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Villingen-Schwenningen Was Stolpersteine bewirken können

Gedenken an Juden wird wieder Politikum. Bedenken in VS sind andernorts widerlegt. In Konstanz und Singen hat sich einiges bewegt.

Die Fraktionen von CDU und Freien Wählern haben in einer ersten Reaktion wie schon 2004 erneut Vorbehalte dagegen artikuliert. Damals hat die Mehrheit im Rat die Aktion abgelehnt. In Nachbarstädten haben sich die vorgebrachten Kritikpunkte gegen die Stolpersteine-Aktion indes als weitgehend gegenstandslos erwiesen, wie Recherchen des SÜDKURIER ergaben.

In der Doppelstadt sind bisher 27 Häuser - 21 in Villingen und sechs in Schwenningen – mit 85 Personen bekannt, die für die Aktion Stolpersteine in Frage kommen. Die Bedenken der Christdemokraten und Freien Wähler wurden wie folgt artikuliert: Wenn die „Stolpersteine“ vor den ehemaligen Häusern jüdischer Mitbürger verlegt würden, dann diskriminiere es die heutigen Hausbesitzer – sie könnten verdächtigt werden, auf zweifelhafte Weise in den Besitz der Gebäude gekommen zu sein und würden quasi für die Sache in Haftung genommen. Der katholische Dekan Josef Fischer hatte diese Bedenken jetzt als „völlig aus der Luft gegriffen“ bezeichnet. Es sei kaum vorstellbar, dass jemand die Bewohner eines Hauses dafür haftbar mache, was sich für 75 Jahren unter der Herrschaft der Nationalsozialisten ereignet habe.

Erkundigt man sich in anderen Städten, so haben sich derlei Befürchtungen kaum bestätigt.

In Konstanz wurden seit dem Jahr 2005 durch die „Initiative Stolpersteine gegen das Vergessen und gegen Intoleranz“ bisher 140 Steine verlegt, die an Juden und andere Verfolgte der NS-Herrschaft erinnern. „Nur in zwei Fällen gab es mit unterschiedlichen Argumenten Probleme mit Anliegern“, berichtet Petra Quintini von der Stolperstein-Initiative. Doch diese Vorbehalte konnten im gemeinsamen Gespräch ausgeräumt und die Steine verlegt werden. Umgekehrt gibt es in Konstanz inzwischen viele Anlieger, die stolz sind auf die Gedenksteine vor ihrem Haus und oft selbst für die Sauberkeit und Reinigungen der Steine sorgen. Rund 42 000 dieser Gedenksteine seien inzwischen in 750 Städten und Gemeinden in Deutschland und anderen europäischen Ländern verlegt worden. „Die Leute haben dort begriffen, dass diese Erinnerung nichts mit den heutigen Bewohnern der Häuser zu tun hat“, ist Petra Quintini überzeugt.

Die Aktion selbst hat in Konstanz eine umfassende Erinnerungsarbeit bewirkt. Die Initiative hat eine eigene Internetseite, viele ehrenamtliche Helfer haben die Biografen von bisher 140 Juden und anderen von den Nazis Verfolgten ausgearbeitet und damit den Opfern einen Namen gegeben, sie dem Vergessen entrissen. Zahlreiche Veranstaltungen, Ausstellungen und Begegnungen mit Überlebenden oder Angehörigen der Opfer fanden seit 2005 statt. Das Thema wurde in Schulen und andere Foren getragen und hat die Erinnerung lebendig gemacht. Stolperstein-Stadtführungen stoßen ebenfalls auf großes Interesse. Im Gegensatz zu Villingen-Schwenningen gab es keinerlei politische Widerstände, die Stadt und der Gemeinderat haben die Initiative von Anbeginn unterstützt.

„Die ganz große Chance ist es, mit der Stolperstein-Aktion die Jugend ins Boot zu holen, die damit einen ganz neuen Bezug zur Geschichte bekommt“, hebt Aktivistin Petra Quintini hervor. Viele spannende Geschichtsstunden habe es schon in Konstanzer Schulklassen darüber gegeben. Mit den Biografien der ermordeten Mitbürger bekämen die Schüler einen sehr konkreten Bezug zur Stadthistorie. „Viele Jugendliche haben sich hier stark engagiert. Wir haben ganz tolle Erfahrungen damit gemacht“, berichtet Petra Quintini. Von besonderer Bedeutung habe sich diese Form der Erinnerung auch für Angehörige der NS-Opfer erwiesen. Für viele hätten sich die Erinnerungssteine als heilsam erwiesen, berichtet sie aus bewegenden Begegnungen. Ihr Fazit: „Ich finde es eine großartige Aktion“.

Auch in Singen sind in mehreren Aktionen bisher 49 Gedenksteine verlegt worden. Der Gemeinderat hat 2009 einstimmig für die Aktion gestimmt, die vom Arbeitskreis christlicher Kirchen (ACK) getragen wird. Im Sommer 2014 sollen zehn weitere Stolpersteine in der Innenstadt verlegt werden, berichtet Heinz Kapp, der vor einigen Jahren die Initiative für diese Aktion ergriffen hatte. Natürlich, so schildert er, habe es auch einige Stimmen gegeben, die einen „Schlussstrich“ unter das Nazi-Kapitel gefordert oder gar die Wertminderung ihrer Häuser als Folge der Gedenksteine reklamiert hatten. Doch dies seien Einzelstimmen gewesen. Politischen Widerstand im Gemeinderat habe es nicht gegeben.

Nach Einschätzung von Heinz Kapp haben die Stolpersteine in Singen eine Öffnung für das Thema bewirkt. „Es wurde etwas aufgeweicht, aber es gab noch keinen zündenden Funken, der auf die breite Bevölkerung übergesprungen ist“, urteilt er. Immerhin hätten die Gedenksteine bei vielen Einwohnern einen „Aha-Effekt“ hervorgerufen, dass es sich hier um Menschen handelt und nicht um eine abstrakte Opfer-Gruppe. Und das sei ja das Hauptziel der Aktion: „Den Opfern wieder einen Namen zu geben.“ Die Initiative will daher weitermachen: „Wir haben Literatur für insgesamt 194 Verlegungen von Gedenksteinen“, berichtet Heinz Kapp.

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Stolpersteine in Villingen-Schwenningen: Im November 2013 hat der Gemeinderat in Villingen-Schwenningen die Stolpersteine erneut abgelehnt. Bereits im Jahr 2004 stimmten die Räte gegen diese Form des Gedenkens an die Judenverfolgung im Dritten Reich. Dabei gab der Verlauf der Debatte zunächst Anlass zur Hoffnung, dass die Abstimmung im Gemeinderat anders ausgeht. Im SÜDKURIER-Themenpaket finden Sie alle Nachrichten und Bilder rund um die Stolperstein-Debatte in Villingen-Schwenningen.
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