Was dem 44-Jährigen aus Pfaffenweiler erst widerfahren, dann zuteil geworden ist - es lässt sich in der ganzen Bandbreite der Emotionen kaum beschreiben. Zunächst ein schwerer Motorradunfall im Jahr 2006 und die Diagnose Querschnittslähmung in der Folge.
Dann ein zermürbender Rechtsstreit um Verantwortlichkeiten mit der Polizei – das Unglück hatte sich in der Folge einer Radarkontrolle ereignet (wir berichteten mehrfach). Und nun das: Tresselts Freunde haben ihm eine Harley umgebaut. Maßanfertigung, Spezialausführung, viele Teile als Unikat. Für ihn als Rollstuhlfahrer. Und der große Traum wurde wahr: Michael Tresselt kann jetzt wieder Gas geben.
Michael Tresselt ist Motorrad-Freak durch und durch. Wie seine besten Kumpels. Zwei KFZ-Meister, ein Mechatroniker, ein KFZ-Sachverständiger – kurzum: eine ziemlich versierte Gruppe. Thomas Koch hatte als erster die Idee, ob man nicht eine „Fat Boy“ für den Michael umbauen könnte. Aus der fixen Idee wurde ein Plan und dann kam auch schon der Kauf. Sie legten einfach zusammen und kauften das Motorrad. In einer Villinger Garage wurde das Gefährt dann umgebaut, und zwar so, wie wohl noch nie irgendwo in der Welt eine Harley umgebaut wurde.
Die Aufgabenstellungen waren klar und enorm. Zum Beispiel: Fußbremse und Fußschaltung kann Michael Tresselt nicht bedienen. Also mussten die Bedienelemente hoch an den Lenker verlegt werden. Jetzt hat er eine Harley mit Handschaltung links und die Fußbremse wurde zur Daumen-Bremse, die ebenfalls links am Lenker betätigt werden kann. Oder: Weil die Beweglichkeit von Michael Tresselt nur eingeschränkt vorhanden ist, musste ein Weg gefunden werden, wie er überhaupt sein Motorrad besteigen kann. Die Lösung: Das Gefährt wurde – ebenfalls nicht ganz einfach – tiefer gelegt.
Klar war, dass der Rollstuhlfahrer Sicherheit beim Fahren brauchte. Die Jungs haben nicht lange gefackelt und der Harley eine Hinterachse eingebaut. Dies wiederum erforderte einen kompletten Umbau der Abgasanlage. Damit nicht genug. Der Rahmen des Feuerstuhls musste verlängert werden, um das neue Hinterteil sicher an das Vorderteil anbinden zu können.
Hunderte von Stunden haben sie geschuftet. Mit einer unbändigen Vorfreude, mit all ihrer Kraft und mit ihrem ganzen Wissen. Ein Jahr Bauzeit. Neun Männer. Voller Einsatz. Und dann wurden sie unsicher: Was wäre eigentlich, wenn Michael Tresselt gar nicht mehr aufs Motorrad will? Es war wieder abends bei einem Feierabendbier in der Montagehalle, als sie eine Zwischen-Präsentation des halbfertigen Geräts beschlossen. Sie holten ihren Freund ab. Was sich dann ereignete, das soll ganz einfach privat bleiben. Na klar, er wollte wieder fahren.
Es war ein großartiger Abend. Alle waren neu motiviert. Probleme wurden mit Elan angegangen. Verflixt: Die Harleyschaltung harmonierte nicht mit der Handsteuerung. Also musste eine neue Schaltung her. Erst eine aus England, nichts ging. Dann eine aus den USA – wieder nichts. Ein deutsches Teil funktionierte dann – endlich.
Zwischendurch stellte sich heraus, dass das Gefährt einen Rückwärtsgang benötigt. Auch dieser Brocken wurde aus dem Weg geräumt. Michael Tresselts Harley hat jetzt rechts am Motorblock einen Hebel. Legt er den um, wird das Motorrad rückwärts angetrieben.
Die dreirädrige Harley wurde so Stück für Stück zu einer technischen Wundertüte sondersgleichen. Und am Schluss kam der TÜV. Oh weh? Nein: Hier waren Experten am Werk. Alles konnte abgenommen werden. Das Motorrad wurde zur Sicherheit auf 34 KW und 120 Stundenkilometer begrenzt. Der Michael sollte ja nicht mehr rasen.
Monate später die offizielle Übergabe der Harley. Stunden voller Emotionen. Michael Tresselt gewährt dazu einen Satz zum ungefähren Verständnis: „Da haben gestandene Männer die Sonnenbrille aufsetzen müssen . . .“
Und so fährt er wieder. Road-Captain seiner Gruppe, derjenige also, der voraus fährt, wie früher. Sein Rollstuhl ist auf der Hinterachse verzurrt. Gibt er mit der mächtigen Maschine Gas, ist es ein Gefühl voll mit Glück. Seinen Freunden und sich selbst hat er versprochen, vorausschauender zu fahren. Die Straße, sie ist wieder sein Freund.
Seine erste Tour führte an der Unfallstelle vor Rietheim vorbei. „Da hab ich kurz hingeschaut und dann Gas gegeben“, sagt Michael Tresselt. Vor ihm liegt sein neues Leben. Seine bewährten Freunde, sie begleiten ihn.

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