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Villingen-Schwenningen Weiterleben ohne Karolina

„Ich hatte ein kurzes Leben und jetzt kommt mein langes Leben“, stellte Karolina Miller im September vor einem Jahr ruhig und sachlich fest. Wenig später starb die fast Siebenjährige an den Folgen eines bösartigen Hirntumors.

Die Eltern Christoph und Irina Miller wollten mit Karolina und ihren Schwestern Leoni (11) und Alma (10) eigentlich eine onkologische Rehabilitation in der Nachsorgeklinik Tannheim absolvieren. Daraus wurde nun eine Reha für verwaiste Familien. „Wir haben gelernt, dass es keine richtige oder falsche Trauer gibt,“ sagt das Ehepaar aus Oberbayern. „Alles darf sein, denn der Schmerz zerreißt fast dein Herz.“

Als sich der vermeintliche Magen-Darm-Infekt, der vor zwei Jahren bei Karolina hausärztlich behandelt wurde, verschlimmerte statt zu verschwinden, suchten die Eltern diagnostische Hilfe in einer Fachklinik in München/Schwabing. „Es war wie im Film“, erinnert sich der Vater. Ein Arzt fand schon beim Fühlen des Pulses die Herzfrequenz des Kindes bedrohlich, das Computerbild zeigte einen tennisballgroßen Tumor im Gehirn, hastig wurde die Kleine mit Sauerstoff versorgt.

In einer Not-Operation wurde ein Shunt (ein Mini-Schlauch) ins Gehirn gelegt, um Flüssigkeit abzuleiten und den Kopf zu entlasten. In einer großen OP wurde das Geschwür komplett entfernt, das Mädchen erholte sich prima, „wir schöpften Hoffnung.“ Irina Miller ist Heilpraktikerin und überwand ihre Skepsis gegen Bestrahlung und Chemotherapie, „der Strahlenarzt hieß Dr. Glück.“

Das folgende monatelange Pendeln zwischen Klinik und zu Hause wurde zur Routine, Vater und Mutter waren rund um die Uhr an der Seite ihrer Tochter. Die Phasen daheim wurden mit Bedacht ausgekostet, alle Mitglieder gewöhnten sich an Mundschutz und neue Vorsicht beim Radeln und Wandern, Leoni und Alma passten liebevoll auf ihre jüngere Schwester auf. Zwischen zwei Chemos genoss die Familie eine Woche Sommerferien, Karolina blühte auf, schwamm noch einmal in einem Bergsee, war glücklich.

Wenige Wochen später erkrankte sie erneut. Die Magnetresonanztherapie (MRT) machte Schreckliches sichtbar: Der Tumor hatte sich im gesamten Körper verbreitet, war sogar in die Wirbelsäule gekrochen. Den „Rattenschwanz an Untersuchungen“ ließ das tapfere Mädchen geduldig über sich ergehen, bekam eine „Strohhalm-Tablette“, mit Hilfe eines Ports wurden neue Chemo-Konzentrate direkt in den Kopf geleitet. Irgendwann streikte Karolinas gepeinigter Körper. Sie fiel ins Koma, kam auf die Intensivstation, die für die Schwestern tabu war, die Eltern schmuggelten sie dennoch hinein. „Jetzt ist's gut“, verkündete Karolina ihre Bereitschaft zum „langen Leben, wollte nicht noch einmal in die „Röhre“, sondern heim.

Jetzt kamen die „Kleinen Riesen“ ins Spiel, wie das Palliativprojekt in Schwabing heißt, mit dem sterbende Kinder und ihre Familien unterstützt werden. Sie organisierten einen Rollstuhl für Karolina und unterwiesen die Eltern im Umgang mit der Magensonde, über die sie mit Medikamenten versorgt wurde. Das Ziel war jetzt, Karolina von den starken Schmerzen zu befreien und ihr möglichst jeden Wunsch zu erfüllen. Sie wusste genau, was sie wollte. Vor allem freute sie sich auf die Schultüte und den ersten Schultag, zu dem Lehrerin und Mitschülerinnen ans Krankenbett kamen. „Es war wie Hof halten“, beschreibt die Mutter die Prozedur des Abschieds.

Angehörige, Freunde, alle Menschen, die wichtig in Karolinas Leben waren, besuchten sie, spielten, redeten, sangen mit ihr, ein letztes Mal wollte sie im Sandkasten buddeln und tat es entspannt und zufrieden. „Wir hatten noch zwei Wochen lang eine gute Zeit“, fasst der Vater zusammen. Wie so oft schlief er auch in der Nacht zum 28. September 2011 neben der Tochter, „um drei Uhr atmete sie nicht mehr.“ Er ist Schreiner und baute den Sarg für Karolina. Ihre Schwestern und die Mutter verzierten ihn innen mit Sternen und außen mit Bildern ihres Lebens.

Der Schmerz über den Tod von Tochter und Schwester legte sich wie ein Schleier über die Familie. „Wir brauchten Hilfe, um uns gezielt mit dem Verlust auseinanderzusetzen“, bekennen die Eltern. In Tannheim sei viel aufgewühlt worden, doch im Kreise von Schicksalsgefährten hätten sich alle Beteiligten leichter öffnen können. Leonie und Alma, die so lange zu kurz gekommen waren, tauten auf und entspannten sich allmählich.

„Als wir hierher kamen, war jeder in sich verloren“, rekapituliert die Mutter. „In Tannheim durfte sich jeder mit der eigenen Trauer befassen. So haben wir als Familie wieder zusammengefunden..“

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Nachsorgeklinik in Tannheim: Die Nachsorgeklinik in der Ortschaft Tannheim bei Villingen-Schwenningen ist eine Einrichtung der deutschen Kinderkrebsnachsorge. Weitere Gesellschafter des Hauses sind die Arbeitsgemeinschaft der baden-württembergischen Förderkreise krebskranker Kinder e.V. und der Mukoviszidose-Bundesverband. Im SÜDKURIER-Themenpaket finden Sie alle Nachrichten und Bilder rund um die Nachsorgeklinik Tannheim.
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