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14.02.2013  |  von  |  1 Kommentare

Villingen-Schwenningen Der Schein des schönen Lichts

Villingen-Schwenningen -  Unfassbar, einfach unfassbar, in welchem Licht urplötzlich die Firma Hess steht. Es sind unglaubliche Abgründe, die sich eröffnen, wenn Kenner der Ermittlungsergebnisse berichten: Scheinfirmen und Scheingeschäfte, Luftbuchungen und andere schwer wiegende Verdachtsmomente, welche die Staatsanwaltschaft unter knochentrockenen Begriffen wie Bilanzmanipulation und Anlegerbetrug zusammenfassen.


Und mittendrin: Christoph Hess. Sein traditioneller Platz an der Fastnacht blieb leer, keine Auftritte mit seinem Fastnachtsverein. Der bisherige Vorstandsvorsitzende der Hess AG steht unter schwerem Verdacht. Treffen die Verdächtigungen zu, wurden nicht nur Banken geleimt sondern auch Zehntausende von Kapitalanlegern, die in den guten Namen Hess ein paar Hunderter investiert und nun so gut wie komplett ihr Kapital verloren haben.

Dabei schien die Hess-Aktie beim Börsengang so sicher. Old economy, also keine Software, keine Computersachen. Laternenpfähle vielmehr und weltweites Geschäft, das klang solide. Nun verbreitet die Firma an Aschermittwoch ein Papier, das sich wie eine Generalabrechnung mit den alten Chefs liest und das aufführt, dass die Firma in den letzten Jahren stets mehr Geld ausgegeben als eingenommen haben soll. Die Frage drängt sich auf: Weshalb nur entdeckte das keiner der teuer bezahlten Wirtschaftsprüfer, welche die Bilanzen testierten?

Die Antwort liegt vermutlich in der Schwere der Manipulation. Eines ist klar: Sollten tatsächlich vorgetäuschte Geschäfte mit tatsächlichem Geldfluss zur Aufblähung von Umsatz und Ergebnis der Hess AG geführt haben, wird es ganz, ganz eng für die Verantwortlichen. Und die Frage wird dann auch sein, wer im Unternehmen wann genau was gewusst hat. Dass die Staatsanwaltschaft mittlerweile gegen drei Beschäftigte wegen des Verdachts der Beihilfe ermittelt, spricht eigentlich Bände.

Wer das Unternehmen betrachtet, der wunderte sich in den letzten Wochen seit dem 21. Januar, als die beiden Vorstände gefeuert wurden. Ein neuer Alleinvorstand tritt an und bringt ein Heer an Beratern mit, die Rede ist von 20 Experten. Dass im Unternehmen die Kunde über das vermutliche Monatssalär dieser Truppe nur dumpfe Gefühle aufkommen lässt, ist unübersehbar. Die Frage ist schon, wer diese Experten bezahlt und wie lange das Geld bei der Hess AG jetzt noch gereicht hätte, wenn nicht Hunderttausende pro Monat speziell für diese Fachschaft hätte erwirtschaftet müssen.

Deshalb ist es jetzt eine gute Nachricht, dass ein unabhängiger Insolvenzverwalter aus einer hoch angesehenen Kanzlei das Ruder übernimmt. Spannend wird sein, wie er vorgeht. Und auf welchen Hess-Standort er bei seinen Zukunftsplanungen vor allem setzt.

