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02.02.2013  |  von  |  0 Kommentare

Fernsehen Endlich wird der Dschungel salonfähig

Wer braucht denn noch Oper, Museen und Theater, wenn er Dschungelcamp, Superstar und Topmodel haben kann? Ein Gegenlicht von SÜDKURIER-Kulturredakteur Wolfgang Bager.
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Ressortleiter Kultur / Kolumnist

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Nein, nein, wir stimmen nicht ein in den feuilletonistischen Empörungsgesang, nur weil das Dschungelcamp für den Grimmepreis, eine Art Fernseh-Oscar, nominiert wurde. Nein, uns ekelt das so wenig an, wie das, was im Camp selbst geschieht und dann per RTL verbreitet wird. Ehrlich, wir freuen uns. Endlich raus aus dem Elfenbeinturm verkopfter Intellektualität und im Kopfsprung hinab in den Morast des Dschungels. Das ist mutig. Schließlich wird der Grimmepreis vom Grimme-Institut vergeben und das ist wieder ein Kind des Deutschen Volkshochschulverbandes. Ja, so ändern sich die Zeiten. Volkshochschule, das war doch früher eine attraktives Zubrot für in Ehren ergraute Oberstudienräte und willkommener Zeitvertreib für ältere, bildungsbeflissene Damen mit Dutt, die alles über spätantoninisch-severische Wandmalereien erfahren wollten. Und jetzt also Dschungelcamp! So geht's. Bildungsfern, wie wir sind, können wir Häme und Freude kaum unterdrücken.

Außerdem erschließt das einen pädagogisch sicherlich wertvollen Ansatz. Nicht das Können soll künftig prämiert werden, sondern das Unvermögen. Das fördert die Benachteiligten und generiert mit einem Schlag unendlich viele Anwärter auf eine Auszeichnung. Ein Büchnerpreis für Dieter Bohlen zum Beispiel. Wer könnte da dagegen sein, außer vielleicht ein paar moralinsaure Gestrige? Der Mann ist populär und hat sogar schon ein Buch geschrieben oder schreiben lassen. Charlotte Roche ist längst für den Literaturnobelpreis fällig, genauso wie Thilo Sarazin zumindest den Frieden spreis des Deutschen Buchhandels, wenn nicht gar den Friedensnobelpreis verdient hätte. Bestsellerlisten können nicht irren, ältere Herrn in obskuren Gremien dagegen schon.

Man sieht, das Feld ist weit und Dschungelcamp erst ein Anfang. Emanzipieren wir uns endlich von dem antiquierten Qualitätsanspruch, den die Kunst immer noch arrogant vor sich herträgt. Wer braucht denn noch Oper, Museen und Theater, wenn er Dschungelcamp, Superstar und Topmodel haben kann?

Sortieren wir doch am besten Qualitätskriterien einfach aus, und schon geht alles wie von selbst. Wer Fußball-Bundestrainer wird, entscheidet der Fernsehzuschauer oder die Werbeindustrie, auf dem Platz laufen nur noch die Spieler auf, die am publikumswirksamsten die Schuhe binden können und am meisten Quote versprechen. Was hätte sich Angela Merkel an Pein ersparen können, hätte sie die Nominierung des Bundespräsidenten nicht dem kleinen Koalitionspartner überlassen, sondern der Castingshow „Deutschland sucht sein Oberhaupt“? Ein solches Format ist ebenfalls dringend Grimme-verdächtig.

Das Dschungelcamp ist also für den Grimmepreis nominiert. Nichts ist unmöglich. Wie schön, das Leben wird leichter, wenn man Bedenken oder Skrupel endlich vergessen darf. Vielleicht wird Jenny Elvers-Elbertzhagen Frauenbeauftragte der Bundesregierung oder Daniela Katzenberger Kultur-Staatssekretärin. Mario Barth könnte Bundesfamilienminister werden. Mit seiner Erkenntnis „Männer sind Schweine – Frauen aber auch“ würde er der Sexismus-Debatte neue Impulse verleihen. Allerdings unter der Voraussetzung, dass Rainer Brüderle dieses Amt nicht selbst anstrebt, immerhin hat er die längst fällige Debatte ja selbst in Gang gebracht.

Liebe Grimme-Jury, Sie haben unseren Respekt. Und Adolf Grimme, den Namensgeber des Preises, ein aufrechter Preuße, Protestant und Sozialdemokrat, den bitten wir um Verzeihung.

"Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" Unter diesem Motto ziehen jedes Jahr Promis in den australischen Dschungel. Hier erfahren Sie alle Neuigkeiten über das RTL-Dschungelcamp.

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