Was passiert, wenn ein Schwenninger Kind nach dem Kindergarten sofort auf die Eisbahn geht und schon mit vier Jahren Eishockey spielen kann? Wenn er 15 Jahre lang in sämtlichen Jugendmannschaften des "Schwenninger Eis- und Rollsportclubs 04" spielt? Wenn er sich dann, nachdem der Verein im Jahre 2003 der Insolvenz entgangen ist, mit einem Kollegen zusammentut, der ebenfalls schon im zarten Alter von sechs Jahren in Nachwuchsmannschaften des SERC spielte? Sich mit einem zusammentut, der sagt: "Uns war das Eishockey wichtiger als die Schule. Wir haben diesen Verein gelebt"? Ganz einfach: Es passiert ein Film. "Auf dünnem Eis" heißt er, und natürlich handelt er vom Schwenninger Traditionsverein, der in diesem Jahr seinen hundertsten Geburtstag feiern kann. Maik Boegel und Sören Lauinger geben ihrem 100-minütigen Dokumentarfilm derzeit noch den letzten Schliff. Am Freitag, 9. Juli, ist Premiere für geladene Gäste.
"Wir wollten kein Fan-Video drehen", deutet Sören Lauinger, verantwortlich für Buch und Regie, die Absicht des Films an. Vielmehr ist "auf dünnem Eis" ein Dokumentarfilm, der chronologisch die bewegte Geschichte von 100 Jahren SERC erzählt. Und erzählen lässt: 26 Interviews haben die beiden Filmemacher für ihren Streifen geführt. Lotte Mehne, Nichte des SERC-Gründers und Tochter des damals noch Schwimm- und Eisclub-Vorsitzenden kommt dabei zu Wort. Die Stadthistorikerin Annemarie Conradt-Mach erklärt, warum sich ein Verein wie der Eis und Rollsportclub ausgerechnet in der Arbeiterstadt Schwenningen, nicht jedoch in anderen Ortschaften halten konnte. Kurt Haller, letzter noch lebender Spieler der ersten aktiven Mannschaft von 1927 reist ebenso in seine SERC-Vergangenheit zurück, wie Zukunftsforscher Andreas Neef Voraussetzungen untersucht, die einen Verein zum Erfolg führen. Auch Prominente wie Vereins- und Ex-Bundestrainer Hans Zach oder Gernot Tripcke, Geschäftsführer der Deutschen Eishockey Liga, kommen zu Wort. Das reichhaltige Interviewmaterial wird ergänzt von Bildern und Filmen aus der städtischen, aber natürlich auch aus der SERC-Vergangenheit. "Bilder, die es bis dahin noch nicht zu sehen gab" und "unbekannte Zusammenhänge und kleine Anekdoten" auch für Insider versprechen die Filmemacher.
100 Minuten Film für 100 Jahre SERC - doch keine Film-Minute für jedes Jahr. Maik Boegel (Idee, Kamera, Produktion) und Sören Lauinger betrachten besonders die neuralgischen, richtungsweisenden Ereignisse in 100 Jahren Vereinsgeschichte. Lassen etwa sowohl die ehemalige Schatzmeisterin Lotte Sütterlin über den Steuerskandal von 1984 berichten, als auch den ehemaligen Eishockey-Obmann Hermann Benzing aus seiner Sicht dasselbe Thema darstellen. Beleuchten aber auch Sternstunden des SERC, etwa den Aufstieg der Mannschaft in die erste Bundesliga unter Trainer Peter Ustorf im Jahre 1981.
Dokumentarfilm, ja das ist "auf dünnem Eis". Ein durchaus auf bestimmte Themenkomplexe fokussierter allerdings: In der Beleuchtung von 100 Jahren SERC sollen gleichzeitig auch die gesellschaftlichen Veränderungen, die sich während dieser Zeit in Schwenningen ergeben haben, betrachtet werden. "Wir wollen den Finger heben und auf bestimmte Dinge aufmerksam machen", ergänzt Sören Lauinger. So will der Film auch untersuchen, welche Auswirkungen die allgemeine Kommerzialisierung des Eishockeysports auf den SERC hatte und hat. "Keine schmutzige Wäsche" wolle man in dem Dokumentarfilm waschen, betont Sören Lauinger. Maik Boegel deutet dennoch eine kritische Haltung des Films an: "Was passiert ist, muss man sagen", bemerkt er.
Der kritische Ton - er schwingt bereits im Titel des Film mit. "auf dünnem Eis", da spielen die Eishockeyspieler im wahrsten Sinne des Wortes. Gleichzeitig war in 100 Jahren Vereinsgeschichte die Zukunft des Vereins manches Mal "auf dünnes Eis" gebaut.
Krakelig zieht sich denn auch der Titel in Sütterlinschrift über das Bild. In einem Schrifttypus, in dem bereits das Gründungsbuch des SERC verfasst war. So schließt sich vorläufig der Kreis: In einer Hommage an einen Verein, der den Namen Schwenningens ins Land hinausgetragen hat. Alexia Sailer