Chronologie der Hess-Turbulenzen


Chronologie der Hess-Turbulenzen
  • Montag; 21. Januar: Einstimmig beschließt der Aufsichtsrat die Abberufung der Vorstände Christoph Hess und Peter Ziegler wegen des Verdachts auf Bilanz-Manipulationen.
  • Dienstag, 22. Januar: Christoph Hess teilt mit: Die gegen mich erhobenen Vorwürfe kenne ich nur aus der Presse und kann sie nicht nachvollziehen.
  • Mittwoch, 23. Januar: Die Staatsanwaltschaft nimmt Ermittlungen auf. Die Familie Hess kündigt an, über ihre Aktienmehrheit (39,9 Prozent) Aufsichtsrat und Vorstand des Unternehmens neu besetzen zu wollen.
  • Donnerstag, 24. Januar: Seniorchef Jürgen G. Hess bietet an, die Leitung des Unternehmens zu übernehmen.
  • Freitag, 25. Januar: Neuer Vorstand Till Becker stellt sich den Mitarbeitern vor. Eine Firmensprecherin lehnt die Rückkehr von Jürgen G. Hess ab.
  • Montag, 28. Januar: Am Montag bekam der Ehrenvorsitzende der Meckergilde Horst Schätzle einen Anruf aus der Firma Hess, dass der Verein ohne Wenn und Aber sofort das Hess-Gelände räumen müsse, wo der Fasnet-Verein seit drei Jahren seine vier Umzugsfahrzeuge, seine Häser und andere Utensilien in und vor einer Halle lagern durfte.
  • Mittwoch, 30. Januar: Beamte der Landespolizeidirektion Freiburg haben im Auftrag der Staatsanwaltschaft Mannheim die Firmenräume durchsucht, Akteneinsicht genommen und Dokumente mitgenommen. Auch im Privathaus von Christoph Hess in Villingen haben die Beamten aus Freiburg Papiere beschlagnahmt.
  • Montag, 4. Februar: Die Staatsanwaltschaft teilt mit, sie habe die Ermittlungen gegen zwei Mitarbeiter der Firma wegen des Verdachts auf Beihilfe ausgeweitet.
  • Dienstag, 5. Februar: die Hess AG teilt in einer Pflichtmitteilung an der Börse mit: aufgrund des Einfrierens der Kreditlinien haben verschiedene Tochtergesellschaften der Hess AG akuten Liquiditätsbedarf.
  • Dienstag, 5. Februar: In einer von Christoph Hess und Peter Ziegler gezeichneten Erklärung vom Dienstagnachmittag legen die beiden Ex-Vorstände die Entwicklung der Firma Hess aus ihrer Sicht dar. Sie attackieren die neue Führung des Unternehmens.
  • Mittwoch, 13. Februar: Der Vorstand der Hess AG hat am Mittwochmorgen entschieden, beim zuständigen Amtsgericht einen Insolvenzantrag zu stellen. Zum Artikel
  • Mittwoch, 13. Februar: Die Hess AG nimmt in einer aktuellen Mitteilung Stellung zur Situation der Firma. Zum Artikel
  • Mittwoch, 13. Februar: Christoph Hess, Ex-Vorstandsvorsitzender der Hess AG, erklärt sich am Mittwochnachmittag zum Insolvenzantrag des Unternehmens.Zum Artikel
 

Die Firma Hess, ein Gießereibetrieb, wurde 1947 von Willi Hess gegründet und stellte zuerst Waffeleisen her. 1968 übernahm der Sohn Jürgen G. Hess die Firma mit acht Mitarbeitern. Er entwickelte das Unternehmen zum Hersteller modern gestalteter Außen- und Straßenleuchten aus Metallguss und Straßenmöblierungen. 2007 wurde die GmbH zur Familien-Aktiengesellschaft umfirmiert. Jürgen G. Hess wurde Aufsichtsratsvorsitzender, sein Sohn Christoph Geschäftsführer des Betriebs. Der Börsengang folgte im Oktober 2012. Im SÜDKURIER-Themenpaket finden Sie alle Infos und Bilder rund um das Villinger Unternehmen.

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1 Kommentare
Schwer Enttäuscht
Als Aktionär der Hess AG, dreht es mir den Magen rum. Wie kann man so blauäugig sein und jetzt so tun als wenn alle anderen schuld wären.Es gehört schon mehr dazu, als nur den großen Zampano in der Stadt Villingen zu spielen und dann alle anderen für blöd zu erklären. Junior Hess hatte noch nie eine Ahnung von dem was er machte. Man lies ihn des Geldes wegen gewähren, ob in der Stadt oder in den Vereinen. das was jetzt auf Ihn zukommt ist noch viel zu wenig. hoffendlich fängt er bald an zu denken.
D. König
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