine Gruppe von Mönchsgrasmücken zieht im Winter jetzt nach Südengland anstatt nach Afrika. Kürzere Strecke – weniger Energieaufwand.
Stare vor dem Flug in ihre Überwinterungsgebiete

 Bild: dpa

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Das Zirpen und Quietschen im Garten ist gewaltig. Plötzlich sind da schwarzglänzende Stare in Massen, picken im Boden nach Beute und flattern durch die Büsche. Oben auf dem Balkon ringt die Hauskatze noch um Fassung, da verschwindet die ganze Truppe plötzlich lärmend in den nahen hohen Bäumen. Die Stare sind derzeit unterwegs in Richtung Süden– und mit ihnen viele andere Vogelarten.

Seit Menschengedenken sammeln sich im Herbst die Vögel, um während des harten Winters bei uns in wärmere Gegenden zu ziehen. Doch welchen Einfluss hat der Klimawandel auf das Verhalten der Tiere? Und was bewegt die Vögel überhaupt dazu, ihre Reviere in Deutschland oder Nordeuropa zu verlassen?

Jesko Partecke ist Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell und ausgewiesener Experte für Singvögel. Er kennt sich aus mit den vielen Faktoren, die für den Vogelzug eine Rolle spielen. „Bei Langstreckenziehern – also Vögeln, die übers Mittelmeer und über die Sahara ziehen – ist es in erster Linie die Tageslänge“, berichtet er. Doch das ist gewissermaßen nur die Grobeinstellung, der die Tiere gehorchen. Für die Feinabstimmung werden noch viele andere Faktoren diskutiert, von denen man noch längst nicht alle kennt.

Bei Kurzstreckenziehern – also Tieren, die in Europa bleiben und nur aus dem Norden in den Süden fliegen – können auch Faktoren wie die Temperatur, die Verfügbarkeit von Futter sowie die vorherrschende Windrichtung eine Rolle spielen. „Denn Vögel fliegen am liebsten mit Rückenwind, um Energie zu sparen“, erläutert der Vogel-Experte. Aber was die Tiere wirklich dazu bewegt, an einem bestimmten Tag um eine bestimmte Zeit loszufliegen – das ist selbst heute im 21. Jahrhundert noch nicht völlig geklärt.

Selbst beim Klimawandel ist sich die Forschung nicht völlig einig, welchen Einfluss er hat. „Die globale Klimaerwärmung ist ein Prozess, der sich über eine lange Zeitspanne erstreckt“, betont Partecke. Es gebe zwischen den einzelnen Jahren große Variationen, was Jahreszeiten und Temperatur betreffe. Das mache es schwer, Gesetzmäßigkeiten abzulesen.

Es gibt aber schon Hinweise darauf, dass immer mehr Vögel, die früher im Winter bei uns gar nicht auftraten, nur teilweise in den Süden ziehen oder gar völlig hierbleiben. Eines der bekanntesten Beispiele ist die Amsel. „Die Amsel war früher ein scheuer, in den Süden ziehender Waldvogel“, sagt der Ornithologe. Heute lebe die Amsel in den Städten mit ihrer guten Futterversorgung und habe ihr Vagabundendasein zum größten Teil abgeschüttelt.

Allerdings sind noch nicht alle Amseln sesshaft geworden: Auf dem Bodanrück am Bodensee gibt es immer noch Teilzieher. „Das könnte genetisch bestimmt sein, darüber forschen wir gerade“, sagt Partecke. Noch nicht so sesshaft geworden ist der Star. Die meisten ziehen immer noch in den Süden, nach Frankreich oder Spanien.

Vor ein paar Jahren sorgte die Meldung für Aufsehen, dass eine Gruppe von Mönchsgrasmücken – ein winziges Vögelchen, das sonst ein strenger Winterzieher ist – im Herbst plötzlich in Südengland auftauchte. Zufall? Oder nur verpeilt? Oder eine neue Überlebensstrategie? Die Wissenschaft rätselt noch. Offenbar ist das neue Winterquartier aber erfolgreich. Denn der Bestand der Tiere scheint stabil, und sie verpaaren sich erfolgreich untereinander.

Ob der Klimawandel unter den Vögeln Gewinner und Verlierer bringt, kann man aus wissenschaftlicher Sicht noch nicht eindeutig sagen. „Wir wissen gar nicht, ob der Klimawandel ein negativer Faktor ist. Und ob er das veränderte Verhalten erklärt“, sagt Partecke. Die Zugvogelpopulationen gehen zurück. Dafür könnten aber auch andere Faktoren eine Rolle spielen: etwa die intensive Landwirtschaft mit ihren immer eintönigeren Strukturen. Wo Hecken und Büsche entlang der Felder fehlen, haben es die Vögel schwer. Ein möglicher Einfluss des Klimawandels könnte aber sein, dass er die Rast- und Überwinterungsplätze der Vögel im Süden beeinträchtigt. Denn die Vögel fliegen natürlich nicht an einem Tag in den Süden. Sie müssen Rast an günstigen Plätzen einlegen – etwa in Feuchtgebieten. „Wenn es in Afrika zu schweren Dürren kommt, kann sich das für die Zugvögel negativ auswirken“, sagt Partecke. Ihnen fehlen dann diese wertvollen Rastplätze.

Gut möglich, dass die Temperaturänderungen des Klimawandels für viele Zugvögel zu schnell gehen. „Das Programm für den Vogelzug ist im Körper der Tiere gespeichert“, sagt der Experte. Wenn sich die Tiere nicht schnell genug anpassten, „sind die Brutzeiten nicht gut angepasst, die Jungen werden zur falschen Zeit geboren, in der es kein Futter gibt“ – all das wird vermutet. Erste Hinweise darauf gibt es bereits.

Bislang wissen die Experten nur wenig darüber, wie gut sich ein einzelnes Tier anpassen kann. Denn das individuelle Beobachten von einzelnen Tieren war früher gar nicht möglich. Allenfalls durch Beringung erfuhr man, wann ein Vogel wo gewesen war. Mit moderner Sender-Technik können die Wissenschaftler heute sehr viel mehr über ein einzelnes Tier erfahren. „Wenn die Bedingungen im Brutgebiet besser sind, dann kann Nichtziehen ein Vorteil sein“, sagt Partecke. Überraschungen sind allerdings nicht ausgeschlossen. So wie die Mönchsgrasmücke, die mit ihrem Schlenker nach England die Wissenschaft verblüffte.

Und hier hat ein Vogelfreund eine riesige Anzahl von Vogelstimmen gesammelt. Viel Spaß beim Zuhören und Raten:

 

www.vogelstimmen-wehr.de
   

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