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06.02.2013  |  von  |  0 Kommentare

Political Correctness: Dämonen drohen

Die Erregungsliste verbotener Wörter wird länger. Doch Sprechverbote bringen die offene Gesellschaft in Gefahr.
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Kolumnist


Reden kann zum größten anzunehmenden Unfall führen: Wer Neger sagt, offenbart sich als Rassist, wer vom „Frauenbonus“ spricht wie Peer Steinbrück, enttarnt sich als Chauvinist, bietet er eine Tanzkarte an, ist er gar ein Sexist wie Rainer Brüderle. Die Erregungsliste verbotener Wörter wird länger. Schwul dürfen Schwulenverbände sagen – für alle anderen gilt: Sei vorsichtig, was du sagst. Wenn sich Polizisten zurufen, dass „Zigeuner“ als Taschendiebe unterwegs sind, riskieren sie ein Disziplinarverfahren. Wobei „der Polizist“ nur erlaubt ist, wenn das Wort in einem negativen Kontext steht; wenn die Polizei gelobt wird, ist natürlich von Polizistinnen und Polizisten die Rede. Sonst ist es schon wieder sexistisch. Auch Eskimo gilt als abwertend, Chinese darf man sagen. Die fühlen sich nicht als Opfer. Sprechverbote werden von lautstarken Minderheiten erkämpft.

Der öffentliche Diskurs ist damit fremdbestimmt und umgewertet. Vorher galten Werte wie Tatkraft als vorbildlich, wurde bewundert, wer soziale oder ethnische Herkunft abstreifte und Benachteiligungen aus eigener Kraft überwand. Jetzt dagegen wird eine generelle Opferhaltung gefeiert und Opfern die Selbstdeutungsmacht übereignet. Beleidigtsein genügt. Wer einer öffentlich anerkannten Opfergruppe angehört, darf staatliche Hilfen und einen Opferbonus im öffentlichen Dienst, an Universitäten und zunehmend auch in Unternehmen einfordern. Eine Opferindustrie wächst aus sich selbst. Den tatsächlichen Opfern von Sexismus und Rassismus hilft das alles gar nichts. Ihr Leiden verschwindet im selbstmitleidigen Talkshow-Gejammer durchgeknallter Girlies, wie Bettina Röhl spottet.

Man könnte es also gelassen nehmen, wenn sich dadurch nicht doch Wichtiges verändern würde: Der einklagbare Opferbonus verdrängt zunehmend auch in der Wirtschaft Leistungsfähigkeit. Die offene Gesellschaft betritt mit der Political Correctness und der durch sie ausgelösten Kollektiv-Erregung, um mit Thomas Mann zu sprechen, „ein dämonisches Gebiet“ und hat einen Feind gefunden, der so gefährlich ist wie totalitäre Ideologien: Das offene Gespräch stirbt, wenn jeder Politiker oder Manager fürchten muss, dass selbst nachts an der Bar eine/einer lungert oder jeder neue inhaltliche Gedanke sofort vom aufgebrachten Mainstream plattgewalzt wird. Die Erneuerungsfähigkeit einer Gesellschaft leidet, wenn Angst vor Denunziation die Diskussionen lähmt. Camouflierung und Entkernung der Sprache behindern das Denkvermögen. Schlimmer noch, klare Ansage in Gesellschaft, Politik wie in Wirtschaft droht zum medialen Selbstmord zu werden. Statt Menschen unterschiedlicher Herkunft, Neigung, Ausbildung oder unterschiedlichen Geschlechts einzubeziehen, wobei wir ja durchaus auf gutem Wege sind, drohen neue Vorsichtsmaßnahmen und Rückschritt: Gruppen igeln sich wieder ein, Gespräche ersterben, Frauen werden ausgegrenzt, weil sie wieder als Bedrohung gelten. Wie gefährlich für eine moderne Gesellschaft, wenn Witz, Kunst und Debatte im politisch korrekten Korsett verklemmen und verenden!

Der Philosoph Peter Sloterdijk konstatierte, dass sich in einer globalisierten Welt die Nation nur noch im Erregungszustand der Medien spüren könne, dann, wenn die Medien die Menschen „zum aktuellen Aufregungsdienst einberufen“. Wie zum Beweis dieser These zeigen Christian Wulffs aufgepumpte Fehltritte, Steinbrücks Geldversprecher und Brüderles Handkuss-Affäre eine Gemeinsamkeit: Es ist Dramatisierung von Banalitäten anstelle des politischen Diskurs und der Debatten.

Dabei ist es so einfach, dem zu wehren: Verweigern Sie sich der Wortdiktatur, lassen Sie uns wieder offen und unverkrampft reden; Fragen zuspitzen, statt nur noch lauwarme, risikofreie Formulierungen zu suchen. Das ist das einzige Rezept gegen Unfreiheit. Nichts ist gefährlicher für eine offene Gesellschaft als Einschüchterung und Rückzug aus Furcht.

Der Autor ist Chefredakteur der WirtschaftsWoche. Alle Beiträge dieser Kolumne im Internet unter:

www.suedkurier.de/so-sehe-ich-es
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