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Baden-Württemberg Wo Kinder im Mittelpunkt stehen

SÜDKURIER-Aktion für die Nachsorgeklinik Tannheim: Erzieherinnen begleiten die Patienten durch den Klinikalltag

„Die Warum-Frage ist immer die falsche“, sagt Ute Löschel, Leiterin der Kinder- und Jugendabteilung in der familienorientierten Nachsorgeklinik Tannheim. „Es gibt keine Antwort.“ Den pädagogischen Teams werden mit jeder Rehabilitation 60 bis 80 Kinder und Jugendliche anvertraut, die alle belastet sind. Sie sind selbst schwerkrank oder Geschwister von Patienten, manche trauern um verstorbene Brüder und Schwestern. Trotz ihrer Sinnlosigkeit bleibt die quälende Frage nicht aus, die die Kinder auch anders formulieren: „Hat mich denn niemand lieb?“ Manchmal werden existenzielle Nöte so offen artikuliert, oft auch non-verbal, im Spiel, beim Malen und Basteln. Die Jungen und Mädchen werden nach Alter in vier Gruppen eingeteilt, die alle mit „Sch“ beginnen: Im „Schtorchennest“ werden Babies und bis zu dreieinhalbjährige Kleinkinder umsorgt, es folgen Schnecken- und Schildkrötengruppe, das Schlupfloch ist für zehn- bis 16-Jährige konzipiert. Täglich sechs Stunden sind die Jungen und Mädchen in ihren Gruppen, Säuglinge und Kleinkinder werden während der ersten Tage von den Eltern begleitet. „Manche können nicht gut allein sein, vor allem, wenn sie gerade einen langen Krankenhausaufenthalt hinter sich haben.“

Die acht Erzieherinnen werden zurzeit von zwei Auszubildenden und fünf Praktikanten im Bundesfreiwilligenjahr unterstützt. „Der Vier-Wochen-Rhythmus ist eine Herausforderung“, stellt Ute Löschel fest. „Wir müssen uns ständig auf neue Kinder einstellen. Nur die Mukos begleiten wir manchmal vom Storchennest bis ins Schlupfloch und bereiten sie auf den Übergang in die Jugend-Reha vor.“

Die Erzieherin ist in Schwenningen aufgewachsen, arbeitete fünf Jahre lang in einer psychosomatischen Klinik in Freiburg und qualifizierte sich an der dortigen Katholischen Fachhochschule als Trauerbegleiterin, bevor sie nach Tannheim kam.

Der Tod ist in jeder Gruppe direkt oder indirekt ein Thema, weil verwaiste Geschwister trauern und chronisch schwer erkrankte Kinder und Jugendliche Verschlechterungen akzeptieren müssen. So kann die Wiedersehensfreude auch getrübt sein, wenn Mukoviszidose-Patienten in kritischen Phasen und mit pessimistischer Prognose nach Tannheim kommen. „Unsere Gesellschaft neigt zu der Vorstellung, alles sei heilbar. Aber manchmal versagt ärztliche Kunst. Wir müssen Krankheit und Sterben wieder ins Leben holen.“ Kinder könnten mit diesen schweren Aufgaben oft selbstständiger und selbstverständlicher umgehen als ihre Eltern. Bisweilen übernähmen sie gar deren Funktionen, wollten Vater und Mutter trösten, Verantwortung für den Familienfrieden übernehmen.

Eine derartige Rollenverteilung sei falsch und fatal, weil sie Kinder zusätzlich zur Erkrankung überfordere. Wenn die Erzieherinnen solche Schieflagen im familiären Beziehungsgeflecht spüren, bemühen sie sich um ausgleichende Korrektur. Pädagogische Strategien werden wöchentlich in der Abteilung besprochen, obligat sind zudem Treffen in großen interdisziplinären Runden mit den ärztlich-pflegerischen und therapeutischen Teams. Ebenso selbstverständlich sind Gespräche mit Eltern, denen manchmal auch problematische Beobachtungen mitgeteilt werden müssten. „Wir versuchen ihnen etwa klarzumachen, dass auch die kranken Kinder Grenzen brauchen, dass sie nicht zu sehr verwöhnt werden sollten, dass die gesunden Geschwister nicht vernachlässigt werden dürfen, die wir hier nicht umsonst Schattenkinder nennen.“

Die Einflussnahme auch auf therapieüberdrüssige, trotzige, traurige Kinder erfordere viel Fingerspitzengefühl. „Es kommt auf den rechten Ton an.“ Die Regeln gälten für alle gleich, auch die Erzieherinnen müssten aufpassen, ihre Schützlinge bei allem liebevollen Mitgefühl nicht mit Samthandschuhen anzufassen. „Du musst selbst gefestigt sein und die Balance zwischen Empathie und Distanz finden“, beschreibt Ute Löschel jenseits beruflicher Kompetenz eine unabdingbare Vorrausetzung für die Arbeit hier. Das schaffe nicht jeder, immer wieder komme es vor, dass Praktikanten weggeschickt werden müssten oder von sich aus gingen, weil sie die Schwere der Schicksale nicht verkrafteten. Umso faszinierender sei es, wie es den jungen Patienten selbst gelinge, das Unabänderliche zu akzeptieren.

„Sie definieren sich nicht nur über Defizite, sondern machen das Beste aus einer Situation. Sie leben mehr im Moment und weniger im Morgen. Aus diesem positiven Denken, dem nicht aufgeben wollen, schöpfen wir neue Kraft für unsere Arbeit.“

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Nachsorgeklinik in Tannheim: Die Nachsorgeklinik in der Ortschaft Tannheim bei Villingen-Schwenningen ist eine Einrichtung der deutschen Kinderkrebsnachsorge. Weitere Gesellschafter des Hauses sind die Arbeitsgemeinschaft der baden-württembergischen Förderkreise krebskranker Kinder e.V. und der Mukoviszidose-Bundesverband. Im SÜDKURIER-Themenpaket finden Sie alle Nachrichten und Bilder rund um die Nachsorgeklinik Tannheim.
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