Villingen-Schwenningen Wie viel Leben passt in einen Koffer?

Der Verein Pro-Stolperstein VS erinnert mit einer ersten Mahnwache am Villinger Bahnhof and er Schicksal deportierter und ermordeter Juden. Weitere Mahnwachen werden folgen

Da stehen sie, rund 30 Männer und Frauen, auf dem Bahnhofvorplatz in Villingen und gedenken. Gedenken der elf jüdischen Mitbürger, die hier am 22. Oktober 1940 in aller Heimlichkeit und Stille in einen Zug verladen und nach Gurs in Frankreich deportiert wurden. Doch ist es kein stilles Gedenken, es ist ein berührendes Nachdenken, ein erzählendes Denken an die Menschen hinter dieser bloßen Zahl, die klein erscheint.

Elf Menschen, die etliche Gemeinderäte der Stadt im letzten Jahr erst wieder gewaltig ins Stolpern gebracht haben. Die 30, die sich jetzt an der Gedenktafel für die deportierten Juden am Bahnhof versammelt haben, sind ebenfalls nur eine kleine Anzahl von Menschen.

Fast könnte man geneigt sein zu sagen: Ach, lass' es. Erstens ist das so lange her und zweitens interessiert sich dafür doch keiner mehr. Doch mit solchem Fatalismus beginnt die Dekadenz, begibt sich eine Gesellschaft direkt in den Abgrund der Beliebigkeit, ohne Erinnerung an die Wurzeln und Gründe für die eigene Existenz, so die Überzeugung derer, die sich engagieren. Dem entgegenzutreten fühlen sich die hier Versammelten verpflichtet. Sie machen es in ruhigem Ton, eher sachlich, gerade dadurch aber anrührend.

Wenn Friedrich Engelke, der Vorsitzende des Vereins Stolperstein VS, den großen Reisekoffer öffnet, der in ähnlicher Form vielleicht einen der Deportierten auf seinen letzten Weg in den Tod begleitete, stockt einem der Atem. Wie viel Leben passt in einen Koffer? Darin liegen die Steine mit den eingravierten Namen der Menschen, die einmal hier lebten. Einen nach dem anderen hebt Friedrich Engelke hoch, senkt den Blick und beginnt zu erzählen.

Der 22. Oktober 1940 ist ein Dienstag, ein kalter aber klarer Morgen. Es ist das jüdische Laubhüttenfest, Sukkoth, die Gestapo weiß genau, dass um diese Zeit die jüdischen Mitbürger daheim sein werden. Es ist früher Morgen, und an die Wohnungstüren in der Brigachstraße, der Schlösslegasse oder in der Rietstraße bei den Familien Faber, Haberer und Schwarz wird gepocht. Sie haben zwei Stunden Zeit, einen Koffer zu packen, pro Person. Berthold Haberer und seine Frau Georgine hatten ihren Sohn Josef mit dem letzten Geld gerade noch nach England verschicken können. Ihr sechsmonatiges Pflegekind müssen sie mit auf den Transport nehmen.

Den Tag über werden sie mit den anderen acht in einen Keller gesperrt, niemand soll etwas mitbekommen von der Deportation. Erst in der Nacht wird der Zug, der von Konstanz kommend 60 Personenwagen mit sich führt, die kleine Schar wegbringen. Name für Name liest Friedrich Engelke mit ruhiger Stimme vor. Während um die Gruppe der Zuhörer die Reisenden von und zu den Zügen hasten und der Verkehr der Straße herüber dröhnt, entwickelt sich so in dem Rund eine fast schon meditative Stimmung, treten Bilder von Menschen vor das innere Auge, die man nicht kannte und die einem doch so vertraut scheinen in ihrem Streben nach Glück und Wohlergehen. Und die wegen einer schrecklichen Rassen-Ideologie der Vernichtung durch Menschenhand preis gegeben wurden.

Möge diese Stadt noch lange über die Steine mit den Namen dieser Menschen stolpern, selbst wenn sie nur in einem großen Koffer liegen, möchte man da sagen.

Der Verein

Der Verein Pro-Stolperstein VS will Menschen aus Stadt und Region vernetzen, die die Verlegung von Stolpersteinen unterstützen. Bis zum 27. Januar, dem Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, wird der Verein noch weitere zwölf Mahnwachen über die Stadt verteilt abhalten, nicht nur in Villingen, sondern auch in Schwenningen. Dabei soll auch den Opfern von sexueller oder medizinischer Diskriminierung sowie Sinti und Roma gedacht werden. (us)

Termine und Infos:

www.pro-stolperstein-vs.de

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Stolpersteine in Villingen-Schwenningen: Im November 2013 hat der Gemeinderat in Villingen-Schwenningen die Stolpersteine erneut abgelehnt. Bereits im Jahr 2004 stimmten die Räte gegen diese Form des Gedenkens an die Judenverfolgung im Dritten Reich. Dabei gab der Verlauf der Debatte zunächst Anlass zur Hoffnung, dass die Abstimmung im Gemeinderat anders ausgeht. Im SÜDKURIER-Themenpaket finden Sie alle Nachrichten und Bilder rund um die Stolperstein-Debatte in Villingen-Schwenningen.
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