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01.02.2013  |  von  |  5 Kommentare

Villingen-Schwenningen Wir sind Hess

Villingen-Schwenningen -  Es war einst der Gedanke der alternativen Kultur, die Gesellschaft von unten her zu verändern, Graswurzelbewegung nannte man das, eine gefühlte Ewigkeit ist das her. Etwas Ähnliches ist derzeit in Villingen im Entstehen und betrifft das heftig in Unwetter geratene Unternehmen Hess.

Gedanken von SÜDKURIER-Autor Uwe Spille zu einer Graswurzelbewegung bei der Hess AG in Villingen.  Bild: SK / Hess AG



Gedanken von SÜDKURIER-Autor Uwe Spille zu einer Graswurzelbewegung bei der Hess AG in Villingen.

 Kaum ein anderes Thema beschäftigt die Menschen mehr als die Fragen „wieso, weshalb, warum“. Es werden Neuigkeiten begierig ausgetauscht und aufgesogen und Mutmaßungen angestellt. Selbst an der Supermarktkasse ist man nicht gefeit vor den beschwörenden Blicken und gemurmelten Sätzen wie „hast du schon gehört“.

Doch damit ist jetzt Schluss, eine Bewegung hat sich formiert, die zum Ziel hat, dieses urvillingerische Familienunternehmen zu retten. Auch wenn (wie man durch den vergeblichen Rückkehrversuch des Patriarchen Jürgen G. Hess gesehen hat) eine Aktiengesellschaft nun mal keine andere Familie neben sich duldet als die der Aktionäre.

Von unten sozusagen soll den drohenden Heuschrecken, die das Unternehmen auffressen würden, Paroli geboten werden. Das Motto, das sich im Städtle verbreitet, lautet: „Jeder Villinger kauft Aktien, dann bleibt Hess uns erhalten.“ Jeder Aktieninhaber ist ein wenig Teilhaber an der Firma und hat, wenn nicht anders geregelt, Stimmrecht.

So spannend wie ein Hollywoodfilm wird eine Versammlung allemal und wer bereit ist, fürs Kino sieben Euro zu zahlen, der kann auch eine Aktie zum derzeit gleichen Preis kaufen.

Vielleicht klappt es ja mit der Graswurzelbewegung und dem Slogan „Wir sind Hess“.


Chronologie der Hess-Turbulenzen

Chronologie der Hess-Turbulenzen
  • Montag; 21. Januar: Einstimmig beschließt der Aufsichtsrat die Abberufung der Vorstände Christoph Hess und Peter Ziegler wegen des Verdachts auf Bilanz-Manipulationen.
  • Dienstag, 22. Januar: Christoph Hess teilt mit: Die gegen mich erhobenen Vorwürfe kenne ich nur aus der Presse und kann sie nicht nachvollziehen.
  • Mittwoch, 23. Januar: Die Staatsanwaltschaft nimmt Ermittlungen auf. Die Familie Hess kündigt an, über ihre Aktienmehrheit (39,9 Prozent) Aufsichtsrat und Vorstand des Unternehmens neu besetzen zu wollen.
  • Donnerstag, 24. Januar: Seniorchef Jürgen G. Hess bietet an, die Leitung des Unternehmens zu übernehmen.
  • Freitag, 25. Januar: Neuer Vorstand Till Becker stellt sich den Mitarbeitern vor. Eine Firmensprecherin lehnt die Rückkehr von Jürgen G. Hess ab.
  • Montag, 28. Januar: Am Montag bekam der Ehrenvorsitzende der Meckergilde Horst Schätzle einen Anruf aus der Firma Hess, dass der Verein ohne Wenn und Aber sofort das Hess-Gelände räumen müsse, wo der Fasnet-Verein seit drei Jahren seine vier Umzugsfahrzeuge, seine Häser und andere Utensilien in und vor einer Halle lagern durfte.
  • Mittwoch, 30. Januar: Beamte der Landespolizeidirektion Freiburg haben im Auftrag der Staatsanwaltschaft Mannheim die Firmenräume durchsucht, Akteneinsicht genommen und Dokumente mitgenommen. Auch im Privathaus von Christoph Hess in Villingen haben die Beamten aus Freiburg Papiere beschlagnahmt.
 

Weitere Bildergalerien

Die Firma Hess, ein Gießereibetrieb, wurde 1947 von Willi Hess gegründet und stellte zuerst Waffeleisen her. 1968 übernahm der Sohn Jürgen G. Hess die Firma mit acht Mitarbeitern. Er entwickelte das Unternehmen zum Hersteller modern gestalteter Außen- und Straßenleuchten aus Metallguss und Straßenmöblierungen. 2007 wurde die GmbH zur Familien-Aktiengesellschaft umfirmiert. Jürgen G. Hess wurde Aufsichtsratsvorsitzender, sein Sohn Christoph Geschäftsführer des Betriebs. Der Börsengang folgte im Oktober 2012. Im SÜDKURIER-Themenpaket finden Sie alle Infos und Bilder rund um das Villinger Unternehmen.

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5 Kommentare
kleine Rechnung
5000 Bürger, Vereinsmitglieder und Mitglieder der gesponserten Institutionen von Hess kaufen jeweils nur 100 Aktien (=400,- EUR Kapitalbedarf) und stehen zur Gründerfamilie, so kann diese wieder regieren. Ich schlage hier den Seniorchef vor, der mit seiner Erfahrung das Schiff sicherlich wieder auf Kurs bringt. Außerdem muss Christof Hess zuerst die Beschludigungen entkräften und kann danach wieder ins operative Geschäft eingreifen. Eine bessere Investition gibt es nicht ....
Sachlage bei Hess AG ist viel zu dramatisch für solche Artikel...
Selbst wenn es theoretisch möglich wäre, dass 1000 Privatpersonen die 2,6 Mio. Aktien à 7,00 Euro kauften (Altaktien außen vor), wäre dadurch den Aktionären, welche diese Aktien in 10/2012 beim Börsengang à 15,60 Euro gekauft haben (Familie Hess, HPE und zirka 40% Andere) der Verlust in ihren Privatvermögen von insg. rund 22 Millionen Euro nicht ersetzt.

Andere Gründe lassen ein solches Unterfangen gar nicht zu.

Was für die Hess AG und die 360 Mitarbeiter höchst gefährlich ist, ist, dass sich die kurz- und langfristigen Verbindl./Schulden auf mehr als 70 Millionen Euro belaufen, das Eigenkapital (Grundkapital + Rücklagen) sich auf zirka 36 Mio. Euro beim derzeitigen Aktienkurs beläuft.

Da das Vermögen zu über 50 Mio. Euro aus Ford. aus L+L, Vorräten und immateriellen Vermögenswerten besteht, was manchem Gläubiger Kopfzerbrechen bereitet, ist die Situation bei Hess durchaus prekär.
Kurze Zusatzbemerkung
die 36 Mio. Euro beim Eigenkapital dürften tatsächlich einige Millionen weniger sein.
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